Casting für Sindelfinger Biennale-Musical

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    Stefan Siebert singt ein Stück aus "Die Schöne und das Biest". Adrian Werum begleitet ihn Foto: edi
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    Hat eine Hauptrolle ergattert: Maria Moreira
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    Die Jury (v.l.): Komponist Adrian Werum, Autor Jørn Precht, Regisseur Siegfried Barth, Berater Ingo Sika und Musikalischer Leiter Oliver Palotai

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Biennale 2017: Castings für Jugend- und Pop-Musical
Offenes Casting für das geplante Biennale Musical
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Artikel vom 12. Dezember 2016 - 20:36

SINDELFINGEN. Was für eine Anspannung: Gleich mehrere Film- und Fotokameras sind auf das blonde Mädchen gerichtet, Scheinwerfer strahlen ihr ins Gesicht und vor ihr sitzt eine ganze Reihe von Leuten, die darauf warten, dass die 16-Jährige zu singen anfängt. Aber die Nervosität ist zu stark, der Mund zu trocken, die Stimme zu leise. "Trink erstmal einen Schluck", sagt Siegfried Barth und reicht ihr eine Wasserflasche.

Es ist Freitagabend. Im Odeon der Sindelfinger Schule für Musik, Theater und Tanz finden die offenen Castings für das geplante Jugend- und Popmusical im Rahmen der Biennale 2017 statt. Moment, Biennale? Da war doch was! Richtig, fast genau ein Jahr ist es her, dass der Sindelfinger Gemeinderat nach wochenlangem Streit beschlossen hat, das Kulturfestival ohne künstlerischen Leiter fortzusetzen. Diese Entscheidung stieß bei vielen Mitwirkenden auf Unverständnis - darunter eine große Zahl von Jugendlichen, die sich zum Teil erstmals mit Begeisterung für Sindelfingens Kulturleben eingesetzt haben. Einer von ihnen ist Stefan Siebert. Der 16-Jährige hat bei der "Jedermann"-Aufführung einen der "Gesellen des Herrn" gespielt. Ebenso wie Özgür Celik. Beide hätten gute Gründe, auf Ewig beleidigt zu bleiben und auf die Biennale zu pfeifen. Beide haben sich anders entschieden und sind heute Abend hier. Özgür hilft im Hintergrund oder springt, als ein Mädchen für eine Sprechrolle vorspielt, als ihr Gegenüber ein.

Und Stefan? Der bewirbt sich um eine Hauptrolle. Anfangs ist auch er nervös. Bei dem Song "Jetzt ist Sommer" der A-cappella-Band Wise Guys kämpft er noch mit Textsicherheit und Tonlage. Aber dann singt er, am Flügel begleitet von Jury-Mitglied Adrian Werum, ein Lied aus "Die Schöne und das Biest". Das Stück hat er bereits im Frühjahr als Hauptdarsteller der preisgekrönten Musicalaufführung an seiner Schule, dem Sindelfinger Goldberg-Gymnasium, gesungen. Regie führte Ingo Sika. Als Hauptdarsteller beim "Jedermann" kennt er Stefan Siebert und weiß um seine sängerischen und schauspielerischen Fähigkeiten.

Auch Ingo Sika ist an diesem Abend im Odeon. Er sitzt in der Jury. Zusammen mit Autor Jørn Precht, den Komponisten Adrian Werum und Oliver Palotai und natürlich mit Siegfried Barth, dem Regisseur des Musicals und Leiter der Kinderfilmakademie Sim-TV. Der 36-Jährige ist bei diesem Casting so etwas wie der "Anti-Bohlen" und gibt mit seinem freundlichen und entspannten Ton für alle die Richtung vor. Barth sieht sich als Teamplayer und Netzwerker. Wie groß dieses Netzwerk ist, zeigt sich beim Blick in die Runde. Überall wuseln Mitglieder des für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Vereins Biennale Co. herum und dazu zahlreiche Mitarbeiter aus dem Sim-TV-Team. Darunter ist auch der ehemalige GGS-Schüler und Videospezialist Oliver Weiss, in dem der Film-Experte Barth so etwas wie einen Bruder im audiovisuellen Geiste gefunden hat.

Weibliche Hauptrolle fehlt noch

"Vielen Dank, das war großartig", sagt Barth, nachdem die 16-jährige Natalie Ahmadi-Nia Leonard Cohens "Hallelujah" vorgetragen hat. Die Nervosität ist ihr deutlich anzumerken. Genau wie bei dem eingangs erwähnten Mädchen, dem vor Lampenfieber buchstäblich die Spucke wegbleibt - zumindest solange bis Sika und Barth ihr Mut zu sprechen. Es wirkt. Sie beginnt zu singen . . . und verzaubert alle mit ihrer engelsgleichen Stimme. "Jetzt habe ich Gänsehaut", sagt Ingo Sika und zeigt auf seinen Unterarm. Auch Adrian Werum ist von der Stimme angetan. Allerdings möchte er, dass die junge Sängerin noch etwas mehr aus sich heraus geht. "Du verkaufst dich nicht so gut, wie du bist", findet er. Tags darauf kommt sie nicht mehr. "Die Anspannung war einfach zu viel für sie", hat Barth dafür volles Verständnis.

Macht nichts. Das Casting-Wochenende mit weiterem Vorsingen- und Vortanzen, "Recall" und "Final Call" ist offenbar recht erfolgreich. Zahlreiche der geplanten 34 Rollen sind jetzt besetzt. In dem Musical soll es passenderweise um die Produktion einer Casting-Show gehen. Dafür braucht es auch "ältere Semester" - so wie die Sindelfingerin Ilse Körner. Die 54-jährige bringt Chorerfahrung mit, sang zuletzt bei Voices-E-Motion und will jetzt einfach mal etwas Neues ausprobieren, wie sie beim Vorsingen sagt.

"Ein paar Rollen fehlen uns aber noch", sagt Siegfried Barth. Darunter eine weibliche Hauptrolle. Barth schwebt hier eine "alternde Popdiva" vor. Er denkt dabei an Mariah Carey. Dafür sucht er eine Frau zwischen 35 und 50 - genauer gesagt zwei, weil alle großen Rollen doppelt besetzt werden sollen.

Bereits vergeben sind die Hauptrollen für die jungen Darsteller: Für Moderator Nik hat die Jury Stefan und Siebert Nils Weber gecastet. Weber hat neben Siebert bei "Die Schöne und das Biest" am GGS mitgespielt. Die junge weibliche Hauptrolle der Casting-Gewinnerin Marie wird mit Vivanne Küting, der Tochter von Schlagzeuglehrer Klaus Küting, und Marie Moreira besetzt. Letztere hat bereits an der Realschule Hinterweil bei Musical-Produktionen mitgewirkt.

Und wie geht es jetzt weiter? Das Buch von Jørn Precht ist fertig, vier von etwa 20 geplanten Liedern haben Werum und Palotai bereits komponiert und wenn das Casting abgeschlossen ist, können Ende Januar die Proben beginnen. Damit bleibt viel Zeit bis zur Premiere. Die ist für 30. Juni geplant.

 

Kommentar: Blick nach vorn

Von Eddie Langner

Vor einem Jahr stand Sindelfingen vor einem Scherbenhaufen. Der Streit um die künstlerische Leitung der Biennale hatte in der städtischen Kulturlandschaft einen so tiefen Graben hinterlassen, dass wohl nur die kühnsten Optimisten an eine gebührende Fortführung geglaubt hatten. Zum einen hatte der abservierte Biennale-Regisseur Frank Martin Widmaier - bei aller Kritik an seinem Führungsstil - mit rund 11 500 Besuchern und einer enormen Veranstaltungsvielfalt die Messlatte für eine Fortsetzung enorm hoch gesetzt. Zum anderen war eine faire und sachliche Aufarbeitung des Streits kläglich gescheitert. Umso erstaunlicher ist es, dass bei der geplanten Neuauflage so viele Ehrenamtliche aus dem engsten Kreis wieder dabei sind, den Blick nach vorne richten und im Dienst für das große Ganze über persönliche Probleme und Konflikte hinwegsehen. Und schon jetzt sind zwei Dinge deutlich erkennbar: Erstens, dass die zweite Biennale ganz sicher wieder viele Menschen begeistern wird. Zweitens, dass Sindelfingen über ein beeindruckendes Potenzial an kompetenten, kreativen und begeisterungsfähigen jungen Menschen verfügt.

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