"Wir wollten aus dem Bauch heraus aufnehmen"

Die Rockband Heisskalt, deren Mitglieder aus dem Kreis Böblingen stammen, hat ihr drittes Album "Idylle" veröffentlicht und heftige Reaktionen bei den Fans ausgelöst. Wir haben darüber mit Schlagzeuger Marius Bornmann gesprochen.

Artikel vom 29. August 2018 - 16:36

Hallo Marius. Euer drittes Album "Idylle" bietet ihr auf Eurer Homepage kostenlos zum Download an. Warum?

Ursprünglich wollten wir, dass die Käufer irgendeinen Betrag zahlen, den ihnen das Album wert ist. Doch das haben wir technisch leider nicht rechtzeitig hinbekommen. Und dann haben wir kurzfristig entschieden: Wir bieten das gratis an - die Zeiten sind eh vorbei, als Musiker mit dem Verkauf von Tonträgern Geld verdient haben. Das läuft jetzt viel mehr über die Konzerte und das Merchandising.

 

Dass ihr den Gratis-Download anbietet, konntet ihr selbst einfach so entscheiden?

Naja, wir haben uns zuletzt von unserer Label-Firma getrennt, weil wir das Gefühl hatten, dass wir auch gut ohne klarkommen. Die hätten das wahrscheinlich nicht mitgemacht. Aber jetzt sind wir freier.

 

Wie viele Downloads gab es denn seit der Veröffentlichung im Mai?

Ich glaube, ungefähr 5000. Das ist ok.

 

Und warum bietet ihr dann noch die LP für 20 Euro und die CD für 15 Euro an?

Heutzutage sind CDs und vor allem LPs Liebhaberstücke - das wollen wir schon anbieten, weil wir so etwas selbst gerne in der Hand halten. Aber verkauft haben wir noch nicht viele, offensichtlich haben die meisten Fans den Gratis-Download genutzt. (grinst)

 

Ihr klingt auf "Idylle" deutlich karger als früher und arbeitet an vielen Stellen mit reduzierten Sounds - weg vom energetischen Hardcore hin zu eher trockenem Punkrock mit Elektro-Einflüssen. Warum habt ihr das so gemacht?

Das war nicht geplant. Wir sind mit keinem fertigen Konzept ins Studio gegangen, sondern völlig offen. Fast alle Songs sind erst beim Aufnahmen entstanden. Davor haben wir die Stücke im Proberaum ewig ausgefeilt und dann erst aufgenommen. Diesmal wollten wir den Prozess verändern. Im Studio in Leipzig, in das Matze eingemietet ist, haben wir uns zweimal zwei Wochen zu dritt eingeschlossen, viel gejammt und daraus die Stücke entwickelt.

 

Warum wolltet ihr diese Veränderung im Aufnahmeprozess?

Ich glaube, uns war unsere eigene Arbeitsweise irgendwann einfach zu kopflastig. Wir wollten das mehr aus dem Bauch heraus machen und unter uns drei entstehen lassen. Wir hatten großes Vertrauen in die Dreier-Konstellation. Stärker als früher, als Matze die meisten Songs im Vorfeld geschrieben hat, ist es jetzt ein Gemeinschaftsprodukt. Hinzu kommt aber auch, dass der zeitliche Rahmen eine ganz pragmatische Entscheidung war. Wir wohnen sehr weit auseinender, haben inzwischen Familie und Kinder, da kann und will man nicht die ganze Zeit im Proberaum abhängen.

 

"Idylle" hat sehr kontroverse Reaktionen Eurer Fans ausgelöst - die einen schimpfen, die anderen jubeln. Wie geht ihr damit um?

Insgesamt finde ich es gut, wenn ein Album polarisiert. Es gibt ja auch Leute, denen unsere aktuelle Musik besser gefällt als die frühere. Wobei man sagen muss, dass die Reaktionen auf unsere erste und zweite Platte auch ziemlich kontrovers waren. Im Nachhinein wird das so dargestellt, als seien damals alle happy gewesen - aber das war nicht so. Außerdem sagen mir immer mehr Leute, dass sie die Platte nach mehrmaligem Hören doch ziemlich toll finden - die Musik braucht vielleicht ein bisschen Zeit.

 

In den sozialen Medien kritisieren einige User "Idylle" sehr heftig, manche schreiben, das sei nicht mehr Heisskalt. Ärgert euch das?

Puh, kommt darauf an. Wenn die Kritik zu persönlich wird, dann geht einem das schon an die Nieren, muss ich zugeben. Da bin ich wohl dünnhäutiger, als ich es gerne wäre. Aber manche Kommentare liest man auch einfach nicht zu Ende. Das Schlimme ist ja, dass viele Kritiker einem das nie ins Geschicht sagen würden, sondern halt im Netz verbreiten. Aber dass diese Musik nicht mehr Heisskalt sein soll, ist Schwachsinn. Das entscheiden immer noch wir, was Heisskalt ist.

Wegen der Popularität von Youtube sind bei der Veröffentlichung heutzutage die Videos ziemlich wichtig. Wie geht ihr damit um?

Da sind wir eifrig dabei, das macht uns großen Spaß. Wichtig ist der künstlerische Ansatz. Wir überlegen lange, was zu den Songs passt. Wobei wir bei den neuen Stücken einen sehr direkten und einfachen Weg gegangen sind. Wir haben die Videos in einem alten Gewächshaus nur mit Handys aufgenommen. Auch das hat natürlich für etwas Irritationen bei den Fans gesorgt.

 

Apropos Film: Ihr spielt in dem Kinofilm "So was von da" mit, der gerade gestartet ist?

Naja, das ist vor allem Matze. Der Regisseur Jakob Lass arbeitet bevorzugt mit Laien und lässt sie improvisieren. Irgendwie kam er auf uns. Dieser Film handelt von einem Clubbetreiber in Hamburg und dessen letzter Partynacht. Matze spielt eine der Hauptrollen, "Rocky", einen erfolgreichen, aber desillusionierten Rockmusiker. Wir sind seine Band. Ein superspannendes Projekt. Der Film ist ein interessanter Trip - absolut sehenswert.

 

Ihr habt Euch vor zwei Jahren kurz nach dem Erscheinen des zweiten Albums vom Bassisten Lucas Mayer getrennt. Warum?

Schwierig zu sagen. Es gab keinen konkreten Grund, wir haben uns einfach nicht mehr verstanden. Wenn man über Jahre hinweg unterwegs ist, kann es passieren, dass man irgendwann sagt: Das geht nicht mehr.

 

Zwischenzeitlich hat ein Freund am Bass ausgeholfen - jetzt spielt ihr eure Konzerte aber zu dritt?

Ja, die Sommer-Open-Airs haben wir zu dritt gespielt. Phil und Matze wechseln sich mit Gitarre und Bass ab, beim Song "Idylle" spielen sie sogar beide Bass. Ein bisschen schwierig war es, unsere alten Songs für das Trio zu bearbeiten, denn eigentlich sind die ja für zwei Gitarren konzipiert. Das klingt jetzt manchmal anders und ist für unsere Fans wahrscheinlich nicht leicht zu akzeptieren, aber für uns passt das gerade so. Allerdings sind wir bei der Besetzung noch überhaupt nicht festgelegt. Vielleicht holen wir für die Tour im Herbst wieder einen Bassisten dazu.

Matze lebt in Leipzig, Phil in Berlin, du in Stuttgart. Hat das viel verändert?

Klar, man muss anders kommunizieren. Matze und ich haben lange in einer WG in Stuttgart gewohnt, da musste man nur ins Nebenzimmer (lacht). Jetzt telefonieren wir viel, müssen alles besser organisieren, die Aufgaben klarer verteilen. Leichter hat es das nicht gemacht. Aber wir sehen uns ja oft - das bleibt also eine intensive Verbindung.

 

Ihr habt ja inzwischen auch Familie: Matzes Tochter ist eineinhalb Jahre, deine Tochter zehn Monate alt. Verändert das viel?

Na klar, die Prioritäten verschieben sich etwas. Man hat jetzt eine ganz andere Verantwortung. Und wenn wir dann mal länger zu Hause sind, können wir die Zeit mit unseren Frauen und Kindern richtig genießen.

 

Ihr habt 40 000 Follower auf Facebook, füllt Konzerthallen von Konstanz bis Flensburg, spielt auf riesigen Festivals wie "Rock am Ring" - aber von eurer Musik leben könnt ihr nicht, oder?

Nur von Heisskalt leider nicht. Aber ein bisschen was kommt schon rein. Allerdings verdienen wir übers Produzieren und Unterrichten ja auch noch Geld - also letztlich haben wir das Glück, dass wir von Musik insgesamt schon leben können. Aber klar - wenn wir bei "Rock am Ring" vor 10 000 Menschen spielen und alle begeistert sind, ist es ein bisschen nervig, dass man damit nicht genug Geld verdient. Dieser Punkt ist einfach unromantisch: Auf der einen Seite wollen wir künstlerisch authentisch sein und Emotionen wecken - auf der anderen Seite müssen wir schauen, wo die Kohle herkommt. Aber so ist das halt. Im Musikbusiness gibt's immer weniger, die davon leben können.

 

Welche weiteren Pläne habt ihr?

Am wichtigsten für uns ist erst einmal die Tour, die im Oktober startet. Live spielen ist für uns das A und O. Und wir haben ein gutes, eingespieltes Team am Start. Besonders freuen wir uns auf das Konzert im LKA in Stuttgart am 21. Dezember, unser Heimspiel. Darüber hinaus sind wir eigentlich ziemlich motiviert, bald die nächste Platte zu machen - mal schauen, wann. Und wie.

Bandmitglieder: Gitarrist Philipp "Phil" Koch (27) stammt aus Maichingen) und lebt jetzt in Berlin; Schlagzeuger Marius Bornmann (27) kommt ursprünglich aus Schönaich und wohnt in Stuttgart; Sänger und Gitarrist Mathias "Matze" Bloech (30) stammt aus Öschelbronn) und lebt in Leipzig.

Geschichte: Im Jahr 2010 hat sich Heisskalt als Quartett gegründet, damals noch mit Bassist Lucas Mayer, der aus Maichingen kommt. Sehr früh hatte die Band Riesenerfolge, sie tourte mehrfach durch ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich und hat regelmäßig auf den größten Festivals gespielt. 2014 erschien das erste Album "Vom Stehen und Fallen", 2016 das zweite Album "Vom Wissen und Wollen". Im selben Jahr trennte man sich von Lucas Mayer, bis zum Frühsommer 2018 waren live Gastbassisten dabei. Im Oktober sind Heisskalt in Österreich und der Schweiz unterwegs, ab Ende November ist die Band auf großer Deutschland-Tour.

Internet: http://www.heisskaltmusik.de

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