Sindelfingen: Pater Rathfelder geht in den Ruhestand

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    Zweimal Johannes in der Dreifaltigkeitskirche: Der scheidende Pater Johannes Rathfelder vor einer barocken Statue von Johannes dem Täufer, die die Kirchengemeinde jüngst gestiftet bekommen hat Foto: Stefanie Schlecht

Zwölf Jahre lang stand Pater Johannes Rathfelder der Seelsorgeeinheit 9 der Katholiken vor. Er bedauert, dass ihm die Größe seines Sprengels und die vielen Aufgaben zu wenig Zeit gelassen haben, um allen gerecht zu werden. Denn den Menschen zuzuhören, hält er für die wichtigste Aufgabe in der Seelsorge.

Artikel vom 17. Oktober 2019 - 23:00

Von Werner Held

SINDELFINGEN. Bis Ende des Monats ist Pater Johannes noch Ansprechpartner für die 8300 Katholiken in den Gemeinden Zur Heiligs-ten Dreifaltigkeit mit Auferstehung Christi, St. Maria, Christus König in Dagersheim/Darmsheim sowie in der kroatischen und italienischen Gemeinde. Als er den Dienst 2007 übernahm, erzählt er, seien noch andere Pfarrer und mehr Pastoral- und Gemeindereferenten da gewesen als heute, die einen Teil der Aufgaben übernommen hätten. Doch die meisten von ihnen, sagt der 70-Jährige, "sind verdunstet". So ganz nebenher führte er bis Ende 2018 auch noch die Geschäfte der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Sindelfingen, zu der auch die Seelsorgeeinheit St. Joseph/St. Paulus/St. Franziskus im Norden der Stadt gehört.

Schon als Kind hatte Johannes Rathfelder, der aus Calw stammt, den Wunsch, Pfarrer zu werden. Mit zehn wechselte er auf ein Klostergymnasium. Direkt nach dem Abitur ging es ins Kloster. Er schloss sich den Benediktinern an. Nach dem Theologiestudium wurde das Stift Melk in Niederösterreich seine neue Heimat. Dort hat Pater Johannes sein Zimmer. Dorthin kann er jederzeit zurückkehren. Er weiß, dass er dort im Alter und bei Krankheit versorgt wird. Der Melker Abt schickte ihn nach der Priesterweihe 1975 nach Salzburg, nach Traiskirchen, später nach Weikendorf. In Weikendorf wirkte 25 Jahre lang nicht nur in der Gemeinde, sondern auch bei der Feuerwehr und in anderen Hilfsorganisationen. Die Weikendorfer ernannten in zum Ehrenbürger.

Dann zog es Johannes Rathfelder in seine alte Heimat, damit er sich um seine kranke Mutter in Calw kümmern konnte. Nach kürzeren Einsätzen in Böblingen und Leonberg wurde ihm die Leitung der Seelsorgeeinheit 9 in Sindelfingen übertragen. Diese hatte eine längere Vakanz hinter sich, sodass der neue Pfarrer manche Kontakte neu aufbauen musste. Eine große Herausforderung war für den Pater, der bis dahin in kleinen. ländlichen Gemeinden tätig war, dass er jetzt plötzlich in einer Stadt mit über 80 Nationalitäten wirkte. "Das war eine sehr positive Erfahrung", sagt er, "da bekam man ein Gefühl von Weltkirche."

Dem katholischen Priester war sehr an einem guten Verhältnis zu den anderen Kirchen gelegen. Ökumenische Veranstaltungen beim 750-Jahr-Jubiläum der Stadt und bei der 925-Jahr-Feier der Martinskirche wie auch die ökumenischen Kirchentage sind ihm in guter Erinnerung. Als die evangelische Martinskirchengemeinde binnen Kurzen alle drei Pfarrer verloren hatte, hätten ihn die Verantwortlichen dort gefragt, ob er sie nicht mit übernehmen könne, erzählt Rathfelder lachend. Auch mit der weltlichen Obrigkeit kam er gut aus. "Kirche hört nicht an der Kirchentür auf, sondern strahlt in die Gemeinde hinein", sagt er - und fügt hinzu: "Durch ein Miteinander können beide Seiten gewinnen."

Pensionierte Priester sind überall in der Kirche sehr gefragt

Auch wenn er die Zahl der Sitzungen in jüngster Zeit reduziert hat, war Pater Johannes die letzten Jahre immer "zu 150 Prozent gefordert". Das sei zwar strapaziös gewesen, habe ihn aber in Bewegung gehalten. Jetzt steht ihm eine Zäsur bevor, von der er nicht so recht weiß, wie er darauf reagieren wird. Zwei Dinge aber weiß er sicher: "Im Ruhestand nur Unkraut zu jäten, ist mir zu wenig." Und um seinem Nachfolger nicht dazwischenzufunken, zieht er sich aus der Sindelfinger Gemeinde ganz zurück - vorerst jedenfalls. Ansonsten aber, sagt Pater Johannes grinsend, seien pensionierte Pries-ter sehr gefragt. Anfragen, ob er nicht da und dort aushelfen könne, gebe es genug. "Es ist ja schön, wenn man noch gebraucht wird", sagt er, "und wenn man sich raussuchen kann, was man machen möchte."

Vielleicht kommt er künftig wieder öfter dazu, das zu tun, was er in der Seelsorge für zentral hält: Menschen, denen etwas auf der Seele lastet, zuzuhören: "Oft ist es den Leuten wichtig, dass ich einfach da bin - auch wenn ich keine Antwort auf die Fragen geben kann, die sie bewegen."

 

Hintergrund: Abschiedsgottesdienst am Sonntag – Kirchenleitung muss während der Zeit der Vakanz improvisieren

■ Pater Johannes Rathfelder wird in einem Gottesdienst am Sonntag, 20. Oktober, ab 11 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche als Pfarrer der Seelsorgeeinheit 9 verabschiedet. Anschließend gibt es einen Stehempfang im Gemeindehaus. Bis zu seinem letzten Arbeitstag am 31. Oktober hat der Priester noch ein strammes Programm. „Aber ab Allerheiligen stehe ich nicht mehr zur Verfügung“, sagt der 70-Jährige.

■ Die Ausschreibung der Stelle an der Spitze der Seelsorgeeinheit läuft noch. „Ich wünsche mir, dass sich einer findet, der ein weites Herz hat für die Befindlichkeiten aller“, sagt Pater Johannes. „Die Stelle ist eine Herausforderung, aber man bekommt viel Dankbarkeit zurück.“

■ Da auch Pfarrvikar Istvan Gegö kürzlich Sindelfingen verlassen hat, muss die Kirchenleitung die Zeit bis zur Einsetzung eines neuen Pfarrers überbrücken. Als Administrator und damit offiziellen Leiter der Einheit hat sie Pfarrer Markus Ziegler aus Herrenberg eingesetzt. Pastoralreferent i. R. Gerhard Rauscher aus Böblingen übernimmt als Vakanzbegleiter die Organisation der Arbeit in der Seelsorgeeinheit. Der aus Indien stammende Pater Paul Raj Mariapushpam wird ab Mitte November für ein Jahr Pfarrvikar und übernimmt die priesterlichen Dienste. Unterstützt werden die Interimskräfte von Pastoralreferentin Ingrid Wedl, Pastoralassistent Vladimir Lukic und Cornelia Radi, die neu in den pastoralen Dienste einsteigt.

■ „Trotz aller begleitenden Maßnahmen bringt eine Vakanz natürlich auch Veränderungen mit sich“, heißt es in einer Sonderausgabe des Gemeindeblattes „Mosaik“. „Am deutlichsten wird das sicherlich durch die reduzierte Anzahl der Eucharistiefeiern spürbar. Aber auch sonst ist manches an priesterlichem beziehungsweise hauptamtlichem Engagement nicht mehr möglich.“ (wrh)

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