Mötzinger Muttermord: Diskussion um Sicherungsverwahrung des Häftlings

Die Sicherungsverwahrung gegen Stefan E., der seine Mutter getötet und seine Strafe abgesessen hat, ist wohl ausgeschlossen.

Artikel vom 17. Juni 2020 - 17:30

Von Bernd Winckler

MÖTZINGEN. Wird der heute 51-jährige wegen Totschlags an seiner eigenen Mutter verurteilte Mötzinger Künstler Stefan E. jetzt nach Haftverbüßung in die Sicherungsverwahrung genommen? Seit drei Monaten verhandelt die Schwurgerichtskammer am Stuttgarter Landgericht ausschließlich über diese Frage. Dabei müssen die Richter das Verhalten des E. im Vollzug per Verlesung tausender Protokolle im Gerichtssaal Revue passieren lassen. So auch am gestrigen elften Verhandlungstag.

"Es wird nicht dazu kommen." So die Einschätzung seines Verteidigers bereits am ersten Tag der Verhandlung über den Antrag der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, nachträglich die Sicherungsverwahrung gegen den 51-Jährigen zu verhängen. Stefan E. hat von derselben Kammer des Stuttgarter Landgerichts im Jahre 2007 13 Jahre Haft wegen Totschlags an seiner eigenen Mutter im elterlichen Haus in Mötzingen auferlegt bekommen. Am 2. Januar war diese Strafe verbüßt, E. freute sich aber zu früh auf die Entlassung. Der Antrag des Staatsanwalts bescherte ihm Überhaft.

Narzisstische Störung

Dass der inzwischen 51 Jahre alt gewordene Künstler an einer narzisstischen Störung erkrankt ist, wie ein Gutachten aussagt, ist kein Geheimnis, darf aber nicht als Grund für eine nachträgliche Verwahrung nach Haftverbüßung herhalten. So hat es bereits der Europäische Gerichtshof entschieden. Doch E. soll so immens gefährlich sein, dass er nicht freigelassen werden kann, sagt der Staatsanwalt. Er listet auf: Zerstörung seiner Haftzelle, versuchte Selbsttötung, Arbeitsverweigerung und Störung des Vollzugs.

Reicht nicht aus, so der Verteidiger. Die drei Berufsrichter und die beiden Schöffen hörten sich auch am gestrigen Prozesstag zahlreiche Protokolle aus der Justizvollzugsanstalt Heimsheim, in der Stefan E. die vergangenen zwölf Jahre eingesperrt war, an. Mehrere Ordner füllen seine Beschwerden über die Haft, über das Verhalten von Vollzugsbeamten ihm gegenüber, über ständiges Mobbing anderer Gefangener, über Schikanen - und über nächtlichen Lärm. Er bittet dutzende Mal um Verlegung in eine andere Zelle. Er galt bei der Verwaltung als unbequemer Gefangener, der fünf Schreibmaschinen verbrauchte und 1000 Blatt Papier.

Reicht dieses Verhalten für eine nachträgliche Verwahrung? Selbst der inzwischen im Ruhestand befindliche Richter Wolfgang Pross, der den 51-Jährigen vor 13 Jahren wegen des Totschlags an der eigenen Mutter verurteilte, wundert sich heute über diesen Antrag des Staatsanwalts. Seiner Meinung nach müssten gravierendere Vorkommnisse als nur Beschwerden eine solche Maßnahme begründen. Zum Bespiel Bedrohungen gegen Beamte oder Angriffe. Die Forderungen von E. in der Haft sind zuweilen kurios. Laut einem verlesenen Protokoll vom November 2011 habe er korrektes Benehmen der Vollzugsbeamtem ihm gegenüber gefordert. Und schließlich gab er auch zahlreiche Verbesserungsvorschläge zum Vollzug ab. Darunter auch ein Anerbieten seiner Person, wenn er aus der Haft entlassen werde, würde er gerne hauptberuflich die Bücherei der Anstalt übernehmen. Dazu bräuchte er einen Raum im Gefängnis, den er auch schon bezeichnet: Die Zelle Nummer 01.

Auch diese Forderung kann laut Verteidiger kein Grund für eine nachträgliche Sicherungsverwahrung sein. An einem der nächsten Prozesstage sollen die Gutachter dazu zu Wort kommen.

Verwandte Artikel