Ein detailreiches Porträt zu 100 Jahren Bernstein

Buchtipp: Sven Oliver Müller hat zum runden Geburtstag des berühmten amerikanischen Dirigenten eine Biographie veröffentlicht

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Artikel vom 13. Dezember 2018 - 18:00

Von Jan Renz

BÖBLINGEN. 2018 ist das Bernstein-Jahr. Am 25. August wäre das amerikanische Musikgenie 100 Jahre alt geworden. Gefeiert wird das immer noch, mit Konzerten und Artikeln, neulich konzentrierte man sich bei der Jazztime in der Böblinger Kongresshalle auf den US-Amerikaner. Bernstein war ein einzigartiges Phänomen. Viele Bücher wurden über ihn geschrieben. Alles scheint trotzdem noch nicht gesagt worden zu sein.

Zu seinem 100. Geburtstag ist nun eine anregende Monographie erschienen, veröffentlicht von einem Dozenten für Zeitgeschichte, der an der Universität Tübingen lehrt. Untertitel seines Buches: "Der Charismatiker". Keine trockene wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein lebendiger Essay.

Er wurde nur 72 Jahre alt und rauchte 150 Zigaretten am Tag

Er wurde nur 72 Jahre alt, hat sich mit Alkohol, Nikotin und einem exzessiven Lebensstil zugrunde gerichtet. Er rauchte 150 Zigaretten am Tag. Bernstein ist nicht auf einen Begriff zu bringen, das versucht Müller auch gar nicht, sondern beleuchtet unterschiedliche Facetten. Bernstein schien aus mehreren Persönlichkeiten zu bestehen: Er war Dirigent, Pianist, Komponist, Fernsehmoderator, Dozent, Schriftsteller. Jedes Kapitel beleuchtet eine andere Facette: "Der Gefühlsmensch", "Der Amerikaner", das letzte: "Tod und Verklärung".

Natürlich glühte er für die Musik. Er habe keinen Lieblingskomponisten, er liebe einfach die Musik. Aber besonders nah stand ihm Gustav Mahler, zu dessen Renaissance Bernstein beitrug. Er habe das Gefühl, dessen Sinfonien selbst komponiert zu haben. Bernstein war der erste Dirigent, der alle Mahler-Sinfonien aufnahm.

Aber er war auch ein Selbstdarsteller, der sich zu inszenieren wusste. Diese mediale Selbstinszenierung rückt der Autor in den Blick. Wie das Präsidentenpaar bestieg das Ehepaar Bernstein ein Flugzeug, drehte sich um und winkte lächelnd in die Menge. Bernstein umgab sich gerne mit Berühmtheiten: Seine Frau Felicia sagte in einem Interview Ende der 50er Jahre: "In vielerlei Hinsicht ist er wie ein Kind. Er genießt es, prominent zu sein, doch sein größtes Vergnügen besteht darin, mit anderen Prominenten zusammen zu sein." Einige Jahre vorher schrieb die Schauspielerin an ihren späteren Mann: "Werde endlich erwachsen, Liebster."

Leonard Bernstein war der erste amerikanische Pultstar, der in den USA ausgebildet wurde, eine Symbolfigur des amerikanischen Traums: Er entstammte einfachen Verhältnissen, aus einer osteuropäischen jüdischen Einwandererfamilie und wurde zu einem Weltstar, der sich mit Statussymbolen wie teuren Autos umgab. Der berühmte Avantgarde-Komponist Karl-Heinz Stockhausen schrieb an Bernstein: "Es besteht eine geheime Beziehung zwischen Ihrer Seele und der Seele Mozarts - vielleicht wissen Sie es."

Müller arbeitet viele Details in sein Buch ein: Bernstein war Gourmet und ein exzellenter Koch. Anfang der 80er Jahre spielte er in München mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks "Tristan" ein, für ihn das zentrale Werk der Musikgeschichte. "Jetzt ist mein Leben vollendet." Über 70 Werke unterschiedlicher Gattungen hat der Komponist Bernstein geschaffen. Sein voller Terminkalender ließ ihm wenig Zeit: Oft mussten Freunde die Orchestrierung eines neuen Werks fertigstellen. Er war überzeugt, immer das gleiche Stück zu komponieren. Sein größter Wunsch: ein einziges überragendes Werk zu schaffen, für das man ihn immer in Erinnerung behalten würde. Dazu ist ein Musical geworden: die "West Side Story". Ein wahres Wunderwerk, der Höhepunkt der Gattung.

Bernstein litt unter Schlaflosigkeit und arbeitete oft die ganze Nacht

Ein eigenes Kapitel ist dem "Privatmann" vorbehalten. Felicia und Leonard hatten getrennte Schlafzimmer, der Komponist litt unter Schlaflosigkeit und arbeitete deshalb oft die ganze Nacht, während seine Frau in den Morgenstunden aufstand. Ein Journalist wollte wissen: Wären Sie Politiker geworden, wenn Sie nicht Musiker geworden wären?" Die Antwort: "Ich weiß nicht, ich glaube, ich bin beides zugleich. Schreiben Sie ruhig, dass ich ein politischer Musiker bin, aber nicht umgekehrt."

Im Alter wird Europa für den Amerikaner immer wichtiger. Bernstein genießt die Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern. Zum Glück ist sie auf CD und DVD dokumentiert. Müllers Buch ist sicher nicht das letzte, aber eines der wichtigsten über diese Musikpersönlichkeit.

Sven Oliver Müller: "Leonard Bernstein. Der Charismatiker". Reclam, 2018.
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