Sindelfingen vor 80 Jahren: Wie die Nazis die Wohnungsnot bekämpften

Serie "Vor 80 Jahren - Sindelfingen im Krieg": Mit der Entstehung des Daimler-Werks musste eine notorische Wohnungsknappheit gelindert werden. Die Nazis schufen mit Standard-Architektur gleichförmige Siedlungen in der Stadt.

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Artikel vom 13. Juli 2020 - 19:24

Von Horst Zecha

SINDELFINGEN. Mit fortschreitender Dauer und spätestens seit Einsetzen der alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte beeinflusste der Krieg immer stärker alle heimischen Lebensbereiche. In der frühen Kriegsphase, die von militärischen Erfolgen auf deutscher Seite gekennzeichnet war, erscheint der Krieg oft noch fern der Heimat und der Alltag in vielen Bereichen noch weitgehend unbeeinflusst. Dieses Bild wird allerdings von der NS-Propaganda bewusst gepflegt, so dass bei der Auswertung entsprechender Quellen stets Vorsicht geboten ist.

Am 26. Juni 1940 findet sich in der Sindelfinger Zeitung unter der Überschrift "Besuch in der Fronäcker-Siedlung" ein blumiger Bericht über den Bezug der letzten fertiggestellten Häuser der neuesten Sindelfinger Siedlung entlang der Bahnlinie Sindelfingen-Maichingen.

Befremdliche Verniedlichung

In befremdlich verniedlichender Form nimmt der Schreiber auf die Zeitverhältnisse Bezug: "Man kann sich denken, dass diese Arbeiten während der letzten acht Monate nicht ganz den Fortschritt nahmen, wie er gemacht worden wäre, wenn der Krieg nicht einen Teil der Handwerksleute vom Schaffen abgehalten hätte und noch abhält. Aber das eine kann man doch sagen: ein großer Teil der netten Häuser sind bezogen worden. . ."

Die Planungen für einen Siedlungsbau in den Fronäckern gehen bis ins Jahr 1934 zurück und sind im Zusammenhang mit den Bemühungen der Stadtverwaltung zu sehen, die seit der Ansiedlung des Daimler-Werks 1915 notorische Wohnungsknappheit in Sindelfingen zu lindern.

Dazu war bereits unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg der Bau- und Sparverein, die spätere Baugenossenschaft, als kommunales Wohnungsbauunternehmen gegründet worden. Der Bau- und Sparverein war auch Bauträger der Fronäckersiedlung. Dabei richteten sich Stadt und Unternehmen nach den Vorgaben und Plänen des "Heimstättenamts der NSDAP" mit Sitz im Ludwigsburger Schloss. Von dort kamen die Vorgaben für die standardisierten Haustypen, die den Siedlungsbau während der NS-Zeit in ganz Deutschland maßgeblich prägten.

Für die einfachste Hausvariante, "Typ 1" wurde 1935 vom Stadtbauamt eine Kalkulation erstellt, die von Grundstückskosten von 1100 Reichsmark (10 ar Grundstück a 55 Pfg. pro qm plus Erschließungskosten) und Baukosten von 4900 RM, also Gesamtkosten von 6000 RM ausging. Planende Architekten waren die in Sindelfingen etablierten Georg Bürkle, Alfred Hess und Otto Reuff, deren kreative Möglichkeiten sich angesichts der weitgehenden parteiamtlichen Vorgaben aber in engen Grenzen gehalten haben dürften.

Ein Fehlbedarf von 500 Wohnungen

So entstanden seit Mitte der dreißiger Jahre bis 1940 in Summe 80 Wohnungen, für eine Stadt mit damals etwa 8800 Einwohnern ein großes Siedlungsbauprojekt. Allerdings waren die Wohnungsprobleme Sindelfingens damit bei weitem noch nicht gelöst. Im Sommer 1940 beschäftigte sich Bürgermeister Pfitzer auf Anregung des Verbands Württembergischer Wohnungsunternehmen mit "der Vorplanung von Wohnungsbauvorhaben nach dem Krieg" und legt in diesem Zusammenhang für Sindelfingen einen Fehlbedarf von 500 Wohnungen zugrunde.

Tatsächlich wurden mit zunehmender Kriegsdauer sämtliche Planungen für den Wohnungsbau wegen Material- und Arbeitskräfteknappheit eingestellt. Unter welchen Vorzeichen der Wohnungsbau in der Nachkriegszeit dann tatsächlich stattfinden musste, das hat Bürgermeister Pfitzer im Sommer 1940 sicher noch nicht geahnt.

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