Auf Zukunftsängste macht er sich seinen eigenen Reim

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    Fernab von prolligen Rapper-Klischees: Benjamin Rauser alias Ben Venuto Foto: Thomas Bischof

Benjamin Rauser stammt aus Aidlingen. Unter dem Künstlernamen Ben Venuto schreibt er Rap-Texte mit Tiefgang. Auf den Durchbruch im Musikgeschäft arbeitet er seit Jahren hin. Der Weg dorthin ist aber alles andere als einfach.

Artikel vom 05. April 2018 - 07:30

AIDLINGEN (edi). Beim Gespräch mit Benjamin Rauser kommt einem unwillkürlich eine Songzeile aus Baz Luhrmanns 90er-Jahre-Hit "Everybody's Free (To Wear Sunscreen)" in den Kopf: "Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie nicht wissen, was Sie mit Ihrem Leben anfangen sollen", heißt es dort, "die interessantesten Menschen, denen ich begegnet bin, hatten mit 22 noch keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen. Und einige der interessantesten Menschen über 40 wissen es heute noch nicht."

Vom Schwabenalter ist Ben Venuto, wie der in Aidlingen aufgewachsene Rapper sich in Anlehnung an das italienische "Willkommen" nennt, noch weit entfernt. Trotzdem sagt er: "Den sozialen Druck spüre ich sehr." Er meint damit die allgegenwärtige Erwartungshaltung im Land der Schaffer und Häuslesbauer, dass er als 26-Jähriger doch bitteschön so langsam mal ankommen soll in einem möglichst erfolgreichen Berufsleben.

Wirklich angekommen ist er aber wohl noch lange nicht. Sein Lebensweg verläuft eben nicht in einer geraden Linie. Immer wieder gibt es überraschende Abzweigungen: Das bodenständige Mechatronikstudium an der Uni Stuttgart bricht der technikbegeisterte Ben ab. "Trotzdem habe ich viel mitgenommen", sagt er rückblickend.

Stattdessen geht er als Teilnehmer einer Reality-TV-Sendung zum Thema Nachhaltigkeit auf klimaschonende Weltreise, produziert Werbespots im Privatradio, studiert an der Popakademie in Mannheim oder schmiert als Stagehand Brötchen für Jennifer Rostock und andere Musik-Profis.

Vieles, was Ben tut, geht auf seine soziale Einstellung zum Leben zurück. "Ich kann mich gut in andere Menschen hineinversetzten, mich hineinfühlen", sagt er über sich selbst. In Cannstatt unterstützt er den jungen Ali aus Togo, gibt ihm Nachhilfe oder hilft ihm bei Behördengängen. In Ehningen schleppt er sein Equipment in die Flüchtlingsunterkunft, um dort mit dem 22-jährigen Rapper Zarif afghanische Hip-Hop-Tracks aufzunehmen. Und vergangenes Jahr organisierte er gemeinsam mit einem Freund einen Austausch mit jungen Menschen aus Stuttgarts tunesischer Partnerstadt Menzel Bourguiba.

Viel Geld verdient ist mit all dem nicht, deswegen schlägt er sich mit diversen Nebenjobs durch - wobei auch hier sein Hineinfühlen und Mitfühlen mit anderen Menschen zum Tragen kommt, wenn er zum Beispiel in Teilzeit in einem Pflegeheim in Zuffenhausen arbeitet.

Trotz aller Kurven und Seitenstraßen gibt es eine wichtige Konstante auf Benjamin Rausers Weg und das ist die Musik. Genauer gesagt der Hip-Hop. Im Reimen und Rappen findet der junge Mann schon seit frühen Teenager-Tagen eine Ausdrucksweise. Seine Texte haben dabei nichts zu tun mit stumpfsinnigem Gangster-Rap. Auch flippiger Spaß-Hip-Hop, wie ihn die Fantastischen Vier gerne zelebrieren, ist nicht sein Ding.

Konzept-EP über psychische Erkrankungen

Stattdessen beschäftigt er sich meist mit sehr ernsthaften Themen, mit alltäglichen Geschichten und Gesichtern von Menschen, die ihm auffallen. "Ich beobachte viel und versuche auch immer wieder, mich in andere Perspektiven hineinzuversetzen", erklärt er, warum er zum Beispiel lieber "mit den Öffentlichen" unterwegs sei, als mit dem Auto zu fahren. In der Bahn sehe er sich die Menschen an und mache sich so seine Gedanken, was sich wohl hinter der Fassade verbergen mag. Psychische Krankheiten zum Beispiel. Genau mit diesem Thema beschäftigt sich eine Konzept-EP, ein Minialbum, in dem er sich textlich in Menschen mit Magersucht, Depression oder Borderline-Störung versetzt. Die Songs erzählen zum Teil die Geschichten von Menschen, die er persönlich kennt. "Das ist harte Kost", räumt Ben Venuto ein.

Aber genau darum gehe es ihm: Er will Songs mit Tiefgang schreiben, mit Message - so wie der Rapper Samy Deluxe, der ihn in seiner Jugend stark geprägt hat. Mittlerweile sei er Samy schon vier- oder fünfmal begegnet. Dabei habe er ihm einen Rat mit auf den Weg gegeben: "Nämlich, dass ich meine Tracks so lange zurückhalten soll, bis ich voll dahinterstehen kann", erklärt Ben Venuto. Bis das jeweils soweit ist, kann manchmal einige Zeit vergehen. "Ich feile sehr lange an meinen Texten", räumt er ein und erzählt, das er sich zum Schreiben gerne auf den Aidlinger Venusberg zurückzieht.

Dass er vom Rappen alleine nicht wird leben können, ist Ben Venuto beziehungsweise Benjamin Rauser sehr wohl klar. Dennoch verfolgt er weiter seine Ziele: Er plant langfristig mit anderen Musikern ein eigenes Label zu gründen, will seine Workshop-Tätigkeit weiter ausbauen, um damit sein Wissen als Musikproduzent an andere Künstler zu vermitteln und er will zusammen mit weiteren Partner ein Hip-Hop-Musical auf die Bühne bringen, das authentisch und frei von "Yo-Yo-Yo und so" sein soll, wie er formuliert.

Ausbildung bei TV-Sender bringt neue Chancen

Diesen Weg hat sich Ben Venuto ausgesucht, diesen Weg will er weitergehen. Auch wenn - wie er selbst einräumt - Zukunftsängste dabei sein ständiger Begleiter bleiben. "Aber diese Ängste kann man auch als Motor benutzen", sagt er - und ein vorsichtiges Lächeln umspielt sein nachdenkliches Gesicht.

Tatsächlich sieht es so aus, als hätte ihn dieser Motor wieder mal ein ganzes Stück vorangebracht: Gerade erst diese Woche hat er die Zusage für eine Ausbildung als Mediengestalter (Bild und Ton) bei Regio-TV bekommen. In diesem Berufsfeld kann er seine musikalische und seine technische Begeisterung gleichermaßen ausleben - auch wenn er dafür ein paar weitere Jahre von einem Ausbildungsgehalt leben muss. Aber das stört ihn wenig. "Ich freue mich darauf", macht Ben Venuto sich einfach seinen eigenen Reim auf das Leben - so wie Rapper das nun mal tun.

 

Zur Person: Benjamin Rauser wird am 4. Januar 1992 in Sindelfingen geboren. Er wächst in Aidlingen auf. Im Jahr 2011 macht er sein Abitur am Goldberg-Gymnasium Sindelfingen (GGS). Zu diesem Zeitpunkt beschäftigt er sich bereits seit einigen Jahren mit Hip-Hop. Er hört Samy Deluxe, Curse und viele andere Rapper - vor allem solche, deren Texte Tiefgang beziehungsweise eine "Message" haben. Mit 13 Jahren rappt er seine ersten Reime mit billigem Equipment. Später wirkt er unter seinem Künstlernamen Ben Venuto auf und hinter der Bühne bei "Jam it", "Cypher Soulution" und anderen Hip-Hop-Events mit, die Madeleine Nitsche im Jugendhaus Süd in Sindelfingen organisiert. Von der ehemaligen Darmsheimer Jugendhausleiterin lernt er viel über Planung, Sponsorensuche, Öffentlichkeitsarbeit und viele weitere Aspekte rund um die Organisation von Veranstaltungen. In Stuttgart studiert Benjamin Rauser Mechatronik, bricht das Studium aber nach vier Semestern ab. Im Jahr 2013 nimmt Ben an dem Realtiy-TV-Format "Die Backpacker" des ARD-Spartensenders Eins Plus teil und geht auf Weltreise. Anschließend macht er ein Praktikum bei einem Privatradiosender. Von 2014 bis 2016 studiert er an der Popakademie in Mannheim und macht dort eine Ausbildung zum Musikproduzenten. Bei der Sindelfinger Weihnachtssession ist Rauser mit seiner Band Die Botaniker seit 2016 am Start und wirkt auch hier hinter den Kulissen mit. Im Jahr 2017 organisiert er mit dem von ihm mitbegründeten Verein Interchange einen Austausch mit jungen Menschen aus Tunesien (wer auf Youtube sucht, findet dort ein Musikvideo, das im Rahmen des Austauschs in Tunesien entstanden ist). Derzeit beteiligt sich Ben Venuto an einem Musikprojekt zum Thema Zwangsprostitution in Kooperation mit der Kampagne #ichbinkeinFreier. Seinen Lebensunterhalt verdient sich der 26-Jährige mit diversen Nebenjobs: Er gibt Musikworkshops, sitzt an der Supermarktkasse, ist in einem Pflegheim in Zuffenhausen tätig und arbeitet als Stagehand für die Firma C2 Concerts. Außerdem ist er ehrenamtlich engagiert - unter anderem unterstützt er in Ehningen einen Rapper aus Afghanistan sowie einen jungen Mann aus Togo. Seit zwei Wochen ist Benjamin Rauser bei Regio-TV im Einsatz. Nach einem zweiwöchigen Praktikum wurde ihm dort jetzt eine Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton zugesichert. Weitere Infos (sowie ein kostenloser EP-Download) unter http://www.Ben-Venuto.com im Netz.

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