Sindelfingen: Krieg verhinderte pompöses HJ-Heim

Im Mittelpunkt der Serie "Vor 80 Jahren - Sindelfingen im Krieg" steht diesmal die Hitlerjugend: Die Staatsjugend sollte im Schleicher eine Anlage riesigen Ausmaßes bekommen. Doch wegen des Kriegs ist nichts aus den hochtrabenden Plänen geworden.

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    Erziehung im Geiste des Nationalsozialismus: eine HJ-Gruppe auf Fahrt Fotos: Stadtarchiv
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    Ein Lageplan zeigt die geplanten Ausmaße des HJ-Heims im Eichholz

Artikel vom 02. Juni 2020 - 07:23

Von Oliver Weth

SINDELFINGEN. Thema der Langzeitserie "Vor 80 Jahren - Sindelfingen im Krieg" des Stadtmuseums ist diesmal die Hitlerjugend (HJ). Wie in anderen Städten auch sollte nach dem Willen der Reichsjugendführung in Sindelfingen ein pompöses Heim für die Staatsjugend geschaffen werden. Doch der Zweite Weltkrieg durchkreuzte die Pläne.

Die HJ gehörte wohl zu den bekanntesten nationalsozialistischen Organisationen. Nach der Machtergreifung wurde sie fest im NS-Staat institutionalisiert; ihr wurden nahezu alle Jugendvereine und -organisationen einverleibt. Die HJ beeinflusste die Erziehung und das Weltbild von Jungen und Mädchen zwischen zehn und 18 Jahren. Ihren "Führern" wurde neben Schule und Elternhaus das Erziehungsmonopol übertragen.

Ziel der HJ war es, die Jugend "körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zu erziehen". Vor allem die körperliche Ertüchtigung als Vorbereitung auf den Wehrdienst war fester Bestandteil des "Lehrplanes". Während man versuchte, die Jungen für alles Soldatische zu begeistern, wurden die Mädchen in das Rollenbild der Hausfrau und Mutter gezwängt. Die ideologische Erziehung fand während des "Heimunterrichts" statt und befasste sich mit einer heroisierten Form der deutschen Geschichte, der nationalsozialistischen Rassenlehre und Schmähungen gegen den Versailler Vertrag.

Die HJ entwickelte sich in kurzer Zeit zu einer Millionenorganisation. Auch der Anteil der in der HJ organisierten Schüler der Sindelfinger "Adolf-Hitler-Oberschule" (heute Goldberg-Gymnasium) stieg zwischen 1936 und 1939 von 64 auf 99 Prozent. Wie alle NS-Organisationen war auch die HJ nach dem "Führerprinzip" aufgebaut. Getreu dem Grundsatz "Jugend führt Jugend" übernahmen ältere Schüler die Führung von jüngeren. Über ein Viertel der Schüler der "Adolf-Hitler-Oberschule" bekleidete solche HJ-Positionen im Kreis Böblingen.

Aufgrund ihres rasanten Aufstiegs war die HJ im Deutschen Reich größtenteils in Notbehelfen untergekommen. Gleiches galt für die 640 Sindelfinger Jungen und Mädchen, die im Frühjahr 1939 in der HJ organisiert waren. Treffen fanden mittwochs und samstags statt. Die 10- bis 14-Jährigen wurden hierzu eigens von der samstäglichen Schulpflicht befreit. Für Ausflüge in den Wald wurden eine Hütte im Spitzholz und eine "Waldhütte an der Straße nach Leonberg" genutzt. Für den Samstagsdienst wurden acht Schulräume in der Volksschule genutzt und ein Dienstzimmer eingerichtet.

Zusätzlich belegte die HJ Räume im Alten Rathaus und in einem Jugendhaus in der Ziegelstraße. Für Sport wurde die Halle des VfL Sindelfingen in Anspruch genommen. Diese dezentrale Unterbringung in Gebäuden des "alten Systems" war der Reichsjugendführung ein Dorn im Auge. Daher erklärte sie das Jahr 1937 zum "Jahr der Heimbeschaffung" - mit dem Ziel, repräsentative HJ-Heime zu schaffen, die den Geist des neuen nationalsozialistischen Deutschlands verkörpern sollten. Hierzu formulierte die HJ in einem Sonderheft der württembergischen Zeitschrift "Führerdienst" architektonische Ansprüche.

Die Aktion schien auch in Sindelfingen Widerhall zu finden, denn im Oktober 1937 ging bei der Stadtverwaltung eine Bauplatzanfrage der HJ ein. Die Stadt wählte einen Bauplatz im Eichholz aus, an dem sich heute das Alten- und Pflegeheim Haus Eichholzgärten befindet. In der Gemeinderatssitzung vom 30. Mai 1940 präsentierte der Bürgermeister erste Entwürfe des beauftragten Architekten Ernst Dobler aus Stuttgart.

NS-Geist sollte wie in einem Schrein verehrt werden

Die geplante Anlage hatte riesige Ausmaße: 24 Scharräume, vier Gefolgschaftsräume und eine Festhalle. Herzstück der Anlage sollte überdies eine "Ehrenhalle" sein, in der mit Fahnen und Symbolen der Geist des Nationalsozialismus wie in einem Schrein verehrt werden sollte und in dessen Zentrum eine Büste Adolf Hitlers stehen würde. Dass dieser Entwurf für das damals 8500 Einwohner zählende Sindelfingen überdimensioniert war, sah auch die Stadtverwaltung ein. Gegen den Widerstand des HJ-Gebietsleiters Uhland wurde die Anzahl der Scharräume reduziert und die Festhalle gestrichen.

Als während des Krieges ein Baustopp verordnet und der Architekt zum Kriegsdienst eingezogen wurde, beschloss die Stadtverwaltung, das Projekt erst nach (siegreicher) Beendigung des Krieges fortzu-führen. Anderen HJ-Heimen muss es ähnlich gegangen sein. Jedenfalls blieb die Heimbeschaffungspolitik der Reichsjugendführung weit hinter ihren Ansprüchen zurück. Von den geforderten 50 000 Heimen wurden nur etwas mehr als 1000 gebaut.

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