Premiere für Bärbl Kehrers Böblinger Lichtblick-Ensemble

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    Das Ensemble Lichtblick beim Proben im Gemeindehaus der Martin-Luther-Kirche. Foto: Thomas Bischof
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    Hat sichtbar Freude an der Theaterarbeit: Bärbl Kehrer Foto: Thomas Bischof

Artikel vom 10. Februar 2018 - 08:00

BÖBLINGEN (edi). Peng! Mit einem lauten Knall landet das Gemälde auf dem Boden. Nicht zum ersten Mal an diesem Sonntagnachmittag im Gemeindesaal der Böblinger Martin-Luther-Kirche. Trotzdem zuckt man als Beobachter dieser Theaterprobe jedesmal unwillkürlich zusammen, wenn das Porträtbild krachend auf der Bühne landet.

Dieser „Hallo-Wach-Effekt“ ist eines der wiederkehrenden Elemente in der Komödie „Graf Balduin, der edle Spender“, die in zwei Wochen dort zum ersten Mal aufgeführt wird. Regie führt eine Frau, die in Böblingens Theaterszene keine Unbekannte ist: Bärbl Kehrer.

Die 52-Jährige war mehr als zwei Jahrzehnte lang eng mit dem Theater der Musik- und Kunstschule Böblingen verbunden: zuerst als Verantwortliche für Kostüme und Masken, später als Produktionsassistentin und nach dem Ausscheiden von Hildegard Plattner im Jahr 2014 als stellvertretende Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters. Schon während ihrer Zeit als Plattners Assistentin begann sie eine Ausbildung zur Theaterpädagogin und besucht seitdem kontinuierlich Fortbildungen. „Ich befürworte den Wandel und möchte mich immer weiterentwickeln“, sagt die Schönaicherin über sich selbst.

Ende Mai 2016 Jahres gründete sie die „Kulturenmühle“, unter deren Dach sie verschiedene theaterpädagogische Konzepte und Projekte anbietet. Eins dieser Projekte ist die aktuelle Regiearbeit mit ihrem Ensemble Lichtblick. Geprobt hat die Truppe seit der Gründung im Jahr 2012 bereits an verschiedenen Orten: Anfangs noch im städtischen Feierraum, später unter anderem im Blauen Haus, im DRK-Pflegezentrum in Sindelfingen sowie in der Festen Burg in Böblingen.
Dass Kehrer und ihr Lichtblick-Ensemble schließlich im Gemeindehaus der Böblinger Martin-Luther-Kirche einen Proben- und Spielort gefunden haben, geht auf einen Tag der offenen Tür in der Festen Burg zurück. Bärbl Kehrer kam dort mit Martin-Luther-Kirchenpfarrein Eva Schury ins Gespräch.
„Sie war sehr offen für die Idee, dass wir hier spielen dürfen“, erzählt Kehrer. Kein Wunder: Schließlich handelt das Stück von den Mitgliedern einer kleinen Kirchengemeinde. Deren beschauliches Leben gerät in gehörige Turbulenzen, als bei Renovierungsarbeiten ein Goldschatz unter dem Sarg des namensgebenden Kirchenstifters Balduin gefunden wird. Dass der Graf einem gewissen Kirchenreformator sehr ähnlich sieht, ist dabei natürlich kein Zufall.

Einige der aktuell sechs Mitglieder der Darstellertruppe machen unter Kehrers Anleitung ihre allerersten Schritte auf der Theaterbühne. Andere bringen schon ein gewisses Maß an Erfahrung mit, sei es – so wie im Fall von Sylvia Schlegel als Mitwirkende im Schönaicher Guckkas-ten-Ensemble – oder als Eltern von ehemaligen Theaterschülern an der Böblinger Kunstschule. Letzteres gilt für Sylvia Sautter und Dorit Hornstein, deren Nachwuchs von Kindesbeinen an auf der Bühne stand. Die beiden Mamas wirkten bisher nur im Hintergrund – unter anderem als Mitglied im Elternbeirat.

Unter Kehrers Führung probierten sie sich selbst im Schauspielern aus; anfangs mit theaterpädagogischen Übungen wie etwa einem Straßentheater auf dem Tübinger Marktplatz oder einem unangekündigten Rollenspiel in einem Calwer Café – mit Bedienung und Gästen als erst unwissendem, dann amüsiertem Publikum. Sogar ein eigenes Stück hat die Gruppe schon gemeinsam erarbeitet.

Schritt ins Rampenlicht

Nach diesen ersten Gehversuchen abseits der Bühne wagen sich die spätberufenen Nachwuchsschauspieler mit Kehrers Inszenierung von Hilke Müllers satirischer Komödie jetzt erstmals selbst ins Rampenlicht. An den Wochenenden ist für Kehrer und ihre Truppe deshalb intensive Probenarbeit angesagt. An diesem ersten Februarsonntag, dem Tag der Oberbürgermeisterwahl, macht die Truppe einen kompletten Durchlauf des ersten von drei Akten.
Graf Balduin muss dabei gleich mehrere Abstürze überstehen. Jedesmal, wenn hinter der Bühne die Tür zufällt, donnert das Bild (Dank ein wenig Nachhilfe hinter den Kulissen) auf den Boden. Ähnlich wie der Stolperer über den Tigerkopf im Silvester-Sketch „Dinner for One“ zieht sich das Plumps-Porträt hier als Running Gag durchs gesamte Stück.

Der edle Kirchenstifter ist aber nicht das einzige Mannsbild, das heute leiden muss. Joachim „Jo“ Mack, das bisher einzige männliche Ensemblemitglied, steht nämlich zu Beginn des ersten Akts draußen vorm Gemeindehaus und wartet auf seinen Einsatz. Es schneit und sein flippiges Künstlerkostüm ist eher für sommerliche Temperaturen gedacht. Als auf der Bühne endlich sein Stichwort fällt, befindet er sich kurzfristig außer Sichtweite und verpasst so seinen Auftritt.
Macht aber nichts: Marita Mack (übrigens nicht Jo Mack verwandt) und Sylvia Schlegel sind schlagfertig und improvisieren einfach ein bisschen – solange, bis ihr Bühnenpartner schließlich die Bühne betritt . . . und dabei ein weiteres Mal Graf Balduin zum Absturz bringt.

Ihre Spielsicherheit verdanken die Schauspieldamen nicht zuletzt ihrer Regisseurin. In einer Probenpause erzählt ein Ensemblemitglied nach dem anderen, wie sehr sie Kehrers Kompetenz schätzen – ebenso wie ihre positive Art, Wissen und Techniken zu vermitteln. Das Theaterspielen hilft den Hobbyschauspielern auch bei ihrer persönlichen Entwicklung: „Man bekommt hier Selbstbewusstsein“, sagt Sylvia Sautter und erzählt, wie sie vor Jahren einmal als Sängerin auf der Bühne stehen sollte. „Damals hatte ich so viel Angst“, erinnert sie sich. Das sei heute ganz anders.
Gut fürs Selbstvertrauen

Ähnlich geht es Jo Mack, der Anfang des Jahres im beruflichen Rahmen eine Rede vor einer größeren Gruppe halten sollte. „Dank der Probenarbeit mit Bärbl war das kein Problem für mich“, erzählt er. „Was ich im hier lerne, kann ich auch im praktischen Leben umsetzen“, findet Jo Mack, der vor fast vier Jahren erstmals mit Bärbl Kehrer bei der Freilichtinszenierung „55 Sommer“ mitgewirkt und dabei Lust aufs Theaterspielen bekommen hat. Damals war er aber noch eher im Hintergrund tätig, kümmerte sich unter anderem um die historischen Fahrzeuge, die das Stück so besonders gemacht haben. „Die holt echt was aus uns raus“, bringt Sylvia Sautter die Leistung ihrer Regisseurin fürs gesamte Ensemble nochmal auf den Punkt.

Tatsächlich schaut Bärbl Kehrer ganz genau hin und prüft, ob Timing, Ausdruck und Betonung passen. „Wie fühlst du dich?“, will sie in einer entscheidenden Szene von jedem einzelnen auf der Bühne wissen, was in der jeweils gespielten Figur wohl gerade vorgehen mag. „Schuldig“, sagt Marita Mack, die als verstockte Pfarrsekretärin Frau Blum eine innige Beziehung zu ihrer liebevoll „Elise“ genannten Schreibmaschine pflegt. „Kannst du dich noch ein bisschen mehr schuldig fühlen?“, fragt Kehrer in ihrem weichen fränkischen Akzent und lächelt dabei. „Kann ich“, nickt Marita Mack und lächelt zurück.

Starker Zusammenhalt

Es fällt auf, wie gut die Stimmung bei der Probe ist. Es wird viel gelacht, gewitzelt und zwischendurch auch genascht. Dorit Hornstein versorgt Dank ihrer Familienbande zur Bäckerei Frech alle mit Berlinern und anderen Süßigkeiten, dazu reicht die langjährige Kulisse-Spielerin und gebürtige Portugiesin Eugenia Carambola ihre leckere selbst gemachte Quiche. Es sind nicht zuletzt diese Kleinigkeiten, die das spürbare Zusammengehörigkeitsgefühl im Ensemble Lichtblick ausmachen.

Dieser Zusammenhalt ist auch sehr wichtig, denn spätestens jetzt beginnt für Bärbl Kehrer und ihre Truppe die heiße Probenphase. „Wir proben jetzt freitags, samstags und sonntags. Am Wochenende jeweils einen halben Tag lang“, erzählt sie. Viel Freizeit bleibt da nicht. „Aber das ist kein Problem“, meint Kehrer, „in diesen intensiven Zeiten ist das normal.“ Wenn sie nicht gerade mit Theaterarbeit beschäftigt ist, genieße sie aber sehr wohl die Freizeit mit ihrem Partner oder ihrer Familie.
Eine längere Auszeit vom Theater käme für sie dennoch nicht in Frage. Warum auch? „Ich gehe ja jetzt richtig darin auf“, sagt sie und hat ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen.


Zur Person: Bärbl Kehrer kommt am  28. Juni 1965 im fränkischen Kronach zur Welt. Kehrer studiert zunächst Chemie in Ulm, entscheidet sich dann aber für ein Zeichen- und Grafikstudium. Nach mehr als zwei Jahrzehnten beim Böblinger Kinder- und Jugendtheater und diversen Fortbildungen (unter anderem zur Theaterpädagogin nach den Richtlinien des Bundesverbands Theaterpädagogik) macht sie sich im Jahr 2016 mit der von ihr gegründeten „Kulturenmühle“ selbstständig. Die Unterrichtseinrichtung richtet sich an alle Altersstufen – unter anderem auch an Schulklassen. „Graf Balduin der edle Spender“ ist die erste Eigenproduktion von Kehrers Ensemble Lichtblick. Premiere ist am Samstag, 24. Februar, um 20 Uhr im Gemeindehaus der Martin-Luther-Kirchengemeinde in der Böblinger Schwabstraße. Weitere Termine sind am 2., 3., 4-, 9., 10., 11. 16., 17., 18. 23., und 24 . März. Beginn ist jeweils um 20 Uhr, sonntags bereits um 19 Uhr. Tickets und weitere Infos gibt es unter www.kulturenmuehle.de und unter Telefon (0 70 31) 60 65 79.

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