Dätzingen rockt und macht sich locker

Open-Air-Atmosphäre auf dem Schlosshof: Die Band Julie Hellion and the Batten Masons eröffnet die Kulturbühne Grafenau.

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    Endlich wieder "live" vor Publikum spielen: Julie Hellion und Patrick Maurer genießen ihren Auftritt in Dätzingen Fotos: Eibner/Tyson Jopson/edi

Artikel vom 03. August 2020 - 10:00

Von Eddie Langner

DÄTZINGEN. "Und jetzt seid ihr dran!", ruft Sänger und Gitarrist Patrick Maurer von der Bühne und zählt den Mitsing-Part ein: "Shout, shout! Let it all out", beschwört er die Refrain-Zeilen des New-Wave-Klassiker von Tears For Fears. Aber die Sache mit dem "Rufen" und "alles rauslassen" ist gar nicht so einfach in Pandemie-Zeiten. Deshalb klingt es hier bei dem Konzert der Band Julie Hellion an the batten Masons auf dem Dätzinger Schlosshof beinahe so, als würde ein Kirchenchor mit andächtig-gedämpftem Gesang eine Rock- und Pop-Messe feiern.

So weit entfernt von der Realität ist dieses Bild vielleicht gar nicht. Schließlich soll dieser Abend die vorsichtige und dennoch entschlossene Wiederbelebung der örtlichen Kulturszene inmitten einer noch immer aktiven Virus-Pandemie einläuten. Dies jedenfalls ist das erklärte Ziel von Tom Sanchez und Thomas Uhl. Die beiden sind in der Veranstaltungsbranche tätig und haben die "Kulturbühne Grafenau" ins Leben gerufen.

Bei dieser Open-Air-Reihe findet an jedem Samstag im August eine Freiluftveranstaltung vor dem Meierhaus auf dem Dätzinger Schlosshof statt. Den Hauptteil des Programms bestreiten Comedians. Am Wochenende vom 22. und 23. August ist zudem eine Benefiz-Kochshow geplant (wir berichteten).

Für den Auftakt an diesem 1. August hat Veranstaltungstechniker Thomas Uhl sich etwas anderes einfallen lassen. Mit Julia Paul hat der Grafenauer eine ehemalige Sportskameradin eingeladen. Die Sängerin der Band Julie Hellion and the batten Mason stammt aus Döffingen, ist dort zur Grundschule und danach aufs Gymnasium Unterrieden gegangen. "Der Thomas und ich waren zusammen beim TSV Grafenau", erzählt sie.

Seit drei Jahren ist die Frau mit den feuerroten Haaren und der mit Tattoos übersäten Haut Sängerin einer Band, die sich auf "Kick-Ass-Acoustic-Cover" spezialisiert hat. So heißt es jedenfalls auf der Facebook-Seite von Julie Hellion and the batten Masons. Der Bandname ergibt sich aus der englischen Übersetzung der Nachnamen beziehungsweise Spitznamen der Mitglieder: Gitarrist Patrick und Basser Tobias heißen Maurer (Mason), Schlagzeuger Jörg Vollbrecht wird "Latte" (Batten) genannt.

Der akustische Tritt in den Allerwertesten erweist sich als das perfekte Musikprogramm für diesen herrlichen Sommerabend: Songs von Metallica, AC/DC, Shawn Mendes und den Red Hot Chili Peppers präsentiert die Band mal gefühlvoll reduziert, mal aber auch so richtig "auf die Fresse", wie es Thomas Maurer augenzwinkernd formuliert. Ein erster Höhepunkt ist das aus dem Film "A Star ist born" bekannte Balladen-Duett "Shallow". Bei dieser emotionalen Nummer winken zahlreiche Gäste mit ihren Handy-Taschenlampen - das moderne Gegenstück zum hochgehaltenen Feuerzeug. Ein echtes Highlight ist auch der Crossover-Hit "Old Town Road", den die Musiker mit dem Rocksong "Fly away" zu einem überraschend stimmigen "Mash up" zusammenmischen.

Das Publikum geht nach anfänglicher Zurückhaltung immer mehr mit. Es wird eifrig mitgesungen - was unter freiem Himmel und bei dem Abstand zwischen den Bierbänken auch unbedenklich sein dürfte. Hier und da tanzt auch jemand - wenn auch jeweils für sich und ganz brav am eigenen Platz. Schließlich findet das Konzert unter strengen Hygiene-Auflagen statt.

Gegen 22.30 Uhr ist die Zeit zum Aufhören schon um eine halbe Stunde überschritten. Zum Glück für Band und Publikum sitzt Grafenaus Bürgermeister Martin Thüringer mit im Publikum und drückt gerne eine Auge zu. Die Gäste erklatschen sich mit einigen Nachdruck eine letzte Zugabe. "Grafenau hält das aus", ruft eine Zuschauerin aus der hintersten Reihe. Oben drauf gibt's noch "Whats up" von den 4 non Blondes. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Dätzinger locker gemacht: Das "Hey yeah yeah" kommt jetzt aus voller Kehle.

"Ich wollte das schon lange machen", erzählt Uhl von seinen schon über einige Zeit gehegten Plänen, die Band einmal für ein Konzert in seine Heimat zu holen. Die Hobby-Musiker sind sonst eher im Raum Balingen aktiv und werden (aus naheliegenden Gründen) auch immer wieder für Tattoo-Conventions gebucht. Beim Motorradtreffen "Glemseck 101" hat die Akustik-Formation sich offenbar eine treue Fan-Gemeinde erspielt. Einige davon sind an diesem Abend hier und machen ordentlich Stimmung.

"Wir hatten den Stillstand einfach satt", sagt Sanchez im Gespräch mit der Kreiszeitung wie er und sein Geschäftspartner Uhl auf die Idee mit der Kulturbühne gekommen sind. Sanchez organisiert mit seiner Procity-Agentur unter anderem Gastro-Events wie die "Street Food Fiesta" sowie die "Funtastic Comedy-Night". Uhl ist Geschäftsführer der in Weil der Stadt ansässigen Firma STP Veranstaltungstechnik. Beide blicken auf eine sehr ungewisse Zukunft. "Es gibt einfach keine Perspektive", meint Thomas Uhl.

Gewinn streben sie mit der Kuklturbühne nicht an. "Wir sind froh, wenn wir Null auf Null rauskommen", sagt Uhl. Dafür nützt die Reihe den örtlichen Vereinen. Die übernehmen die Bewirtung. An diesem Abend ist das die Fußballabteilung des TSV Grafenau. Das Risiko gehen Uhl und Sanchez dennoch mit voller Überzeugung ein - weil es immer noch besser sei, als nichts zu tun.

 

  Am Samstag, 8. August, geht die Kulturbühne Unter dem Motto "Funtastic - die doppelte Dosis" treten um 20.30 Uhr die Comedians Toby Käp und Jan Preuß auf. Am 15. August kommen Nick Schmid und "Mechthild"-Finalist Andreas Weber als Comedy-Doppelpack. Am 22. August will Nikita Miller mit seinen Gags und Pointen das Publikum unterhalten. Außerdem präsentieren an diesem Tag und am Sonntag (23. August) die Köche Ole Ploggstedt und Tino Eggert ihre Benefiz-Kochshow. Am 29. August beendet Stand-up-Künstler Henning Schmidtke die Open-Air-Reihe. Infos und Vorverkauf unter http://www.kulturgrafenau.de im Netz.