Aus Versehen gewonnen

Besucheransturm beim 5. Poetry Slam im Freiraum in Böblingen - Siegerin Annika Hengst aus Regensburg ist in der Szene verankert

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Artikel vom 12. Mai 2016 - 17:18

BÖBLINGEN (red). Seit Anfang 2015 organisiert Miriam Wahler in der Freiraum-Bar regelmäßig Poetry Slams, zwanglose Wettstreite unter jungen Poeten. Bei der fünften Ausgabe erlebte die Veranstaltung vor Kurzem einen wahren Besucheransturm, rund 125 Gäste drängten sich in dem Böblinger Lokal neben der Kongresshalle. "So viele Zuschauer hatten wir noch nie", berichtete Wahler, "manche sind sogar gegangen, weil es ihnen zu voll war."

Offensichtlich hat sich die Veranstaltungsreihe inzwischen herumgesprochen. Auch Lehrer scheinen aufmerksam geworden, dieses Mal waren ganze Schulklassen in dem Böblinger Lokal zu Gast. Von den sieben Dichtern, die auf der Bühne ganz verschiedene Texte zum Besten gaben, setzte sich letztlich Annika Hengst aus Regensburg gegen die Konkurrenz durch.

Die Gewinnerin des Abends kommt viel herum. Annika Hengst trat nach dem Slam in Böblingen am Folgeabend gleich noch im Komma in Esslingen auf. Genau das gefällt der 26-Jährigen an der Poetry-Slam-Szene: "Man lernt Ecken kennen, wo man sonst nicht so hinkommt", sagte die Studentin der Erziehungswissenschaft, die in Regensburg Veranstaltungen für unter 20-jährige Nachwuchsdichter organisiert. Selbst in Böblingen, gut 250 Kilometer von ihrem Wohnsitz entfernt, kannte sie einen Teil der Kollegen, mit denen sie im Freiraum die Bühne teilte - die "Slamily" (in der Szene gängige Wortschöpfung aus "Slam" und "family") macht's möglich. "Man trifft sich immer wieder", erzählt Hengst.

Interaktion mit dem Publikum für die Gewinnerin besonders wichtig

In Böblingen hat es Annika Hengst gut gefallen? "Der Freiraum hat tolle Lichtverhältnisse. Durch die Glasfront hatte man das Gefühl, halb draußen zu sein", schwärmte sie. Man könne das Publikum direkt sehen, Blickkontakt herstellen und mit den Zuschauern interagieren, stellt die 26-Jährige klar, dass ihr dieses Miteinander wichtig ist. Sogar in der Pause wurde noch eifrig weiter über die soeben gehörten Texte diskutiert. "Darum geht es ja gerade beim Poetry Slam. Zu zeigen, dass Literatur lebt", betonte Hengst.

Völlig verschiedenen Themen und Vortragsweisen waren im Freiraum zu erleben. Auch Politisches kam nicht zu kurz: So waren auch Texte über die heutige Mediengesellschaft und das Flüchtlingsthema zu hören. Hengst ging bei ihren Auftritten auf die Pegida-Bewegung und Geschlechterrollen beim Dating ein. Sie verpackte ihre Botschaften aber mit Humor. Ihr ist dabei wichtig, nicht nur unterhaltsam zu sein, sondern Denkprozesse und Diskussionen anzustoßen. Im Poetry Slam sieht sie eine große Chance, jungen Menschen einen Zugang zu Kultur zu vermitteln. Denn durch seine Niedrigschwelligkeit könne in diesem Rahmen nahezu jeder künstlerisch aktiv werden.

Hengsts Art kam beim Böblinger Publikum jedenfalls an: Sie wurde von den Zuhörern zur Siegerin des Abends gekürt. Auch wenn es der Regensburgerin nach eigener Aussage nie vorrangig darum gehen würde, einen solchen Wettstreit für sich zu entscheiden. Oder wie sie es formulierte: "Ich hab' aus Versehen gewonnen."

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