"Deshalb habe ich meine Mutter totgeschlagen"

Ob der Mötzinger Künstler Stefan E. nach Absitzen seiner Haft weiter hinter Gittern bleibt, wird am 25. September verkündet.

Artikel vom 02. Juli 2020 - 17:54

Von Bernd S. Winckler

MÖTZINGEN. Der Umfang der Vollzugsakten im Prozess um Nachträgliche Sicherungsverwahrung für den Mötzinger Künstler Stefan E. umfasst ein knapp 2000 Seiten dickes Buch. Nach nunmehr viermonatiger Verhandlung vor der Schwurgerichtskammer des Stuttgarter Landgerichts sind gerade mal 846 Seiten vorgetragen worden. Am Donnerstag teilte das Gericht mit, dass definitiv am 25. September die Entscheidung über die Sicherungsverwahrung verkündet wird.

Blatt 801: "Der Häftling fordert einen Malpinsel." Blatt 802: "Der Häftling beschwert sich über Lärm." Blatt 803: "Ich möchte als Mensch behandelt werden." Blatt 804: "Der Häftling will die Psychologin sprechen." Blatt 805: "Der Häftling fordert ein korrektes Benehmen". . . Bis Blatt 846 reihen sich an diesem Prozesstag die "Forderungen" von Stefan E. in den Vollzugsanstalten Heimsheim, Stuttgart und Bruchsal. Weitere rund 1000 Seiten sollen folgen. Für den Staatsanwalt mit einer der Gründe, ihn auch nach der Strafverbüßung nicht frei zu lassen: "Nachträgliche Sicherungsverwahrung, weil er eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt!"

Die Verlesung der Anträge des Gefangenen Stefan E. - von Kleinigkeiten, wie "Antrag zum Duschen", bis "Forderung nach Papier" - zieht sich hin. Auch Protokolle, in denen Stefan E. fragmentartige Einblicke in die Tat vom 2. Januar 2007 gibt, bei der er in seinem Mötzinger Elternhaus mit einem Skulpturenhammer die eigene Mutter erschlug. Er sei gedemütigt worden, "deshalb habe ich meine Mutter totgeschlagen", steht in einem der Protokolle. Die verhängten 13 Jahre Haft wegen Totschlags musste er bis zum letzten Tag absitzen. Eine im Strafvollzug übliche Zweidrittel-Entlassung wurde abgelehnt.

Jetzt hat die Vorsitzende Richterin der Stuttgarter Schwurgerichtskammer mitgeteilt, wie das Verfahren weitergehen - und schließlich auch enden - soll. Die Corona-Pandemie hat die Richter zu langen Unterbrechungen gezwungen. Die Verhandlung findet unter erschwerten Bedingungen statt: Staatsanwalt und Richter sitzen hinter Glaskästen - und dennoch weit auseinander. Das trifft auch auf alle Zuhörer, es besteht Maskenpflicht. Von 31. Juli bis 1. September müsse man pausieren, sagt die Vorsitzende. An diesem 1. September sollen die restlichen Vollzugsprotokolle verlesen werden. Am 17. September dann der wichtigste Tag: Die beiden psychiatrischen Gutachter werden aufzeigen, ob das Verhalten von Stefan E. im Strafvollzug erlaubt, ihn in Freiheit zu entlassen oder ob er als allgemeingefährlich zu beurteilen ist. In letzterem Fall müsste er in Haft bleiben.

Danach sollen nach der richterlichen Vorgabe die Schluss-Ausführungen kommen - und am 25. September das Urteil. Sollte die Nachträgliche Sicherungsverwahrung ausgebrochen werden, könnte Stefan E. mindestens weitere zehn Jahre inhaftiert bleiben.

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