Sportlich mit Maus und Keyboard

So sieht ein entspannter Feierabend für Vivian Müssig (21) aus Weil der Stadt aus: Sie klemmt sich vor den PC, setzt das Headset auf und zockt "League of Legends"

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Artikel vom 22. August 2018 - 18:00

WEIL DER STADT. Ein leuchtend grüner Sessel, eine rot schimmernde Tastatur und eine orangene Computermaus, die aussieht, als könne man damit ein Raumschiff steuern. Daneben stehen lauter Figuren, die zwar lustig aussehen, einem Laien auf den ersten Blick jedoch nicht viel sagen. Das ist der heimische "Arbeitsplatz" von Vivian Müssig. Von hier aus steuert sie ihre Figuren durch die Welt von "League of Legends" (kurz: LoL). Über Kopfhörer verbunden mit anderen Mitspielern, die sich aus ganz Deutschland virtuell versammeln, um miteinander zu spielen.

Seit fünf Jahren spielt die 21-Jährige bereits regelmäßig L.o.L. Inzwischen sogar auf Vereinsebene. Im einzigen reinen Mädchen-Team, das es von diesem E-Sport-Label bis jetzt für League of Legends gibt. "Der Verein heißt Zodiac, aber League of Legends an sich ist da nicht der Schwerpunkt, es gibt auch Teams, die andere Spiele spielen", erklärt Müssig. Zodiac beherberge Profi- und Amateurteams. Der Unterschied: die Profi-Teams spielen in Turnieren unter anderem sogar um Preisgelder, während es in den normalen Gruppen einfach um den Spaß am Spiel geht.

Gruppengründerin hatte Macho-Sprüche satt

Ihr Team gehört zu letzterer Gruppe, hier steht einfach das gemeinsame Zocken im Vordergrund. Genau deswegen ist das Team auch überhaupt zustande gekommen. "Ein Mädchen hat damals eine Gruppe von anderen Mädchen gesucht, weil ihr die blöden Kommentare der männlichen Spieler auf die Nerven gegangen sind", erinnert sich die Weil der Städterin.

Diese Gruppe war schnell gefunden. Und zwar über viele Kilometer verteilt. Aus Berlin, Sachsen, Bayern, Wien und der Region Stuttgart versammeln sich die Mädels mindestens einmal die Woche, um gemeinsam zu trainieren. Schließlich haben sie alle die gleichen Probleme aus gemischten Gruppen kennenlernen müssen. "Manche Typen boosten andere Mitspieler, helfen ihnen also, wenn es schlecht aussieht in dem Spiel. Und dann erwarten sie oft eine Gegenleistung, durch Flirten oder so", rollt Müssig mit den Augen. "Die sehen das Spiel als eine Art Partnerbörse, was ein bisschen schade ist." Das sei zwar nicht die Regel, aber dennoch auf Dauer anstrengend. "Außerdem sind Jungs emotionaler, wenn im Spiel mal was nicht klappt, und regen sich viel schneller auf", fügt sie grinsend hinzu.

Der Coach dieser Gruppe ist aber zum Beispiel trotzdem männlich. Schließlich gebe es ja Gott sei Dank nicht nur Machos und Schwerenöter unter den männlichen Zockern. Sein Verdienst ist es auch, dass die Mädels sich mittlerweile unter dem Schirm von Zodiac befinden. "Wir haben nach einem neuen Coach gesucht, weil unserer nicht mehr so viel Zeit hatte. Dann kam unser jetziger Trainer und hat mal die Vertretung übernommen." Von diesem sei das Team so begeistert gewesen, dass sie ihn kurzerhand baten, ihr richtiger Coach zu werden. "Der meinte sofort: Klar gerne, aber dann müsst ihr auch unserem Verein beitreten", schmunzelt Müssig. Gesagt, getan. Sogar Trikots hat das "Team Zodiac" inzwischen bekommen, wie Vivian Müssig stolz zeigt.

Doch wie läuft so ein Vereinstraining bei Computerspielen eigentlich ab? "Wir haben alle feste Plätze in dem Spiel. Eine Runde geht etwa eine halbe Stunde und danach bespricht der Coach mit uns, wie wir uns verbessern können", erörtert Müssig und ergänzt lachend: "Ich stell' mir das eigentlich ziemlich langweilig für ihn vor, aber ihm macht das Spaß." Tournaments, also geplante Wettkämpfe gegen ein festes anderes Team, hatten Müssig und die anderen Damen bisher eines. "Das haben wir aber gewonnen", verrät die fröhliche junge Frau.

Keine Lust auf eine Profi-Karriere

Auf richtig professioneller Ebene spielen möchte sie allerdings nicht. "Ich denke, da geht dann der Spaß verloren", meint Müssig. Auch in dem Bereich zu arbeiten, kommt für sie überhaupt nicht in Frage. "Ich habe schon einen Job, den ich liebe und das Computerspielen ist einfach ein Hobby." Denn Müssig studiert bereits seit einigen Semestern dual Maschinenbau bei Trumpf. Ein Beruf, dem sie gerne auch in Zukunft treu bleiben möchte. Trotzdem heißt das nicht, dass sie bei ihrem Hobby keinen Ehrgeiz hat. "Wir wollen natürlich immer besser werden und die E-Sport-Szene ist ja auch interessant, vor allem, weil sie in den letzten Jahren immer weiter gewachsen ist", findet Müßig.

Letztes Jahr fand sogar die ESL-Meisterschaft von League of Legends in Stuttgart statt, ein Wettbewerb für die besten Spieler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf einer riesigen Leinwand wird hier das Spiel übertragen. Drum herum sitzen die Zuschauer und können mitfiebern. "Ich hab' es leider nicht geschafft hinzugehen", bedauert Vivian Müssig. Allerdings findet dieses Jahr ein ähnliches Event bei der Gamescom in Köln statt (siehe unten), und da werde sie auf jeden Fall hingehen.

Gamescom ist der Ort für erste reale Begegnungen

"Irgendwie ist so eine Gamescom ein bisschen wie Blinddating, weil man da die ganzen Leute im realen Leben trifft, mit denen man sich sonst nur unterhält und zockt", überlegt die Gamerin. Auch sie und ihr Team sehen sich dort dann zum ersten Mal "im richtigen Leben".

Die Anzahl weiblicher Spieler - zumindest bei LoL - ist nach Müssigs Meinung gestiegen. "Es sind zwar immer noch deutlich weniger Frauen als Männer, aber in meiner Freundesliste machen inzwischen zumindest schon mal etwa zehn Prozent Frauen aus." Und schließlich outen sich auch nicht alle Spieler sofort als Frau oder Mann. "Am Anfang habe ich auch immer nur mit Leuten gespielt, die ich kenne, und auch nur mit denen über Headset kommuniziert", blickt die 21-Jährige zurück.

Auf LoL sei sie übrigens über ihren Cousin gekommen, der am Bodensee lebt. "Das war so eine Möglichkeit, regelmäßig in Kontakt zu bleiben", erinnert sie sich. Damals spielte Müssig noch auf einem klapprigen Laptop. Ein Blick durch ihr Zimmer verrät, wie viel Zeit seitdem vergangen ist. "Da war ich aber auch noch ein totaler Noob", verwendet Müssig den Jargon-Ausdruck für blutige Computerspiele-Anfänger. "Da konnte ich noch nichts. Aber nach und nach bin ich besser geworden und habe irgendwann sogar meinen Cousin überholt."

Wer sich Vivian Müssig jetzt aber als Klischee-Zockerin vorstellt, die den ganzen Tag zuhause sitzt und die Augen nicht vom Bildschirm wendet, ist definitiv auf dem Holzweg. Denn die quirlige Studentin ist ein richtiges Energiebündel. Wenn sie also nicht gerade in ihrer Rolle als Supporterin in der Welt von League of Legends unterwegs ist, reist sie durch die richtige Welt, klettert und bouldert viel und treibt auch sonst unheimlich gerne Sport.

"Das Computerspielen ist einfach perfekt, wenn man nach einem langen Tag ein bisschen soziale Interaktion braucht, aber keine Lust mehr hat, rauszugehen", zuckt sie die Schultern. "Außerdem hat man durch die ganzen Kontakte immer eine Möglichkeit bei jemandem unterzukommen, wenn man eine Städtereise macht." Computerspiele können nämlich durchaus sozial sein, ebenso wie Frauen in Spielen genauso gut sein können wie Männer - wenn nicht besser.

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