Lebenslange Haft für entsetzlichen Mord

Tötung auf offener Straße: Stuttgarter Richter stellen bei 60-Jährigem "schlimmsten Fall von Selbstjustiz fest"

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    Grauenvolles mussten Zeugen und die Polizei mitansehen, als ein 60-Jähriger am 5. November 2018 in der Goldmühlestraße seine Ehefrau mit zig Messerstichen regelrecht hingerichtet hatte Foto: SDMG/Archiv

Ein ungewöhnlicher und recht brutaler Mord, geschehen auf offener Straße in Sindelfingen, ist gesühnt. Ein 60-jähriger Ehemann, der seine 57-jährige Ehefrau mit Messerstichen regelrecht "hingerichtet" hat, muss lebenslang hinter Gitter.

Artikel vom 18. Juli 2019 - 17:06

Von Bernd Winckler

SINDELFINGEN/STUTTGART. Die Richter der Stuttgarter Schwurgerichtskammer stellten in der Tatausführung einen "Fall schlimmster Selbstjustiz" fest.

Den frühen Morgen des 5. November letzten Jahres werden die vielen Menschen, die sich gerade auf der Goldmühlestraße in Sindelfingen auf den Weg zur Arbeit machten, wohl nie vergessen: Ein Mann, maskiert mit einer Afro-Faschingsperücke, hechtet zu einem roten Kleinwagen, in den gerade seine Ehefrau einsteigen will und reißt sie aus dem Fahrzeug. Dann sticht er wortlos mit einem mitgebrachten Messer mitten in ihr Gesicht, in den Hals und die Brust. Insgesamt 20 Mal. Nach seinem vollbrachten Werk lässt er sich von der bereits angerückten Polizei widerstandslos festnehmen. Er habe seine Frau umgebracht, um sein Vermögen zu retten, sagte er vor der Stuttgarter Schwurgerichtskammer und machte daher finanzielle Notwehr geltend.

Schuldig aus Heimtücke und Habgier

Schuldig des Mordes aus Heimtücke und aus Habgier. So die gestrigen Feststellungen der Richter am Stuttgarter Landgericht. Bis zuletzt hatte der 60-Jährige, der über 30 Jahre mit der deutschen Sindelfingerin verheiratet war, auf sein "finanzielles Notwehrrecht" gepocht. Er hat zwei Tage lang im Zuge des "Letzten Wortes" nach den Plädoyers über Ehe, deutsches Scheidungsrecht und übergesetzlichen entschuldbaren Notstand, über Politik und Justiz, über die Schlechtigkeit der Ehefrau, bis hin zur Haltbarkeit von Haferflocken referiert - und Freispruch, beziehungsweise Verurteilung "nur" wegen Totschlags in einem minder schweren Fall beantragt.

Den "Notstand" und die damit verbundene Wunsch-Notwehr mussten die Stuttgarter Richter aus rein rechtlichen Erwägungen heraus ohne weiteren Kommentar ablehnen. Ein sogenanntes "finanzielles Notwehrrecht" gibt es nicht. Vielmehr hatte der Angeklagte nach den richterlichen Feststellungen den Mord an seiner Ehefrau bereits Wochen vor der Tat im Herbst letzten Jahres in seinem damaligen Wohnsitz Australien geplant. Seine Planung lief ab wie alle Planungen, die er in seinem beruflichen wie auch privaten Leben vollzogen hat: Er ordnete sein Barvermögen zu Gunsten seiner beiden Söhne, obwohl zwei seiner vier Häuser eigentlich im Eigentum der Ehefrau waren. Der Versuch, davon die Hälfte zuvor vor dem rechtmäßigen Zugriff der in Scheidung mit ihm lebenden Ehefrau zu verstecken, klappte nicht. Daher musste die Frau - "das Miststück", wie er sie vor Gericht nannte - sterben. Und das, so seine Einschätzung, sei rechtlich okay gewesen.

An jenem 5. November hatte er sich nach einem zehnstündigen Flug von Australien nach Deutschland am Flughafen Stuttgart einen Mietwagen genommen. Er hatte das Tatmesser bereits im Handkoffer mitgebracht. Wieso dies möglich war, ist den Sicherheitskräften am Flughafen ein Rätsel. Dazu seinen schwarzen Anzug, weißes Hemd und Krawatte sowie Geld für den Verteidiger, "für die Gerichtsverhandlung", wie er sagte. Die Heimtücke sehen die Richter in dem Verhalten des Angeklagten: Er hatte vor der Tat eine Faschingsperücke gekauft, damit ihn die Frau nicht gleich erkennt, wenn er dann in der Goldmühlestraße am Sindelfinger Goldberg auf sie zugeht, als sie gerade in ihr dort geparktes Fahrzeug einsteigen wollte.

Doch so weit kam es nicht mehr. Laut dem Urteil zerrte der Angeklagte die drei Jahre jüngere Frau und Mutter zweier erwachsener Kinder aus dem Fahrersitz und begann, auf sie einzustechen. Stiche mit einem absoluten Tötungswillen, direkt in den Hals und den Kopf, aber auch in die Brust, wie es im Urteil heißt. Zahlreiche Stiche und Schnitte.

Diesen Tötungsvorsatz sieht das Gericht auch darin, dass er extra die Jacke der vor Schmerzen schreienden Frau zur Seite schiebt, um ungehindert in den Hals stechen zu können. Das alles hatten die zahlreichen Zeugen gesehen. Ein Zeuge hatte es deutlich gesagt: "Ein Mann, der unbedingt etwas zu Ende führen muss." Die Polizei kam innerhalb von sechs Minuten. Zu spät, denn die 57-Jährige starb an den schweren Verletzungen Tage danach im Sindelfinger Krankenhaus.

Selbst für den Staatsanwalt war dieser Fall einmalig: "Ich habe so etwas in meiner beruflichen Zeit noch nie erlebt!" Er hatte dem Angeklagten Verdrehung von Recht und Unrecht vorgeworfen, die Tat auf sittlich niederste Stufe gestellt, Hass und Rache als Mordqualifikation genannt. Keine Reue, kein Schuldgefühl. Seine Anträge waren klar: Lebenslang und Schulderschwernis - keine Haftentlassung nach 15 Jahren. Dem Antrag kam das Gericht jedoch nicht ganz nach: Eine besonders schwere Schuld lehnten die Richter ab und beließen es bei einem "Lebenslang", was 15 Jahre Minimum bedeutet

"Eine Tat, die an Niedertracht nicht zu überbieten ist"

Ein solches Tötungsdelikt mit einer solchen Tötungsvehemenz hatten die Richter der Schwurgerichtskammer in Stuttgart bislang ebenfalls noch nie verhandelt. Und der Vorsitzende Richter wurde sodann auch in der Urteilsbegründung deutlich: "Eine Selbstjustiz auf offener Straße wird in Deutschland nicht geduldet." Man habe zeitweise Zweifel an der Gesundheit des Angeklagten gehabt, doch er ist nur "schwierig", nicht krank. "Er hat mit unnachgiebigem Vernichtungswillen getötet!" Eine Tat, "die an Niedertracht nicht zu überbieten ist". Vor allem jene digitale Nachricht, die der Angeklagte für seine Kinder vorformuliert hatte: "Mit dem Miststück ist jetzt Schluss" habe die Kompromisslosigkeit der Tat an den Tag gelegt.

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