"Papa, ich brauche ein Schlagzeug! Jetzt!"

Verena Zaiser aus Leonberg hat eine Leidenschaft: Herumtrommeln! Und zwar auf allem, was ihr in den Weg kommt. Was vor fast 15 Jahren auf Kochtöpfen angefangen hat, baut die 30-Jährige immer mehr zu ihrem Broterwerb aus.

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Artikel vom 03. Januar 2019 - 06:00

LEONBERG. Angefangen hat alles im Jahre 2004 als Verena Zaiser mit ihrem Vater auf einem Konzert der Band Dicke Fische in Holzgerlingen war. "Dieses Konzert hat mich so begeistert, dass mir danach klar wurde: 'Papa, ich brauch ein Schlagzeug! Jetzt!'" Doch die junge Schlagzeugerin wurde zunächst ein halbes Jahr lang von ihren Eltern belächelt. "Ich war mir aber sicher, dass da kein Weg dran vorbei führt." Da sie kein Schlagzeug bekam, baute sie sich kurzerhand ihr eigenes.

Ausgerüstet mit Kochlöffeln, verschiedenen Töpfen und einem Vesperbrettchen konnte sie ihren Eltern über einen langen Zeitraum beweisen, dass es ihr ernst war. Mit Erfolg! 2005 bekam sie endlich ihr erstes Schlagzeug, das im Wohnzimmer aufgestellt wurde. So machte sie die ganze Nachbarschaft damit jeden Tag stundenlang schalu. "Irgendwann durfte ich dann in den Keller umziehen, bekam meinen eigenen Raum und startete meine Karriere in einer Metalband."

Die Karriere startete in einer Metalband

Die zerbrach leider anderthalb Jahre später und Verena Zaiser setzte ihre Karriere in einer Psychedelic-Rock-Band fort. Auch diese Band zerbrach anderthalb Jahre später. "Ich war so frustriert und resigniert, dass ich alles an den Nagel gehängt habe." Sie spielte über vier Jahre kein Schlagzeug mehr.

"Eines Morgens dachte mir: Wie konnte das passieren? Wie konnte ich mir die Liebe zu diesem Instrument kaputt machen lassen?" Fest entschlossen begab sie sich sofort auf die Suche und fand eine neue Band namens Challenge of Tomorrow. Diese Band zerbrach nicht nach anderthalb Jahren, im Gegenteil, sie existiert noch heute und noch heute sitzt Verena Zaiser an den Drums. Die Funk-Band entfachte ihre Leidenschaft neu. Jetzt nahm sie sogar Schlagzeugunterricht.

2016 kam dann bei einem Drumcamp - eine Art großer Workshop für Schlagzeuger - alles an richtig ins Rollen. "Die Schlagzeuger-Community hat mich mit ihrer herzlichen Art, ihrem Ehrgeiz, der Leidenschaft für das Instrument und dem Bedürfnis, alles Wissen weiterzugeben und zu teilen so fasziniert, dass mir klar wurde: Hier ist mein Platz."

Nach dieser Woche besuchte sie ein Drumcamp, Drumworkshop und eine Jam Session nach der anderen, um von anderen zu lernen, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben und andere mit ihrer Leidenschaft anzustecken.

Kurz darauf startete sie ihre eigene Facebook-Seite, programmierte eine eigene Webseite, legte sich einen Instagram-Account zu und beschloss 2017, an einem Wettbewerb namens "Hit like a Girl" teilzunehmen, um von einer professionellen Jury Feedback zu erhalten. Zusätzlich begann sie in einer Party-Cover-Band namens Canis zu spielen, um noch mehr dazu zu lernen, verschiedene Eindrücke zu bekommen und größere Bühnen bespielen zu können. Auch diese Band existiert noch.

Pro YouTube-Video 40 Stunden Arbeitsaufwand

2017 der nächste große Schritt: Verena Zaiser machte sich nebenberuflich selbstständig als Schlagzeugerin. Ein Jahr später stieg sie ins YouTube-Business ein. Der Plan: jeden Monat ein Schlagzeug-Video veröffentlichen. Nun klingt das für Menschen, die noch nie ein Video gedreht haben, relativ einfach und unkompliziert: "Da nimmt man halt ein Handy, stellt das irgendwo hin und spielt den Song ein paar Mal". Zaiser wurde bereits beim ersten Video eines Besseren belehrt: "Der Arbeitsaufwand pro Video betrug bis zu 40 Stunden. Neben der sinnvollsten Positionierung mehrerer Kameras und des Aufnahmegeräts, der richtigen Ausleuchtung, kam auch noch eine authentische Performance dazu."

Ist der Dreh fertig, folgt ein äußerst aufwendiger Schnitt mit Programmen, deren Umgang man eigentlich über Monate und Jahre hinweg erlernt oder gar studiert. Dazu kommt dann noch der Aufwand, das ganze Video zu veröffentlichen und publik zu machen und in sämtlichen Social-Media-Kanälen zu streuen. "Es mag banal klingen, aber es frisst Unsummen an Zeit, Posts vorzubereiten, passende Fotos dafür zu machen, zu bearbeiten und zeitlich effektiv einzutakten." Dieses ganze Vorhaben neben einem nicht ganz unstressigen Fulltime-Job als Software-Entwicklerin durchzuziehen, hat Zaiser ihre Grenzen aufgezeigt.

Aber sie zog es durch, produzierte regelmäßig Videos und machte damit die türkische Beckenfirma TRX Cymbals auf sich aufmerksam. Die bot ihr im Herbst des Jahres ein Sponsoring an, welches sie überglücklich annahm.

Ihr großer Traum ist eine Schlagzeug-Surf-Schule

Für 2019 hat die Schlagzeugerin, die in Holzgerlingen aufgewachsen ist, auch schon Pläne. "Ich habe mir vorgenommen, mit dem Unterrichten zu beginnen und andere für dieses Instrument zu begeistern. Mein größter Traum ist es, eine Schlagzeug-Surf-Schule in einem warmen Land am Meer aufzubauen." Bis dahin ist Leonberg aber auch eine annehmbare Option für sie. "Bis es soweit ist, würde ich meine Bürozeit gerne reduzieren und meine Schlagzeug-Arbeitszeit erhöhen." Mehr Schlagzeug, weniger Schreibzeug.

Oft wird Zaiser darauf angesprochen, dass es ja etwas total Untypisches sei, als Frau Schlagzeug zu spielen. "Ich muss ganz offen sagen, dass diese Wahrnehmung ,etwas Besonderes' zu sein Vor- und Nachteile mit sich bringt."

Es gebe einen gewissen Prozentsatz Menschen, der sie intuitiv unterschätze und sie in die "Oh, eine Frau die gut aussieht und Schlagzeug spielt? Das kann ja nix werden"-Schublade stecken würde, sagt sie. Dann gebe es einen gewissen Prozentsatz, der das bewundert und sich für einen freue und das Vorhaben unterstütze. Es gebe aber auch einen Prozentsatz, der der festen Überzeugung sei, dass man, nur weil man eine Frau ist, "so erfolgreich" sei und schließlich gebe es noch einen Prozentsatz, der einen ganz normal behandele.

"Ich gebe zu, dass man es als Frau mit den Marketing-Themen etwas einfacher hat, fühle mich aber auch zum Teil sehr gekränkt, wenn jemand meint, dass das, wo ich jetzt bin, unverdient ist. Ich habe über Jahre hinweg sämtliche Zeit und Leidenschaft investiert, um da zu sein, wo ich jetzt bin und glaube, dass das nur bedingt etwas mit meinem Geschlecht zu tun hat. Ich habe mich viel mit anderen Schlagzeugerinnen unterhalten, die ähnliche Sprüche gehört haben und absurd schlechten Anmachen ausgesetzt waren", berichtet sie.

"Ich glaube, das Geschlecht spielt überhaupt keine Rolle dabei, wie gut man als Schlagzeuger ist. Die einzigen Dinge, die für mich zählen sind Ehrgeiz, Konsequenz, Spaß, Talent, Herzblut und Leidenschaft."

LEONBERG. Angefangen hat alles im Jahre 2004 als Verena Zaiser mit ihrem Vater auf einem Konzert der Band Dicke Fische in Holzgerlingen war. "Dieses Konzert hat mich so begeistert, dass mir danach klar wurde: 'Papa, ich brauch ein Schlagzeug! Jetzt!'" Doch die junge Schlagzeugerin wurde zunächst ein halbes Jahr lang von ihren Eltern belächelt. "Ich war mir aber sicher, dass da kein Weg dran vorbei führt." Da sie kein Schlagzeug bekam, baute sie sich kurzerhand ihr eigenes.

Ausgerüstet mit Kochlöffeln, verschiedenen Töpfen und einem Vesperbrettchen konnte sie ihren Eltern über einen langen Zeitraum beweisen, dass es ihr ernst war. Mit Erfolg! 2005 bekam sie endlich ihr erstes Schlagzeug, das im Wohnzimmer aufgestellt wurde. So machte sie die ganze Nachbarschaft damit jeden Tag stundenlang schalu. "Irgendwann durfte ich dann in den Keller umziehen, bekam meinen eigenen Raum und startete meine Karriere in einer Metalband."

Die Karriere startete in einer Metalband

Die zerbrach leider anderthalb Jahre später und Verena Zaiser setzte ihre Karriere in einer Psychedelic-Rock-Band fort. Auch diese Band zerbrach anderthalb Jahre später. "Ich war so frustriert und resigniert, dass ich alles an den Nagel gehängt habe." Sie spielte über vier Jahre kein Schlagzeug mehr.

"Eines Morgens dachte mir: Wie konnte das passieren? Wie konnte ich mir die Liebe zu diesem Instrument kaputt machen lassen?" Fest entschlossen begab sie sich sofort auf die Suche und fand eine neue Band namens Challenge of Tomorrow. Diese Band zerbrach nicht nach anderthalb Jahren, im Gegenteil, sie existiert noch heute und noch heute sitzt Verena Zaiser an den Drums. Die Funk-Band entfachte ihre Leidenschaft neu. Jetzt nahm sie sogar Schlagzeugunterricht.

2016 kam dann bei einem Drumcamp - eine Art großer Workshop für Schlagzeuger - alles an richtig ins Rollen. "Die Schlagzeuger-Community hat mich mit ihrer herzlichen Art, ihrem Ehrgeiz, der Leidenschaft für das Instrument und dem Bedürfnis, alles Wissen weiterzugeben und zu teilen so fasziniert, dass mir klar wurde: Hier ist mein Platz."

Nach dieser Woche besuchte sie ein Drumcamp, Drumworkshop und eine Jam Session nach der anderen, um von anderen zu lernen, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben und andere mit ihrer Leidenschaft anzustecken.

Kurz darauf startete sie ihre eigene Facebook-Seite, programmierte eine eigene Webseite, legte sich einen Instagram-Account zu und beschloss 2017, an einem Wettbewerb namens "Hit like a Girl" teilzunehmen, um von einer professionellen Jury Feedback zu erhalten. Zusätzlich begann sie in einer Party-Cover-Band namens Canis zu spielen, um noch mehr dazu zu lernen, verschiedene Eindrücke zu bekommen und größere Bühnen bespielen zu können. Auch diese Band existiert noch.

Pro YouTube-Video 40 Stunden Arbeitsaufwand

2017 der nächste große Schritt: Verena Zaiser machte sich nebenberuflich selbstständig als Schlagzeugerin. Ein Jahr später stieg sie ins YouTube-Business ein. Der Plan: jeden Monat ein Schlagzeug-Video veröffentlichen. Nun klingt das für Menschen, die noch nie ein Video gedreht haben, relativ einfach und unkompliziert: "Da nimmt man halt ein Handy, stellt das irgendwo hin und spielt den Song ein paar Mal". Zaiser wurde bereits beim ersten Video eines Besseren belehrt: "Der Arbeitsaufwand pro Video betrug bis zu 40 Stunden. Neben der sinnvollsten Positionierung mehrerer Kameras und des Aufnahmegeräts, der richtigen Ausleuchtung, kam auch noch eine authentische Performance dazu."

Ist der Dreh fertig, folgt ein äußerst aufwendiger Schnitt mit Programmen, deren Umgang man eigentlich über Monate und Jahre hinweg erlernt oder gar studiert. Dazu kommt dann noch der Aufwand, das ganze Video zu veröffentlichen und publik zu machen und in sämtlichen Social-Media-Kanälen zu streuen. "Es mag banal klingen, aber es frisst Unsummen an Zeit, Posts vorzubereiten, passende Fotos dafür zu machen, zu bearbeiten und zeitlich effektiv einzutakten." Dieses ganze Vorhaben neben einem nicht ganz unstressigen Fulltime-Job als Software-Entwicklerin durchzuziehen, hat Zaiser ihre Grenzen aufgezeigt.

Aber sie zog es durch, produzierte regelmäßig Videos und machte damit die türkische Beckenfirma TRX Cymbals auf sich aufmerksam. Die bot ihr im Herbst des Jahres ein Sponsoring an, welches sie überglücklich annahm.

Ihr großer Traum ist eine Schlagzeug-Surf-Schule

Für 2019 hat die Schlagzeugerin, die in Holzgerlingen aufgewachsen ist, auch schon Pläne. "Ich habe mir vorgenommen, mit dem Unterrichten zu beginnen und andere für dieses Instrument zu begeistern. Mein größter Traum ist es, eine Schlagzeug-Surf-Schule in einem warmen Land am Meer aufzubauen." Bis dahin ist Leonberg aber auch eine annehmbare Option für sie. "Bis es soweit ist, würde ich meine Bürozeit gerne reduzieren und meine Schlagzeug-Arbeitszeit erhöhen." Mehr Schlagzeug, weniger Schreibzeug.

Oft wird Zaiser darauf angesprochen, dass es ja etwas total Untypisches sei, als Frau Schlagzeug zu spielen. "Ich muss ganz offen sagen, dass diese Wahrnehmung ,etwas Besonderes' zu sein Vor- und Nachteile mit sich bringt."

Es gebe einen gewissen Prozentsatz Menschen, der sie intuitiv unterschätze und sie in die "Oh, eine Frau die gut aussieht und Schlagzeug spielt? Das kann ja nix werden"-Schublade stecken würde, sagt sie. Dann gebe es einen gewissen Prozentsatz, der das bewundert und sich für einen freue und das Vorhaben unterstütze. Es gebe aber auch einen Prozentsatz, der der festen Überzeugung sei, dass man, nur weil man eine Frau ist, "so erfolgreich" sei und schließlich gebe es noch einen Prozentsatz, der einen ganz normal behandele.

"Ich gebe zu, dass man es als Frau mit den Marketing-Themen etwas einfacher hat, fühle mich aber auch zum Teil sehr gekränkt, wenn jemand meint, dass das, wo ich jetzt bin, unverdient ist. Ich habe über Jahre hinweg sämtliche Zeit und Leidenschaft investiert, um da zu sein, wo ich jetzt bin und glaube, dass das nur bedingt etwas mit meinem Geschlecht zu tun hat. Ich habe mich viel mit anderen Schlagzeugerinnen unterhalten, die ähnliche Sprüche gehört haben und absurd schlechten Anmachen ausgesetzt waren", berichtet sie.

"Ich glaube, das Geschlecht spielt überhaupt keine Rolle dabei, wie gut man als Schlagzeuger ist. Die einzigen Dinge, die für mich zählen sind Ehrgeiz, Konsequenz, Spaß, Talent, Herzblut und Leidenschaft."

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