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Amtsgericht Böblingen: Blindflug mit Todesfolge

Amtsgericht Böblingen verhängt Geldstrafe: Beim Rückwärtsfahren 84-Jährigen überrollt

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    Blindflug beim Rückwärtsfahren soll es für den Fahrer ab sofort nicht mehr geben: Der Beifahrer muss den Fahrer einweisen, so die Dienstvorschrift bei der Müllabfuhr im Kreis Foto: Ruchay-Chiodi

"Zum Hinter-die-Ohren-schreiben", appelliert der Staatsanwalt an den angeklagten Müllwagenfahrer und auch an dessen Kollegen. "Ich darf nur dahin fahren, wo ich die Straße sehe. Auch wenn das neunmalklug erscheint." Im November 2016 beachtete der vor dem Amtsgericht Böblingen Angeklagte genau das nicht.

Artikel vom 21. März 2018 - 18:24

Von Mareike Andert

WALDENBUCH. Der Fahrer des Müllautos wurde nun wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, da er sich weder einweisen lassen noch auf die eingebaute Kamera geschaut hat. Er hat, so die Worte des Staatsanwalts, beim Rückwärtsfahren, in einer engen Straße in Waldenbuch einen "Blindflug hingelegt, der zum Tode eines Menschen führte". Der 57 Jahre alte Angeklagte fährt seit 2003 Müllwagen. Über mehr als 35 000 Kilometer im Jahr. Bis jetzt ohne Strafen und Unfälle. Als erfahrener Fahrer müsse ihm bewusst gewesen sein, dass die Außenspiegel beim Rückwärtsfahren nur eine eingeschränkte Sicht bieten, so Richter Werner Kömpf. Bei der Urteilsverkündung spricht der Richter von "unglücklichen Umständen", die zu diesem Vorfall geführt haben, und sieht von einer Freiheitsstrafe ab. Setzt die Geldstrafe mit 120 Tagessätzen á 30 Euro aber etwas höher als gefordert. Kömpf erklärt, dass der Fahrer sich der fahrlässigen Tötung in den Punkten Sorgfaltspflicht, Vorhersehbarkeit und Vermeidbarkeit schuldig gemacht habe.

Zu der tragischen Verkettung von Umständen war es am Vormittag des 2. November 2016 gekommen: Das Zwei-Mann-Team wollte die Mülleimer im Mühlhaldenweg leeren. Alles wie jede Woche. Um an die Container zu gelangen, fuhr der Fahrer etwa 45 Sekunden lang rückwärts. Dabei musste er eine Engstelle passieren: zwischen Stromkasten und Kleintransporter hindurch. So konzentrierte er sich ganz darauf und nutze die Außenspiegel. Nicht gesehen hat er dabei einen 84-jährigen Rentner, der auf der Straße direkt hinter ihm unterwegs war. Das Müllauto überrollte den alten Mann, der sofort tot war.

Eine Zeugin sah aus dem ersten Stock, wie der Müllwagen sich dem alten Mann näherte, der in die gleiche Richtung wie der Lastwagen unterwegs war. Das Müllauto fuhr laut Gutachter Schrittgeschwindigkeit. Die Zeugin wunderte sich noch kurz, dass der Wagen nicht anhält und der Mann nicht auf die Seite geht, da war es schon zu spät. Der Gutachter bestätigt: "Es ist durchaus möglich, dass er in den Außenspiegeln die ganze Zeit nicht zu sehen war." Die Schwiegertochter des Seniors sagt aus, dass der Mann sehr schwerhörig gewesen sei und das laut piepsende Warnsignal des Müllautos wohl nicht gehört habe.

Zu sehen war der Mann allerdings vier Sekunden lang auf dem Monitor in der Fahrerkabine. Dieser dient zwar eigentlich dem Arbeitsablauf und nicht dem Rückwärtsfahren, hätte der Fahrer aber darauf geschaut, wäre der tödliche Unfall vermeidbar gewesen. Er und seine Kollegen "hätten Schwein gehabt, dass da noch nicht früher was passiert ist", wirft der Staatsanwalt ein. "Beim Rückwärtsfahren muss man doppelt vorsichtig sein."

Beifahrer muss Fahrer einweisen

Der Angeklagte sitzt starr und ausdruckslos auf seinem Stuhl. "Das kommt immer wieder hoch", sagt er und senkt den Blick. "Ich kann mich nur bei den Hinterbliebenen entschuldigen. Ich kann es nicht mehr ändern." Ein normaler Familienvater, für den nichts mehr normal ist. Nach dem Unfall konnte er drei Monate in kein Fahrzeug steigen, war in psychologischer Behandlung, nimmt immer noch Schlaftabletten und kämpft mit psychischen Folgen. Bis jetzt fährt er nur als Beifahrer bei der Müllabfuhr mit. Sein Arbeitgeber unterstützt ihn und ist auch bei der Verhandlung vor Ort. "Das werden Sie in ihr Leben integrieren müssen; das wird Sie nicht mehr loslassen", gibt der Verteidiger ihm mit auf den Weg.

Staatsanwalt und Verteidiger betonen, dass der Angeklagte ein anständiger Mensch sei. "Er ist kein Krimineller, Fehler passieren" und es sei manchmal unglücklich, wer hier auf die Anklagebank komme, so der Staatsanwalt. Auch der Richter meint: "Er leidet darunter und täuscht das nicht vor." Positiv bewertet das Gericht, dass der 57-jährige seine Schuld sofort eingeräumt und sich auch mit einem Beileidsschreiben an die Hinterbliebenen gewendet hat. Es gab keine Schadensersatzforderung. Die Hinterbliebenen antworteten auf sein Schreiben. Die Schwiegertochter des Opfers sagt vor Gericht: "Ich möchte niemandem einen Vorwurf machen, da ich nicht weiß, was passiert ist. Ich drücke Ihnen die Daumen und wünsche Ihnen alles Gute."

Die Geldstrafe wird natürlich keine Wunden heilen, aber zumindest zog die Müllabfuhr im Landkreis Böblingen Konsequenzen aus diesem tragischen Vorfall: Beim Rückwärtsfahren muss der Beifahrer nun immer aussteigen und ist verpflichtet, den Fahrer einweisen. Und auch generell sollen Rückwärtsfahrten möglichst vermieden werden.

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