Was rettet Sindelfingen rockt?

Rückspiegel THEMA: Was Tausenden gefällt, beschäftigt jetzt die Gerichte

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    Rock im Regen bei Alex im Westerland am vergangen Mittwoch bei Hofmeister. Foto: Stefanie Schlecht
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Artikel vom 10. August 2019 - 09:12

Von Siegfried Dannecker

"Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist / Wenn sie ihr in den Magen fährt." Ganz so wie im Song von Herbert Grönemeyer ist es bei den Fans von "Sindelfingen rockt" nicht. Denen reicht es, wenn der Boden unter den Füßen nur ein bisschen bebt. Aber klar ist: Rockmusik verträgt sich nicht mit Hintergrund-Berieselungs-Pegel. Wer sich vor einer Bühne mit dem Nachbarn unterhalten kann, ohne ihm ins Ohr brüllen zu müssen, wird nicht stimuliert. Bässe müssen wummern, Elektro-Klampfen im Ohr kreischen. Erst dann kommt Stimmung auf.

 

Das wissen auch die Richter am Stuttgarter Verwaltungsgericht. Sie gestehen in ihrem Beschluss den Rockmusik-Fans zu, dass für Veranstaltungen dieser Art ein "Mindestversorgungspegel" notwendig ist, will die kostenlose Fünfmal-Mittwochs-Reihe erfolgreich über die Bühne fegen. So weit, so gut. Weniger gut freilich finden die Leidtragenden dieses Beschlusses, dass der zugleich exekutiert: Der Marktplatz als innerstädtische Tribüne ist gestrichen. Was in der Konsequenz seit zwei Wochen heißt: Parkplatz statt Marktplatz. Hofmeister statt heimelige Innenstadt-Wohnstube. Zum Entsetzen der Fans, die dagegen nach True Collins und Alex im Westerland zweimal demonstriert haben. Mit Parolen und Partystimmung. Eine klare Abstimmung mit Füßen und Kehlen. Ob sie hilft? Das wissen wir erst, wenn der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim als nächsthöhere Instanz über den Kasus urteilt. Bis wann das sein wird - ob es also die laufende Reihe noch in die Stadt zurückretten kann: Kaffeesatzleserei.

 

Für die Fans von "Sindelfingen rockt" sind die Richter in den Roben natürlich die Spielverderber, die Spaßbremsen. Dass ihnen eine Handvoll Leute, ja letztlich eine einzige Sindelfingerin die Freude verderben konnte, ein gotziger David den großen Goliath besiegt, finden sie - im O-Ton - wahlweise "ätzend", "absurd" oder "voll daneben". Wer in der Stadt wohne, müsse nun mal damit leben, dass hier bisweilen der Bär steppt und es lauter wird als auf dem flachen Land. Nun gut, da ist was dran. Wo es pulsieren soll, gehen auch gewisse Phonzahlen damit einher. Und zugleich einige Vorschriften. Siehe die sogenannte Freizeitlärm-Richtlinie. Sie ist es, woran sich die Stuttgarter Juristen orientieren. "Wir sind verpflichtet, neutral und objektiv zu entscheiden, ob die Vorgaben zum Schallschutz eingehalten werden oder nicht", sagt das Gericht.

 

Aufgabe des Gerichts sei es, Gesundheitsgefahren zu vermeiden. Juristisch formuliert: das im Grundgesetz garantierte Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit zu garantieren. Ob nun einem einzelnen oder einer Allgemeinheit. Denn auch wenn in Sindelfingen nur eine Handvoll Menschen den Rechtsweg beschritten hat, dürften schon ein paar mehr Menschen zu den Lärmopfern zählen, sich aber aus welchen Gründen auch immer nicht wehren. Wie eine 66-Jährige aus der Seemühlestraße, die die Beats von der Marktplatzbühne hört - und sich, wie sie erzählt, einfach begeistert einreiht. Auch eine Lösung. Die Nachtruhe werde dann ja wieder eingehalten, hofft die Dame auf eine Rückkehr der Rocker.

 

Und was tut die Stadt? Ganz offensichtlich nicht nur abwarten und Tee trinken. Ihre Absichtserklärung, das Festival ins Herz der City zurückzuholen, untermauert sie durch Taten. Die Lärmmessungen auf der simulierten Bühne am Dienstag sind ein Beweis dieses Wollens, es in Zukunft gerichtsfest rocken zu lassen. Möglich, dass dabei die höchst renommierte d & b-Audiotechnik aus Backnang hilft. Die Firma bot für die Simulation - anders als das in den Vorjahren der Fall war - eine neue Lautsprecher-Technologie an, die erst seit Januar 2019 exklusiv auf dem Weltmarkt zu kaufen ist. Erste Messergebnisse stimmen optimistisch, dass diese deutlich teurere Anlage überall aufflammende Lärm-Konfliktherde wenn nicht ganz ausmerzen, so doch deutlich reduzieren könnte. Schwäbischer Soundtüftler-Geist als "Sindelfingen rockt"-Garant - das wär's.

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