Läuft wie am Schnürchen

Dieter Baumann präsentiert auf einem Laufband joggend sein neues Programm beim Böblinger "Sommer am See"

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    Er läuft und läuft und läuft.... Dieter Baumann auf dem Laufband

Artikel vom 14. September 2018 - 17:00

Von Anne Abelein

BÖBLINGEN. Langstreckenlauf und etwa 24 Quadratmeter Bühne - wie geht das zusammen? Ganz einfach, mit Hilfe eines Laufbands. Und auf einem solchen präsentierte Dieter Baumann am Donnerstagabend in der Alten TÜV-Halle ein ganzes Kabarettprogramm. Dabei führte er durch Höhen und Tiefen seines Läuferlebens und verblüffte sogar mit Tanzeinlagen.

2011 hat Dieter Baumann den berühmten 100-Kilometer-Lauf der Bieler Lauftage zurückgelegt. Und diesen will er an diesem Abend mit dem Böblinger Publikum erneut durchleben. Der sehnige Olympiastar, der in der Freizeit noch immer in Tübingen und Unterjesingen seine Runden dreht, hat dazu auf der Bühne ein Laufband aufgebaut. "Dieter Baumann, läuft halt (weil singen kann er nicht)" heißt sein Programm. Sportsfreunde im Publikum hat er schnell ausgemacht, etwa Marathon-Spezialist "Horst". Das anfeuernde Gelächter der Zuschauer spornt ihn zu Höchstleitungen an.

Baumann ist ein Meister darin, sich neu zu erfinden

Dabei ist seine Spezialdisziplin eigentlich die 5000-Meter-Strecke, auf der er zwei olympische Medaillen errang - 1988 in Seoul Silber und 1992 in Barcelona Gold. Doch Baumann ist ein Meister darin, sich neu zu erfinden: Nach dem Abschied vom Hochleistungssport stieg er auf Halbmarathon und Marathon um. Bis 2011 wirkte er als Trainer, ab 2009 lief er im Kabarett zu Hochform auf, und 2012 erprobte er sich sogar im schauspielerischen Fach - in einem selbst verfassten Theaterstück nach Siegfried Lenz' Roman "Brot und Spiele". Auch mehrere Bücher rund ums Laufen hat er verfasst und schreibt auch für "Runner's World".

Nach einigen Vorbereitungen wie Übungsläufen und Stoppuhr-Stellen kann es losgehen. Auf den ersten Kilometern trabt Baumann durch idyllische Dörfer, die sich dank seiner lebhaften Schilderung bald detailreich vor dem Auge des Publikums ausbreiten. Leider kann von Heuduft und munteren Dorffesten keine Rede sein, es regnet in Strömen. "Immer locker-leicht, das ist die Devise!", ruft Baumann dennoch, der sich neben dem Laufen und Kabarett auch als Motivationstrainer betätigt. Wie stellt man es an, so einen Mammutlauf zu beginnen? Am besten, indem man vom Frühstücksbuffet im Hotel träumt, das den atemlosen Läufer durch die Nacht am Ende erwartet.

Dieter Baumann legt dem Zuschauer aber auch Alan Sillitoes "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" ans Herz. In dem Roman schlägt ein Häftling nach seinem Knastaufenthalt buchstäblich eine neue Laufbahn ein - und wird Sportler. Sillitoes Klassiker gibt Baumann außerdem die Gelegenheit, von seinen Erfahrungen mit Häftlingen zu berichten, die er für Wettläufe zwischen den Haftanstalten trainiert hat. "Ich war schon in jedem Knast in Deutschland", so der Sportstar. Auch eine kleine Gesangseinlage bietet Baumann - schön monoton mit zwei Tönen auf dem Keyboard begleitet: "Und wohin jetzt mit der Medaille?" ist eigentlich ein Song des Musikkabarettisten Sebastian Krämer, passt aber auch perfekt auf Baumann. Nicht einmal einkaufen kann man damit, klagt der Sportstar.

Irrwitzige Laufübungen begeistern das Publikum

Als Laufstar wird Baumann natürlich von zahlreichen Hobby-Joggern mit Bitten um Tipps überschüttet. Sein Rat ist simpel: "Jeder läuft, wie er läuft." Zur überbordenden Freude des Publikums demonstriert er aber dann einige irrwitzige Laufübungen - mit den Hacken an den Po, mit den Schenkeln himmelwärts, drehend, beschwingt galoppierend und sogar rückwärts.

Es geht stetig voran, und Baumann plaudert in einem fort flinkzüngig über Gott und die Welt und das Laufen, ohne dass ihm jemals die Puste ausgeht. Nebenbei schlüpft er in die Rolle von anfeuernden Zuschauern und Radbegleitern und lässt noch einmal seine gesamte Sportlaufbahn Revue passieren. Der Kommentar zu seinem legendären Sieg in Barcelona ertönt, Baumann erlebt mehrere "Flows" beim Laufen und steppt zu "Singing in the Rain". Er lässt aber auch die Qualen der letzten 30 Kilometer nicht aus.

"Jeder Lauf ist ein Leben", ist sein Resümee. Koordination, ein stützendes Team und Familie seien zum Beispiel die Faktoren, die man zu einem gelungenen Lauf braucht, und er versinnbildlicht sie mit einem Puzzle. Auch weniger glorreiche Elemente wie die Zahnpasta-Affäre bringt er unter. Wie viele Kilometer ist er eigentlich an diesem Abend gerannt? Neun, aber es schienen 100.

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