Die Gesellschaft ist am Ende

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Artikel vom 22. April 2018 - 20:30

Von Roland Häcker

Der Roman spielt in den 2020er Jahren. Angela Merkel wird 72. Es ist bereits einige Jahre her, dass sie zurückgetreten ist, weil sie die Wahl gegen die politische Rechte verloren hat. Die hat ihre Macht genutzt, um das Flüchtlingsproblem auf ihre Weise zu lösen, die demokratischen Strukturen abzubauen und für eine Entpolitisierung der Gesellschaft zu sorgen.

Themen wie Menschenrechte, Europa, Erhaltung des Weltfriedens oder freie Meinungsäußerung interessieren kaum jemand mehr. Die Tageszeitungen sind vom Markt verschwunden. Die Bürger dieses "neuen Deutschlands" sind frei von politischen Gedanken und moralischen Wertvorstellungen. Das bedingungslose Grundeinkommen hat sie vom Zwang zur Berufstätigkeit befreit. Damit sie nicht aufmüpfig werden, bedarf es gelegentlicher Angstattacken in Form von Terroranschlägen.

Hier kommen Britta und Babak und ihre Organisation "Brücke" ins Spiel. Ihr Geschäftsmodell: Sie liefern für diese Gewalttaten ausgewählte Selbstmörder. Deren ansonsten sinnloser Tod bekommt durch ein Attentat für "irgendetwas" noch ein kleines bisschen Bedeutung. Das Geschäft ist attraktiv. Aber dann erwächst der "Brücke" Konkurrenz. Der Kampf um den Suizid-Markt eskaliert. Wer am Ende siegt, ist nicht eindeutig zu erkennen.

Juli Zeh knüpft mit diesem Thriller an den Science-Fiction-Roman "Corpus Delicti" an, worin sie ebenfalls eine kaputte Zukunftsgesellschaft beschrieben hat. Aber während dort noch Gute und Böse unterscheidbar sind, fehlen in "Leere Herzen" positive Identifikationsfiguren. Selbst die sympathische Julietta lässt sich für ihren Suizid auf ein zweifelhaftes Ziel ein. Dieser Roman verzichtet auf jedes optimistische Zeichen. Die Gesellschaft ist am Ende und scheint sich dabei sogar noch wohlzufühlen.

Juli Zeh: Leere Herzen. Verlag Luchterhand, 2017.
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