Wegen Corona: Prozess um Dätzinger Ausbeutungsfall kommt nicht voran

Die Zeugen können wegen der Pandemie nicht aussagen.

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    Mit Kartoffeln und Leiharbeitern wurden dubiose Geschäfte gemacht Foto: Archiv

Artikel vom 10. Januar 2021 - 10:00

von Bernd Winckler

GRAFENAU. Eigentlich sollte der seit nunmehr elf Monaten dauernde Strafprozess vor dem Stuttgarter Landgericht gegen einen 54-jährigen Landwirt aus Dätzingen wegen ausbeuterischen Menschenhandels jetzt abgeschlossen werden. Doch wieder, wie schon so oft in diesem Mammutverfahren, haben Zeugen mitgeteilt, dass sie nicht kommen können.

Der Fall ist als "Sklavenprozess", eher aber als "Ekel-Salat-Prozess" inzwischen fast seit einem Jahr am Stuttgarter Landgericht vor der 6. Großen Wirtschaftsstrafkammer anhängig. Der 54-jährige Landwirt hatte mit seiner mitangeklagten 55-jährigen Ehefrau im Jahre 2011 in Grafenau-Dätzingen einen Hof betrieben, in dem Kartoffeln zur Weiterverarbeitung für Kartoffelsalat geschält wurden. Dazu hatte der Mann zahlreiche polnische Saisonkräfte eingestellt, die er laut Anklage monatelang in heruntergekommenen Unterkünften einsperrte, ihnen keinen oder nur ganz geringen Lohn bezahlte, und sie obendrein mit körperlichen Misshandlungen zur Arbeit gezwungen habe. Das Produkt, welches von der Presse inzwischen als "Ekel-Salat" bezeichnet wurde, habe der Mann in einem in Böblingen ansässigen Betrieb zu Kartoffelsalat verarbeitet und an Kantinen und Krankenhäuser ausgeliefert.

Elf Monate lang schweigt das auf der Anklagebank sitzende Ehepaar, lässt beziehungsweise durch die Anwälte ihre Unschuld zu denn Vorwürfen wissen. Auch am ersten Verhandlungstag in diesem Jahr. Die Richter der 6. Großen Strafkammer müssen die polnischen Arbeitskräfte, die sich alle inzwischen wieder in ihrer Heimat aufhalten, somit als Zeugen vernehmen. Die meisten ignorierten die Zeugenladungen. Viele polnische Bürger können derzeit wegen der Covid-Pandemie überhaupt nicht nach Deutschland einreisen, da hierzulande kein Hotel geöffnet hat und Flüge nur sehr eingeschränkt stattfinden.

An diesem Problem krankt dieser Prozess seit Monaten. Allerdings verhandelt der Vorsitzende Richter mit seinen Beisitzern in absoluter Gelassenheit das Verfahren gegen das Dätzinger Ehepaar. Es soll bereits im Gespräch gewesen sein, den Fall mit Bewährungsstrafen abzuschließen. Der Mann selbst ist schwer krank, wird im Rollstuhl in den Gerichtssaal gebracht und darf aus gesundheitlichen Gründen laut Arzt pro Sitzung nicht mehr als drei Stunden teilnehmen. Auch dies ist ein Grund für die lange Verfahrensdauer.

Ein vorgeladener polnischer Zeuge, der in dem Dätzinger Hof als Kartoffelschäler gearbeitet hat, hat den Richtern eine Mail geschickt, in der er sein Fehlen aus den naheliegenden Gründen mitteilt. Er wolle aber kommen, heißt es in der Nachricht. Das Gericht hat ihn nunmehr auf den 20. Januar geladen.

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