Apple, Facebook und andere digitale Drogendealer

Der Kabarettist HG. Butzko widmet sich in seinem neuen Programm den Auswüchsen der Smartphone- und Social-Media-Gesellschaft

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    HG. Butzko beim "Sommer am See" in der Alten TÜV-Halle in Böblingen Foto: edi

Artikel vom 13. September 2018 - 17:18

Von Eddie Langner

BÖBLINGEN. "Ich hab dir doch gesagt, das wird anstrengend", sagt HG. Butzko in Richtung eines Zuschauers bei seinem Auftritt in der Alten TÜV-Halle, "aber da musst du jetzt durch. Das ist wie beim Zahnarzt. Da kannst du auch nicht einfach während der Wurzelbehandlung aufstehen." Der Vergleich klingt hart, trifft es letztlich aber ziemlich genau, denn Butzko geht dahin, wo's weh tut und zieht dabei - zumindest im sprichwörtlichen Sinne - so manchen Zahn.

Nicht ohne Grund nannte ihn die Jury bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises vor vier Jahren "einen Meister des investigativen Kabaretts". Diesem Ruf wird Butzko auch an diesem Mittwochabend wieder gerecht, als er vor rund 130 Zuschauern sein brandneues Programm namens "Echt jetzt" vorstellt. Genauer gesagt: Er probiert es aus, denn dieser Auftritt im Rahmen der Reihe "Sommer am See" ist eine von einer ganzen Reihe von Vorpremieren.

Dass dieser Testlauf für sein mittlerweile zehntes Programm in Böblingen stattfindet, hat einen guten Grund. Als nämlich der gebürtige Schalker im Jahr 1997 mit dem Kabarett anfing, fand sein allererstes Gastspiel außerhalb des Ruhrpotts im Alten Amtsgericht in Böblingen statt. Seitdem ist er alle zwei Jahre bei den "Kultourmachern" zu Gast, um in Böblingen sein neues Material auszuprobieren.

Bei der Vorpremiere in der Alten TÜV-Halle testet Butzko sein Material am lebenden Objekt und schaut, welche Pointen zünden und welche nicht. Wobei - auf Schenkelklopfer und billige Lacher hat der "Hirnschrittmacher des deutschen Kabaretts", wie ihn ein Kritiker einmal genannt hat, es ohnehin nicht abgesehen. Stattdessen fordert er seine Zuschauer zum Nach- und Mitdenken auf. Wie gesagt: Ein Kabarettabend mit HG. Butzko ist eben anstrengend.

Dafür bringt er aber auch etwas: neue Erkenntnisse und Perspektiven. In einem Gedankenspiel skizziert Butzko zum Beispiel eine europäisch-afrikanische Geschichte mit vertauschten Rollen. Durch diesen Perspektivwechsel gelingt es ihm, ein System jahrhundertelanger Ausbeutung und Übervorteilung nachvollziehbar zu erklären.

Einen veränderten Blickpunkt richtet er auch auf die zunehmende gesellschaftliche Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschen. Dabei äußert er durchaus Verständnis für den Unmut der Menschen, die aus politischer Unzufriedenheit auf die Straße gehen. Er stellt aber auch klar, dass die Alternative für Deutschland seiner Ansicht nach deshalb noch lange keine Alternative ist: "Aus Protest AfD wählen ist, als würde man in einer Kneipe die Klobürste ablecken, weil einem das Bier nicht schmeckt", bringt er seine Meinung in typischer Ruhrpott-Deftigkeit auf den Punkt. Zumal die wahre "Mutter aller Probleme" für den Kabarettisten auch nicht die Migration, sondern die Macht der Banken ist. Aber dagegen gehe ja niemand auf die Straße, stellt er fest.

Anders als in Butzkos drei letzten Programmen spielen Finanzkrise und Bankenrettung diesmal allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Auch die anhaltenden #metoo- und #metwo-Debatten über Sexismus und Rassismus handelt er knapp, dafür aber gewohnt knackig ab. Stattdessen kommt er schließlich zu seiner Kernbotschaft: Als er in den Zuschauerreihen einen Gast dabei erwischt, wie er nebenher aufs Handy schaut, beginnt er mit seiner ebenso geistreichen wie bissigen Abrechnung mit den vermeintlichen Segnungen der Digitalisierung.

Die Munition dafür liefern ihm ausgerechnet jene Herren, denen wir die heutigen Zustände überhaupt erst verdanken. Tony Fadell, einen der Erfinder des iPhones, zitiert er zum Beispiel mit der entsetzten Feststellung, dass die eigentlich als Kommunikationsinstrumente angedachten Geräte in Wahrheit vor allem Ichbezogenheit und Selbstdarstellertum befördern würden. Am verheerendsten seien die Auswirkungen auf Kinder. Nimmt man ihnen das Smartphone weg, zeigten diese tagelang Entzugserscheinungen, zitiert Butzko den IT-Entwickler.

Ähnlich äußert sich der ehemalige Facebook-Vorstand Sean Parker, der zugibt, dass der Social-Media-Gigant seine "Bestätigungs-Gefällt-mir-Feedback-Schleife" absichtlich eingebaut habe, um ganz bewusst eine Schwäche in der menschlichen Psyche auszunutzen: "Weil durch diese Daumen-hoch- und Herzchen-Symbole kleine Glückshormonausschüttungen stattfinden, die Suchtmechanismen auslösen."

Das Fazit des Künstlers lautet daher so: "Die Digitalisierung wird von beziehungsgestörten Soziopathen gesteuert, die bewusst und mit voller Absicht flächendeckend ein Suchtmittel unter die Menschheit bringen." Seine persönliche Konsequenz hat HG. Butzko bereits gezogen: Am Aschermittwoch hat er seinen Facebook-Account gelöscht - und fühlt sich sauwohl damit.

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