Kleine Altdorfer Forscher gehen auf Tuchfühlung mit der Natur

Waldaktionstag an der Adolf-Rehn-Schule in Altdorf - 47 kleine Forscher gehen im Schönbuch auf Entdeckungstour

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Auch wenn die Altdorfer Jugendlichen von Schulstreiks im Sinne der "Fridays For Future"-Bewegung noch weit entfernt sind, ist ihr Interesse für die Umwelt groß. Das zeigte sich zuletzt am Donnerstag beim Waldaktionstag der Adolf-Rehn-Schule, bei dem 47 kleine Naturforscher einen Tag lang durchs Unterholz krabbelten.

Artikel vom 12. Juli 2019 - 19:00

Von Sandra Schumacher

ALTDORF. Donnerstag, 8.30 Uhr in Altdorf. Die Sonne, die in den vergangenen Tagen wahrlich auf Hochtouren gelaufen ist, scheint heute eine kleine Pause einzulegen. Den Schülern der Klassen 3a und 3b der Adolf-Rehn-Schule ist das allerdings schnuppe. Sie haben sich ihre bunten Regenjacken übergeworfen und bilden insgesamt 47 fröhlich-freundliche Farbkleckse zwischen den Grün- und Brauntönen im Altdorfer Forst. Rund zehn Minuten lang stapfen sie in strammem Marschtempo vom Parkplatz der Sportgaststätte aus den Waldweg entlang, bevor der Expeditionsleiter und angehende Waldpädagoge Daniel Ditzel scharf nach links ins Unterholz einbiegt. An einer alten Fahrrinne entlang führt ein zerfurchter und leicht hügeliger Trampelpfad die Kids sanft bergauf. Über Stock, Stein und Tannenzapfen.

Nein, halt! Keine Tannenzapfen, erklärt Daniel Ditzel: "Alle Zapfen, die ihr hier am Boden findet, stammen von Fichten, nicht von Tannen." Denn Tannenzapfen öffnen sich noch während sie hoch oben an den Bäumen hängen, wo Eichhörnchen und andere Waldbewohner sie bis zur Unkenntlichkeit zerknabbern. Die Fichten-Früchte hingegen landen geschlossen und deutlich erkennbar auf dem Boden.

Dies ist nur eine der vielen kleinen Infos, die der Waldpädagoge unterwegs einstreut. Denn "frontal mach' ich hier gar nix, der Lerneffekt ist viel höher, wenn alle herumwuseln dürfen", sagt er. Die Kleinen dürfen daher ihr natürliches Umfeld selbst entdecken und spielerisch kennenlernen. Und das am besten mit allen Sinnen. Wobei, der Geschmackssinn bleibt heute dann vielleicht doch lieber außen vor.

Auf einer weitestgehend von Büschen und Sträuchern freigeräumten Lichtung angekommen, steht die erste Freilicht-Übung an. Die Mini-Forscher sortieren sich in Zweierteams, immer abwechselnd stülpt sich einer von ihnen eine Schlafmaske über. Die Aufgabe: Der sehende Part des Teams führt seinen Kameraden vorsichtig zu einem Baum. "Denkt dran, dass ihr jetzt die Verantwortung habt, dass euer Kumpel nicht stolpert", mahnt Daniel Ditzel. Der blinde Teampartner tastet anschließend den Baum ab, erfühlt seine Besonderheiten. Dann entfernen sich beide wieder, das jeweilige Kind mit der Augenbinde wird ein-, zwei-, dreimal im Kreis herum gedreht. Dann darf es das Stoffstück abnehmen und muss "seinen" Baum wiederfinden.

Hört sich einfach an, ist es aber nicht. Sehenden Auges schauen die Bäume nämlich alle ziemlich gleich aus. Und in welcher Richtung stand das Gewächs nochmal? Es dauert aber nicht lange, bis die Kids den Dreh raus haben. "Ich hab' den Baum einmal umarmt, dann wusste ich, wie dick er war. Und dann habe ich den Boden abgetastet und mir gemerkt, wieviel Moos da unten gewachsen ist", verrät Dave aus der 3b. Und sein Teamkollege Francesco hat noch einen anderen Tipp parat: "Ich hab' mir gemerkt, wie viele Äste aus dem Stamm gewachsen sind, dann hab' ich's sofort erkannt."

Nachdem die Kleinen nun also schon per Du mit ihren pflanzlichen Kumpels sind, folgt die nächste Herausforderung: Daniel Ditzel teilt die Dreikäsehochs mittels verschiedenfarbiger Stäbchen in vier Gruppen ein. Je eine für die vier typischen Baumarten im Umkreis: Buche, Eiche, Kiefer und Fichte. Dann drückt er ihnen einen Steckbrief und einen Eierkarton in die Hand, bevor die Knirpse ausströmen. "In den Karton kommen Blätter, Nüsse, Zweige und ein Stückchen Rinde", wiederholt Romy noch einmal die Anweisungen. Sie hat es sich mit ihren Teammitgliedern in einer Boden-Kuhle unter einem ziemlich dichten Blätterdach gemütlich gemacht und sucht gerade den Waldboden akribisch nach ein paar Bucheckern ab. Ihr Tipp für ihre Mitstreiter: "Am Ende müssen wir uns unbedingt auf Zecken absuchen".

Wieviel die Kids am Vormittag gelernt haben, dürfen sie nach der Mittagspause dann beim Ökomobil unter Beweis stellen. "Der Wald ist bei uns immer Thema in den Klassen drei und vier. Und es liegt ja nahe, das Thema nicht theoretisch anzugehen. Stattdessen machen wir den Unterrichtsstoff lieber draußen erlebbar", erklärt Lehrerin Dominique Pielok, die mit ihrer Kollegin Sandra Bettermann den Waldaktionstag organisiert hat. "Wir hatten richtig Glück, dass wir das Ökomobil hierher bekommen haben, dafür gibt es eigentlich total lange Wartelisten." Das Besondere daran: Dieser Lkw vom Regierungspräsidium Stuttgart ist ein rollendes Ökolabor unter anderem mit Mikroskopen, Lupen und einem Beamer. Und einem waschechten Diplom-Biologen.

Vor dem 7,5-Tonner nimmt Werner Paech die Kinder in Empfang - und eruiert zunächst den vorhandenen Wissensstand. "Es ist jedes Mal spannend, wie die Klasse drauf ist, die man vor sich hat", erzählt er, dass der Unterschied zwischen Stadt- und Landkindern heute längst nicht mehr so groß ist, wie früher. "Es gibt Kinder aus der Stadt, die sich super auskennen, und Kinder vom Land, die noch nie im Wald gewesen sind."

Nach einer erneuten kleinen Wanderung, bei der die Jungs und Mädels gemeinsam mit dem Diplom-Biologen verschiedene Naturmaterialien sammeln, sollen sie im Ökomobil bestimmen, was sie da in den Händen halten. Das klappt mal mehr, mal weniger gut. Das große Blatt mit den fünf Fingern gehört zur Kastanie, da sind die Kids sich alle einig. Aber Brombeere, Ahorn, Eiche, Himbeere, Esche und Linde wirbeln sie doch ein wenig durcheinander. Glücklicherweise kann Werner Paech schnell Licht ins Dunkel bringen, indem er den Minis die genauen Merkmale noch einmal zeigt.

Und was ist mit den Waldbewohnern? Auch ein paar davon haben die Kinder sorgsam in alte Foto-Filmdöschen eingetütet, um sie unter dem Mikroskop zu untersuchen. Besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei eine Spinne, die ihre Eier auf dem Rücken trägt. Und natürlich der Käfer, der gerade noch neben Amelie in seinem Plastikhäuschen gesessen hat, dann aber anscheinend dem Ruf der Freiheit gefolgt und ausgebrochen ist.

Vielleicht hat er sich wieder auf der Lichtung verkrümelt, auf der gerade die Parallelklasse begonnen hat, die Bäume abzutasten und zu umarmen.

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