Bunte Stadt und Bubikopf

Doppelveranstaltung zur Ausstellung über den Architekten Carl Krayl in der Sindelfinger Galerie

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    Das Weißenhof-Museum in Stuttgart: Die Siedlung war Vorbild für die Moderne Architektur und ist heute Pilgerstätte für am Thema interessierte Menschen Fotos: red

Artikel vom 28. August 2019 - 14:48

SINDELFINGEN (red). Mit der Ausstellung "von bunt zu weiß - Wege in die Moderne" zeigt die Galerie Stadt Sindelfingen im zweiten Obergeschoss bis zum 8. September den künstlerischen und beruflichen Lebensweg des in Sindelfingen aufgewachsenen Architekten Carl Krayl. Kuratiert von Klaus Philippscheck und Sabine Sommer, vermittelt die Ausstellung nicht nur die Entwicklung des Architekten, sondern beschäftigt sich auch mit gesellschaftlich und kulturell relevanten Themen, die die Architektur der 1920er-Jahre - auch in Sindelfingen - beeinflussten. Eine Doppelveranstaltung unter dem Motto "Architektur trifft Mode" ergänzt die Ausstellung.

Nach Lehrjahren beim Sindelfinger Architekten Georg Bürkle, der unter anderem die Villa Lanz am Klostersee und die "Neue Kapelle" auf dem alten Friedhof gestaltete, studierte Krayl Innenarchitektur und absolvierte ein zweisemestriges Architekturstudium bei Paul Bonatz in Stuttgart. Ende des Ersten Weltkriegs schloss sich der junge Architekt dem Kulturprojekt "Die gläserne Kette" an. In diesem künstlerischen Geheimbund wurden fantastische Kristallgebäude entworfen, himmelsstürmende Hochhäuser und gläserne Pavillons. Neben Krayl gehörten dieser Gruppe auch Bruno Taut, Walter Gropius, Hans Scharoun und andere Architekten an, die später zu den berühmtesten Vertretern der modernen Architektur gehören sollten.

Später führte sein Weg über Freiburg und Nürnberg nach Magdeburg. Dort bot ihm sein Freund, der als Stadtbaurat nach Magdeburg geholte Architekt Bruno Taut, die Leitung des neu geschaffenen Entwurfsbüros Magdeburg an. In den Jahren zwischen 1921 und 1933 trug der Maler und Architekt Krayl mit seinen Entwürfen maßgeblich dazu bei, Magdeburg zu einer Modellstadt der Moderne zu machen. Mit seiner Umsetzung der Aktion "Bunte Stadt", in deren Zuge rund 80 Hausfassaden koloriert wurden, lieferte Krayl mit seiner expressiven Gestaltung ein außergewöhnliches und stark diskutiertes Farbkonzept, das in der Ausstellung besondere Beachtung findet.

Doch nicht nur mit der Farbgestaltung machte sich Krayl einen Namen; er erlangte mit seinen Entwürfen für Reformsiedlungsbauten wie die Curie-Siedlung oder die Siedlung "Cracau" hohes Ansehen. Als Krayls Magdeburger Meisterwerk gilt das Gebäude der Allgemeinen Ortskrankenkasse. Mit diesem revolutionären Gesundheitszentrum schuf er 1926 einen beachtenswerten Gebäudekomplex, der in den letzten Jahren aufwendig restauriert worden ist.

Zum Rahmenprogramm gehört der Vortrag "Bauhaus Weißenhof bis heute" von Diplomingenieur Wolfgang Schwarz von der Architekturgalerie am Weißenhof am Freitag, 30. August, um 19 Uhr im zweiten Obergeschoss der Galerie. Die Architekturgalerie am Weißenhof wurde 1982 von Stuttgarter Architekten zusammen mit dem Bund deutscher Architekten Baden-Württemberg gegründet. Sie ist eine der ältesten Architekturgalerien Europas. Die Galerie wird von einem gemeinnützigen Verein getragen, der aktuell 130 Mitglieder zählt, zwölf sind aktiv. Wolfgang Schwarz bildet zusammen mit Klaus Jan Philipp den Vorstand. Unterstützt wird der Verein vom Bund deutscher Architekten, dem Kulturamt der Stadt Stuttgart und der Architektenkammer. Die Galerie aber will sich nicht nur Fachpublikum öffnen, sondern ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Schon um 18 Uhr findet am selben Ort das Event "Bubikopf gefällig?" statt. Friseurmeisterin Melissa-Sue Sommer verleiht mutigen Besucherinnen gratis den Trendschnitt der 1920er-Jahre. Der Bubikopf ist eine Kurzhaarfrisur für Frauen und Mädchen. Die Frisur gilt als Variante des Bobs, die um 1920 aufkam. Sie wurde beeinflusst vom "Knabentyp", dem Frauenbild der Zeit, und schnell zur beliebtesten Haarmode.

Die Finissage de Ausstellung "von bunt zu weiß" findet am Tag des Denkmals, Sonntag, 8. September, ab 15 Uhr statt.

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