Finalistin aus Weil im Schönbuch bei Miss-Happy-Curvy-Wahl

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    Mit ihren Tätowierungen und ihrer „vorlauten Gosch“ hebt sich Julia Kreuzer von den anderen Mitbewerberinnen ab Fotos: Simone Ruchay-Chiodi
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    Weitere Teilnehmerin aus dem Kreis: Die 36-jährige Böblingerin Viviana Rodrigues hat portugiesische Wurzeln. Sie ist gelernte Hotelfachfrau, arbeitet aber seit zehn Jahren im Einzelhandel im Modebereich Foto: privat

Artikel vom 12. April 2018

WEIL IM SCHÖNBUCH (edi). „Mist! Wir haben ja vorher gar keine Erkennungsmerkmale für das Treffen ausgemacht!“ Macht aber nichts: Die Sorge, Julia Kreuzer an diesem sonnigen Aprilnachmittag zwischen all den anderen Sonnenanbeterinnen am Unteren See in Böblingen zu übersehen, ist nämlich komplett unbegründet: Mit ihren tätowierten Unterarmen, pinkfarbenen Fingernägeln, den langen blonden Haaren und einem auffälligen T-Shirt im Hip-Hop-Stil fällt einem diese Dame ohnehin sofort ins Auge.
Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, warum die 31-jährige Altenpflegerin aus Weil im Schönbuch am 28. April im Finale der „Miss Happy Curvy“-Wahl in Leinfelden-Echterdingen steht. „So ein bunter, verrückter Vogel hat denen wohl noch gefehlt“, erklärt die junge Frau lächelnd, warum sie es von anfangs 80 Bewerberinnen in die Endauswahl von 23 Finalistinnen bei diesem Schönheitswettbewerb für kurvige Frauen geschafft hat.
„Kurvig“: Das ist auch der Begriff, den Julia Kreuzer verwendet, wenn sie über sich selbst spricht. Weil sie Kleidergröße 42-44 trägt, muss die Mutter von zwei Töchtern (acht und neun Jahre alt) ihre Klamotten in der „Plus-Size“-Abteilung suchen. Besonders viel Auswahl habe sie dort nicht: „Für Frauen in meiner Größe gibt es da nur Zelte im Laden“, zuckt sie mit den Schultern. Zu ihrem Glück betreibt ihr Lebensgefährte einen eigenen Street-Art-Modelabel, der auch für Frauen jenseits von Kleidergröße 36 etwas zu bieten hat. Bei dem Treffen mit der Kreiszeitung trägt sie ein T-Shirt aus der Kollektion mit dem markanten Goldaufdruck.
Wie kam sie eigentlich dazu, bei diesem Model-Wettbewerb mitzumachen? Freunde seien über Facebook auf den Wettbewerb aufmerksam geworden und hätten sie dazu ermuntert, erzählt Kreuzer. Sie ließ sich nicht lange bitten, bewarb sich und wurde Ende Januar zum Casting ins SI-Zentrum eingeladen. Bereits am Tag zuvor sollte sie zu einem „Fitting“ kommen, wo man Designer-Kleidung für sie auswählte und an ihre Maße anpasste.
„Ich bin da schon mit Bauchschmerzen hingegangen, aber als es losging, ist die Nervosität gleich verflogen“, erzählt sie vom Casting. Einen kurzen Panikmoment habe sie dann aber doch noch erlebt – und zwar als die Jury sie bat, einen kleinen „Walk“ aufs Parkett zu legen. „Um Gottes Willen“, habe sie sich da nur gedacht. „Aber am Ende hat es wohl ganz gut geklappt“, vermutet Julia Kreuzer, denn zwei Wochen später erfuhr die Kandidatin mit der Startnummer 29, dass sie es ins Finale geschafft hat.
Die Erfahrung, zusammen mit Dutzenden anderen Frauen von einer Jury begutachtet zu werden, empfand sie offenbar als sehr positiv. „Alle waren sehr freundlich“, berichtet sie von einer geradezu familiären Atmosphäre.
Auch den Umgang unter den Kandidatinnen habe sie als respektvoll erlebt. Das Klischee von stutenbissigen Konkurrentinnen, die bei Schönheitswettbewerben die Ellenbogen ausfahren und sich gegenseitig angiften, kann die Weilemerin jedenfalls nicht bestätigen. „Alle waren sehr verschieden, und ab Größe 42 war jede Gewichtsklasse vorhanden“, beschreibt sie das Teilnehmerfeld. „Und jede für sich war richtig schön“, findet sie.
Dass sie nun zusammen mit einer weiteren Kandidatin aus dem Kreis Böblingen (siehe obiges Foto) unter den Finalistinnen gelandet ist, liegt ihrer Ansicht nach daran, dass sie eben sehr speziell sei. „Mit meinen Tätowierungen und meiner vorlauten ,Gosch? bin wohl ein bisschen der Kontrast zu ganzen Normalen“, vermutet Kreuzer.
An Selbstvertrauen scheint es ihr tatsächlich nicht zu mangeln. Obwohl auch sie sich in ihrem Leben schon einiges habe anhören müssen, weil sie mit ihrer Figur nicht der Norm entspricht. „Das ging schon in der Schulzeit los“, erzählt sie. Aber Julia Kreuzer hat gelernt, mit Spott und abschätzigen Blicken umzugehen. „Ich habe mir da eine Schutzschicht zugelegt“, sagt sie.
Außerdem umgibt sich die 31-Jährige mit Menschen, die sie nicht auf ihr Äußeres reduzieren – oder sie gerade deshalb schätzen. Bei Männern aus Afrika sei das zum Beispiel so. Mit ihrer Figur gelte sie dort als besonders begehrenswert. „Wenn wir zusammen essen gehen, muss ich mir da nicht wegen jedem Bissen Gedanken machen“, spricht sie aus Erfahrung.
Von ihrem eigenen Selbstvertrauen würde sie auch anderen Frauen gerne etwas abgeben. Deshalb gehe es ihr bei der „Miss Happy Curvy“-Wahl auch nicht darum, auf dem Siegertreppchen zu landen. „Ich rechne mir da keine großen Chancen aus“, sagt sie. Ihr gehe es vielmehr darum, anderen Frauen, die sich wegen ihrer Figur unwohl fühlen, die Hemmungen zu nehmen. In der medialen Aufmerksamkeit, die sie durch ihre Teilnahme bekommt, sieht sie eine Chance: „Wenn ich es dadurch schaffe, dass dadurch morgen auch nur zwei Frauen selbstbewusster auf die Straße gehen, dann habe ich schon gewonnen“, findet sie.
Weit weg vom Model-Klischee
Tatsächlich fällt es gar nicht so einfach, sich Julia Kreuzer mit Miss-Wahl-Schärpe um den Leib und Krönchen auf dem Haupt vorzustellen. Und zwar gar nicht wegen ihres Äußeren, sondern weil sie mit ihrer flippigen und zugleich bodenständigen Art ganz weit weg ist vom Klischee des brav lächelnden Modepüppchens, das sich im Interview „Weltfrieden“, insgeheim aber einen hochbezahlten Model-Vertrag wünscht.
Julia Kreuzer ist da ganz anders. Als Altenpflegerin in der Heimbeatmung kümmert sie sich um Menschen, die nicht (mehr) eigenständig atmen können. Sie tut dies als Mitarbeiterin bei einem häuslichen Pflegedienst, der sie jeweils zwölf Stunden bei den Patienten bleiben lässt. Nachdem Kreuzer zuvor ihre Ausbildung im Pflegeheim in Weil im Schönbuch gemacht hat, weiß sie dieses Arbeitsmodell jenseits von Personalmangel und ständigem Zeitdruck sehr zu schätzen. „Die Arbeit macht mir wirklich Spaß“, erklärt sie. „Außerdem ist Altenpflege ein sinnvoller Beruf, der nie ausstirbt“, stellt sie fest.
Wenn Julia Kreuzer spricht, tut sie das gerade heraus. Sie trägt ihr Herz, wie man so schön sagt, auf der Zunge. Aber nicht nur da: Auch auf ihrer Haut kann man vieles über sie ablesen. Allein ihre Unterarme sind voller Schriftzeichnungen, Bildmotive und Symbole. „Der linke Arm ist für die Familie“, sagt sie. Dort sind unter anderem die Abdrücke der Füßchen und Händchen ihrer Töchter abgebildet. Auf dem rechten Arm steht zwischen zwei Marienkäfern dieser Wahlspruch: „Lebe in der Vergangenheit, wenn du traurig sein willst, lebe in der Zukunft, wenn du ängstlich sein willst. Wenn du glücklich sein willst, genieß? den Moment.“
Innere Einstellung schützt vor Erwartungsdruck
Ihre innere Einstellung schützt sie vor Erwartungsdruck und Zerrbildern, die Frauen tagtäglich in den Medien begegnen. Von Heidi Klums Model-Zirkus will sie deshalb nichts wissen. „Definitiv nicht“, schüttelt sie nur den Kopf, wenn man sie fragt, ob sie sich „Germany?s next Top Model“ anschaut. „Einfach  nur krank“ findet sie diese Show, in der jungen Frauen ein absurdes Schlankheitsideal vorgelebt werde.
Eine junge Frau namens Kera Rachel Cook, über die wir hier bereits mehrfach berichtet haben, hat einen hohen Preis für ihre Teilnahme bei „GNTM“ bezahlt. Nachdem Heidi Klum ihr ein zu hohes Gewicht attestierte und aus der Show warf, geriet sie zunächst in eine Krise, arbeitete dann als Plus-Size-Model und geht jetzt als Persönlichkeits-Coach gegen jegliche Form von Model- und Schönheitswahn auf die Barrikaden.
Dass auch Julia Kreuzer bei der bevorstehenden „Miss Happy Curvy“-Wahl auf ihr Äußeres reduziert wird, ist ihr bewusst, es stört sie aber nicht. Sie sieht sich vielmehr als Vorkämpferin für all jene Frauen, die sich wegen ihrer Figur unwohl fühlen. Darum gehe es für sie bei diesem Wettbewerb.
Zumal sie in den Augen ihrer beiden Töchter ohnehin schon ganz das imaginäre Gewinnerkrönchen auf dem Kopf trägt. „Für die bin ich schon jetzt die Siegerin“, strahlt die junge Mutter.

 

  Info: "Wir lieben Kurven" - so lautet das Motto für die Wahl zur "Miss Happy Curvy" am Samstag, 28. April, um 19.30 Uhr in der Filderhalle in Leinfelden-Echterdingen. Insgesamt 80 Kandidatinnen aus ganz Deutschland hatten sich bei den zwei Castings der Stuttgarter Modelagentur Akademie Flair Events vorgestellt. 23 Kandidatinnen stehen im Finale und dürfen nun auf dem Laufsteg ihre Modell-Qualitäten beweisen. Die Jury wird drei Siegerinnen küren. Als Belohnung winkt ein Modelvertrag. "Ich möchte nicht, dass Curvy Models in der Modebranche wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden", wird Agenturchefin Elfi Ochs in dem Magazin "Wundercurves" zitiert. Ziel der Veranstaltung sei es auch, Frauen zu mehr Selbstakzeptanz zu bewegen. "Frauen sollen sich nicht klein machen oder verstecken, sondern zu sich und ihrem Körper stehen", findet Elfi Ochs, die ihre Agentur schon seit mehr als 30 Jahren führt. Karten für die "Happy Miss Curvy"-Wahl kosten im Vorverkauf 28,50 Euro (zuzüglich Versandkosten), an der Abendkasse 31,50 Euro. Tickets können per Mail unter der Adresse MissHappyCurvy@aol.com oder unter Telefon (07 11) 78 28 59 33 bei der Agentur bestellt werden. Mehr Infos unter http://www.miss-happy-curvy.de.