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Diese Horrorfilme raubten uns den Schlaf

KRZ-Redakteure über ihre heftigsten Horrofilm-Erlebnisse

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    Foto/Montage: Thomas Bischof

Das Jahr ist noch längst nicht am Ende und dennoch haben Filmkritiker bereits den „verstörendsten Horrorfilm des Jahres“ gekürt: „Hereditary“ heißt der Mystery-Streifen, der auch Chefredakteur Jan-Philipp Schlecht (jps) beeindruckt hat. Welche Filme den Redaktionsmitgliedern Sandra Schumacher (scu), Florian Ladenburger (lad), Dirk Hamann (dih) und Eddie Langner (edi) schlaflose Nächte bereitet haben, erzählen sie hier.

Artikel vom 06. September 2018

Fesselnder Höllenritt in tiefe Abgründe

Der Besuch von „Hereditary – Das Vermächtnis“ hätte ein einigermaßen normaler Kinoabend werden sollen mit Popcorn, Cola und Im-Dunkeln-den-Sitz-nicht-richtig-Finden. Wurde es aber nicht. Der in diesem Jahr im Sommer gelaufene Horrorfilm von Regietalent Ari Aster ist derart böse, dass der Kinoabend nur äußerlich ein normaler war. Innerlich war der Streifen zutiefst verstörend. Dabei kommt er mit klassischen Zutaten aus: Einsames Haus am Waldrand, eine leicht desolate Familie, okkulte Praktiken, Geisterbeschwörung. Klingt erstmal nach dem üblichen Horror-Setting. Doch wie Ari Aster, der auch das Drehbuch geschrieben hat, diese Zutaten zu einem teuflischen Gebräu mischt, wie raffiniert er die familiären Abgründe inszeniert und alles immer schlimmer und am Ende einfach nur abgrundtief schockierend wird, das ist meisterhaft beängstigend.
Die Schlüsselszene vermittelt eine Ahnung davon: Peter, der ältere Sohn dieser vierköpfigen Durchschnitts-Familie, rast mit seiner kleinen Schwester Charlie auf dem Rücksitz durch die Nacht. Das Mädchen erleidet gerade einen allergischen Anfall, der ihr die Kehle zuschnürt. Gemeinsam waren sie auf einer Party, im Schokokuchen waren Nüsse, auf die Charlie allergisch ist – Peter hat nicht aufgepasst. Das Mädchen japst nach Luft und streckt den Kopf aus dem Volvo-Fenster. Peter – noch von der Party bekifft – muss einem toten Tier ausweichen und kommt einem Telegrafenmast am Straßenrand zu nahe. Der köpft seine kleine Schwester. Der Junge versinkt in einen tiefen Schock und fällt zuhause ins Bett.

Die Rest-Familie erlebt am nächsten Morgen ein grauenhaftes Erwachen: Charlie?s enthauptete Leiche liegt blutüberströmt auf dem Rücksitz der Familienkutsche. Mutter Annie schreit sich vor Schmerz die Seele aus dem Leib, bravourös gespielt von Toni Collette („The Sixth Sense“) an der Seite von einem etwas gealterten Gabriel Byrne, der den hilflosen und zunehmend verstörten Vater mimt. „Hereditary“ nimmt das Publikum von da an mit auf einen Höllenritt der Grusel-, Schuld- und Trauergefühle. Der Film inszeniert die Familie als Dreh- und Angelpunkt des Horrors und fesselt den Zuschauer vielleicht deshalb so unerbittlich. Großes Gruselkino. (jps)

 

Eins, zwei... Freddy kommt vorbei

Es gibt Momente, die dir deutlich vor Augen führen, dass Horrorfilme nichts für dich sind. Zum Beispiel wenn du spät nachts aus der S-Bahn steigst.
Die Straßen sind leer, die Nachbarn liegen in ihren Betten und du musst nur noch ein paar Schritte bis nach Hause laufen. Plötzlich fröstelt es dich, du blickst über die Schulter. Nichts. Mit einem mulmigem Gefühl im Bauch gehst du weiter – und hörst ein Rascheln im Gebüsch. Das war ein Vogel, brüllst du deiner Vernunft entgegen, die dir sagt, dass das Geräusch mitten in der Nacht nicht von einem Vogel stammen kann. Hat da gerade ein Haken im Licht der Straßenlaterne gefunkelt? Du beschleunigst den Schritt, kramst den Schlüssel aus der Tasche, flitzt durchs Gartentor, flüchtest in deine Wohnung, wo du dich sicher und geborgen fühlst.
Achja?! Der erste Weg führt dich ins Bad, wo du versuchst, NICHT in den Spiegel zu schauen und dein verräterisches Gehirn davon abzuhalten, drei Mal „Bloody Mary“ zu flüstern. Im Wohnzimmer schaltest du den Fernseher ein – und sofort wieder aus, weil der junge Bill Kaulitz über die Mattscheibe flimmert, verdächtig vor sich hinröchelt und so ausschaut, als wäre er gerade aus einem Brunnen gekrabbelt. Das Klingeln deines Smartphones ignorierst du, da der nächtliche Anrufer dir vermutlich nur ein heiseres „Sydney“ entgegenkrächzen will. Zwei abgekaute Fingernägel später fragst du dich, ob der Plüschteddy auf dem Sessel dich schon immer so komisch angestarrt hat. Du wirfst ihm die Decke über und schaust aus dem Fenster – vor dem Nebelschwaden entlangziehen, die einen leichten Grünstich zu haben scheinen. Mit bubberndem Herzen lässt du die Rolläden herunter und sperrst Jason Vorhees und Michael Myers aus, die dich mit tödlicher Sicherheit gerade von draußen beobachtet haben.
Du beschließt, dass es für heute reicht und krabbelst ins Bett, unter dem du zufällig einen Eisenlöffel und eine Packung Salz deponiert hast. Und plötzlich ist ER wieder in deinem Kopf. Er, der mit gestreiftem Pullover, schwarzem Hut und gewetzten Messerhänden nur darauf wartet, dass du einschläfst, um dich – wie es so seine liebenswürdige Art ist – im Traum gepflegt abzumetzeln. Und du weißt, dass deine Nacht mit Freddy lang wird. Sehr lang. Genau wie vor 20 Jahren, als du ihn kennengelernt hast. Gut, dass eine frische Packung Kaffee im Schrank steht. (scu)

 

Gottschalk mit Trabi in Hollywood

Vorneweg: Ich bin ein großer Fan von Thomas Gottschalk. Bei seiner letzten „Wetten, dass..?“-Sendung musste ich mit den Tränen kämpfen. Die Supernasen-Filme mit Mike Krüger waren zwar kein goldener Wurf, aber liebevoller deutscher Trash. Doch im Jahr 1991 landete der Lockenkopf einen grausamen Griff ins Klo. Mit „Trabbi goes to Hollywood“ sollte der German Superstar seinen Sprung nach Hollywood schaffen – schuf aber wohl eher ungewollt einen der größten Horrorfilme aller Zeiten. Und das nicht wegen seiner Klamotten!
Dabei waren die Grundvoraussetzungen gar nicht mal schlecht. Drehbuch und Regie verantwortete Jon Turteltaub, der später auch große Hollywoodfilme wie „Das Vermächtnis der Tempelritter“ drehte. Neben Thommy steht in der Besetzungsliste auch George Kennedy, bekannt als Chef von Leslie Nielsen in der „Die Nackte Kanone“-Reihe. Außerdem Billy Dee Williams, Lando Calrissian in den „Star Wars“ Episoden V und VI. Last but not least taucht auch noch James Tolkan, der strenge Schuldirektor Mr. Strickland aus der Filmreihe „Zurück in die Zukunft“, neben Gottschalk auf. Es hätte also klappen können.
Doch all dieses hervorragende Straßenfeger-Material wurde grandios in den Sand gesetzt. Der Streifen ist grausamer als jeder Horror-Film! Schon nach wenigen Minuten rollen sich den Zuschauern die Fußnägel hoch. Wenn schon die Amis den Film als „dummkopf movie“ beschreiben und sich beschweren, dass man Trabbi nur mit einem b schreibt, wird deutlich, was hier produziert wurde.
Gottschalk in der Hauptrolle spielt den ostdeutschen Erfinder Gunther Schmidt – wir sehen, die Hollywood-Schmiede hat wirklich alles daran gesetzt, um jegliches Klischee zu vermeiden! Er erfindet einen Trabant, der mit Zuckerrübensaft läuft und damit nicht nur umweltfreundlich, sondern auch rasend schnell ist. Das muss natürlich dringend in Hollywood präsentiert werden, also reist Gunther in den Wilden Westen der 90er, wo ihm prompt der flotte Flitzer geklaut wird.
An den Rest des Filmes weigert sich mein Gehirn allerdings, sich zu erinnern. Vermutlich, weil es mein Idol nicht als Hauptbestandteil eines schockierenden Filmes in Erinnerung behalten will. Sie glauben nicht, dass das einer der schlimmsten Horrorstreifen ist? Top die Wette gilt! Aber ich habe Sie gewarnt! (lad)

 

Nichts ist gruseliger als die Realität

Ui! Was haben wir uns gegruselt, damals, als in den 80ern John Carpenters „The Fog – Nebel des Grauens“ endlich im Fernsehen lief. Als Jugendliche saßen wir gebannt vor der Glotze, bangten um das Leben der Hauptdarstellerin Jamie Lee Curtis, die in gespenstischem Nebel einsam auf einem Leuchtturm als Radiomderatorin arbeitend von üblen, rachedurstigen Geister-Seeleuten heimgesucht wird. Haben wir dabei gezittert? Wollten wir am liebsten wegschauen bis der Spuk vorbei war? Jein.
Die Horrorfilm-Tür jedenfalls war nun geöffnet wie die Büchse der Pandora. Wir zogen uns einen Streifen nach dem anderen rein. Und die Schocker verloren zunehmend an Schrecken. Stephen Kings Clown in Es, Halloween, Freitag, der 13., Poltergeist, Candymans Fluch. Ach ja. Und irgendwann ist nach zwei Minuten Scream sowieso klar, welcher armseligen Darstellerin der Drehbuchschreiber nur einen Kurzauftritt gegönnt hat. Und welche Helden am Ende eines aufgeblasenen Finals ganz ohne anschließende Psychotherapie in eine glückliche Zukunft blicken dürfen. Horrorfilme, so nebulös ihre Handlung auch sein mag, haben ihren Schrecken verloren. Fog you.
Ist es nicht so, dass inzwischen die Realität viel furchterregender ist, als Hollywood sie uns vorgaukeln könnte? Heißt der mächtigste Mann der Welt nicht wirklich Donald Trump? Sind nicht überall in Europa Kräfte am Werk, die mit platten Sprüchen oder dreisten Lügen an unseren freiheitlichen Grundwerten rütteln? Herrscht nicht überall auf der Welt zu jedem Zeitpunkt ein wenig Gefahr, weil fanatische Terrororganisationen Menschen rekrutieren, denen es beim Töten egal ist, ob sie dabei selbst drauf gehen? Marschieren nicht wieder Geister auf Deutschlands Straßen, die ohne Schamgefühl von „Lügenpresse“, „Volksverräter“, „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ über „Absaufen“ bis hin zu „Sieg Heil“ herumgrölen? Gibt es nicht eine Partei, die diese braungefärbte Soße auch noch toleriert, mit in ihren blauen Topf wirft, manchmal noch befeuert und trotzdem erschreckend hohen Wählerzuspruch erhält?
Nein, diese Horrorfilmguckerei lohnt nicht mehr. Ein Blick auf diverse Facebook-Seiten, auf Twitter und in die täglichen Nachrichten reicht völlig aus, um Angstgefühle zu erhalten. Zumal keiner weiß, wie sich die Dinge auf der ganzen Welt entwickeln. So bitter es ist: Aktuell ist nichts gruseliger als die Realität. (dih)

 

Spaghetti Nostromo mit viel roter Soße

Der größte Schatz und zugleich der schlimmste Feind eines Kindes ist seine Phantasie. Ich zum Beispiel war bis ins Grundschulalter davon überzeugt, dass in unserem Heizkeller eine dunkle Gestalt namens „Bobo“ wohnt. Klingt bescheuert, war für mich aber sehr real.
Das ist eben die Macht der Phantasie. Deshalb sind für mich immer noch die Filme am gruseligsten, bei denen der Schrecken im Kopf passiert. Bei Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ ist das so: Den Hai sieht man lange Zeit gar nicht. Nur ab und zu taucht mal eine Flosse auf. Aber man weiß, dass er da ist. Und das macht einem so viel Angst – das und diese nervenzersägende Musik von John Williams. Als ich den Film das erste Mal sah, wollte ich jahrelang nicht einmal mehr im Baggersee schwimmen gehen.
Um meine Angst in den Griff zu bekommen, wollte ich lernen, wie Filme gemacht werden. So erfuhr ich zum Beispiel, dass Spielberg seinen Hai nur deshalb so selten zeigt, weil bei dem für den Dreh gebauten mechanischen Modell ständig die Technik versagte.
Mit wachsendem Filmwissen wurde meine Angst immer weniger. Ich fing an, die Tricks der Regisseure zu durchschauen, saß selbstzufrieden grinsend in meinem Sessel und stopfte mir Popcorn in den Mund. Kindliche Phantasie, wo war dein Schrecken?
Eine Weile lang ging das gut . . . bis, tja bis ich eines Tages „Alien“ sah. Der Film handelt von der Crew des Raumfrachters Nostromo, die auf dem Rückweg zur Erde wegen eines Notsignals auf einem einsamen Planeten zwischenlandet. Dort gelangt ein unheimliches Wesen an Bord, das später fast die ganze Crew verspeist.
Nach diesem Film war für mich nichts mehr wie vorher. Schuld daran ist Ridley Scott, den ich seitdem zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren zähle. Genau wie Spielberg hält auch Scott sein „Alien“ lange im Verborgenen. Umso mächtiger sind die bildstarken Schreckmomente, die einem buchstäblich ins Gesicht springen. Hinzu kommt das geniale Sounddesign, das die beklemmende Atmosphäre zusätzlich unterstreicht. Wie Aliensäure ins Gedächtnis geätzt hat sich mir aber vor allem die Szene, in der ein Crew-Mitglied beim Spaghetti-Essen Bauchschmerzen der tödlichen Sorte bekommt (Kenner wissen Bescheid . . .).
Eigentlich erstaunlich, dass Spaghetti auch danach noch mein Leibgericht geblieben sind. Auf die Bilder im Kopf, wenn mir der Magen mal wieder von einer zu großen Portion drückt, könnte ich aber liebend gerne verzichten. (edi)