Tag der deutschen (Maß-)Einheit

Vor der Einführung des metrischen Systems in Deutschland war die Vermessung der Welt ziemlich kompliziert. Fuß und Elle waren von Region zu Region unterschiedlich lang. Viele andere Einheiten wie Nösel, Hempte oder Simri sind längst vergessen.

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Artikel vom 03. Oktober 2018 - 07:00

DEUTSCHLAND. Bevor 1793 die Franzosen den Meter erfanden und dieser knapp hundert Jahre später auch in Deutschland einheitlich eingeführt wurde, herrschte in den deutschen Landen ein kunterbuntes Sammelsurium an Maßen.

Bekanntestes Überbleibsel und über Jahrhunderte das Maß überhaupt, war der Fuß. Wobei, der Fuß? Wohl eher die Füße. Schließlich hatte fast jede Region ihren eigenen Fuß. Ein Württemberger Fuß maß beispielsweise 286 Millimeter. Ein Berliner Fuß hingegen 313 Millimeter. Die Berliner lebten früher eben noch auf großem Fuß. Ähnliches Durcheinander herrschte bei der Elle, die ja ebenfalls auf einem Körperteil basiert.

Jede Region hatte ihren eigenen Fuß

Ermittelt wurde die geltende Länge durch einfache Mittelrechnungen. Stadtschreibers Jakob Köbel aus Oppenheim beschrieb 1535 beispielsweise, dass zur Ermittlung eines Messfußes wahllos 16 Menschen, die aus der Kirche kamen, einen ihrer Schuh aneinanderreihen mussten. Die Gesamtlänge wurde dann durch 16 geteilt.

Heute gibt es den internationalen, den "angelsächsischen Kompromissfuß", festgelegt 1959. Der misst exakt 304,8 mm. Der wird auch in Deutschland noch verwendet. In der Fliegerei zum Beispiel. Einfach weil es international üblich ist, Flughöhen in Fuß anzugeben. Geht es hingegen um Segelflug, Luftschiffe oder Fallschirmspringen messen die Deutschen in Metern. Wer weiß, auf welcher Logik das fußt.

Wer sich zudem schon immer gefragt hat, warum die Maße eines Fußballtors so seltsam sind: Schuld ist auch hier der Fuß. Das Eckige ist nämlich genau acht Fuß hoch und acht Yards breit.

Aus Redewendungen noch bekannt ist der Scheffel. Manch einer stellt zum Beispiel sein Licht gerne darunter. Die Einheit galt ab 1557 flächendeckend immerhin in ganz Württemberg und damit auch in Böblingen, schreibt Stadtarchivar Christoph Florian. Sie war im Getreidemaß die größte Einheit mit 177,23 Litern. Der Scheffel setzte sich wiederum zusammen aus acht Simri, Ein Simri wiederum bestand aus vier Vierlingen, der Vierling aus zwei Achtel, der Achtel dann aus vier Ecklein und dieses schließlich aus einem Viertelein.

Wenn nun ein Schwabe aber nach Stapelholm in Schleswig reiste und dort einen Scheffel Getreide erstand, in dem Glauben, ein unfassbares Schnäppchen gemacht zu haben, hätte er doch besser mal genauer hingeschaut, denn im hohen Norden war ein Scheffel nur 21,58 Liter. Auch die Untermaße waren andernorts anders. Ein halber Scheffel war in Niedersachsen eine Hempte oder Himpe.

Bevor in Württemberg der Scheffel flächendeckend eingeführt wurde, orientierte sich Böblingen beim Getreidemaß am Calwer Amt. Die größte Einheit des Getreidemaßes war dabei der Malter. Da aber Getreide nicht gleich Getreide ist, betrug der Malter beim Roggen mit seiner glatten Frucht 131,74 Liter und beim Dinkel und Hafer mit eher rauher Frucht 142,05 Liter.

Nautische Einflüsse:

Anker, Eimer, Planken

Für Flüssigkeiten galten wieder ganz andere Maßeinheiten. Da gab es beispielsweise den Nösel. In Dresden 467,5 Milliliter, in Emden als Biernösel 511 Milliliter. Im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin ist der Ösel (das N versank wohl in der Nordsee) Teil einer Einheiten-Kette, die den ein oder anderen nautischen Einfluss erkennen lässt: Ein Ahm = vier Anker = fünf Eimer = 20 Viertel = 40 Stübchen = 80 Kannen = 160 Pott/Quartier = 320 Ösel/Planken/Stück = 640 Pegel = Lübecker Ohm = 1,455 Hektoliter.

Böblingen orientierte sich bei den Flüssigkeiten laut Christoph Florian am Amt Stuttgart. Die größte Einheit war dort das Fuder. Das Fuder wiederum bestand aus sechs Eimern, der Eimer aus 16 Imi, der Imi aus zehn Maß und das Maß aus vier Viertelmaß. "Und auch bei den Flüssigkeiten gab es Differenzierungen, denn für den trüben, unvergorenen Wein galt die Trübeich als Maß. Für den hellen, vergorenen Wein die Hell- oder Lautereich und schließlich für die Berechnung von Abgaben wurde die Schenkmaß herangezogen," so Florian.

Ein Fuder Trübeich machte 1840,72 Liter, ein Fuder Hell- oder Lautereich 1763,56 Liter und ein Fuder neue Schenkeich 1603,24 Liter aus. Wer vor 1557 in Böblingen eine Maß (vergorenen) Weins stemmte, konsumierte also fast zwei Liter (1,84) des geistigen Getränks.

Bei unseren Nachbarn in Bayern und Österreich verbreitet war der Pfiff. Nein, nicht das Geräusch, sondern das Volumenmaß. Es zählte zu den kleinsten Flüssigkeitsmaßen und war stets die Hälfte der kleinen Maße, die in den Wirtshäusern in der Regel zum Ausschank kamen. Heute ebenfalls in einem anderen Kontext bekannt, ist der Schock. Er entsprach fünf Dutzend, also 60 Stück. Der Bauernschock hingegen entsprach 64 Stück.

Ein Hundert Stockfische sind 124 Stück

Ganz verwirrend wird es schließlich bei der Maßeinheit Hundert. Ein Hundert Stockfisch beispielweise sind nicht etwa 100 Stück, sondern 124. Ein Hundert Bretter hingegen 120. In der Regel entsprach ein kleines Hundert unseren heute gebräuchlichen 100 Stück.

Wer ein Schuss Brot kaufte, erstand derer zwei. Man könnte noch stundenlang weitermachen. Vom Zimmer über den Faden bis zum Schöberlein. Doch auch Maße seien in Maßen genossen.

                                     
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