13 Jahre Haft für die Tötung im Sindelfinger Hochhaus

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Gericht hält Indizien für überzeugend genug, um 67-Jährige wegen Totschlags an ihrer 81-jährigen Nachbarin zu verurteilen

Artikel vom 27. Juni 2019 - 10:35

 

 

Von Bernd Winckler

SINDELFINGEN/STUTTGART. „Schuldig des vollendeten Totschlags: 13 Jahre Haft“, entschied gestern die Schwurgerichtskammer des Stuttgarter Landgerichts im Sindelfinger Hochhausmord-Prozess gegen die 67-jährige Angeklagte. Das Gericht ist überzeugt, dass die Frau vor genau einem Jahr in dem Hochhaus in der Friedrich-Ebert-Straße vermutlich aus Rache wegen angeblicher Ruhestörung ihre 81-jährige Nachbarin mit mindestens elf Messerstichen getötet hat. Der Fall war ein reiner Indizienprozess.
Das 81-jährige Opfer lebte seit Jahren im fünften Obergeschoss des Hochhauses. Die Wohnung daneben besaß die 67-jährige Angeklagte, eine Frau, die bereits wegen Gewalttaten gerichtsbekannt ist. Vor gut zehn Jahren wurde sie wegen bewaffneter Raubüberfälle zu einer Haftstrafe und Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt. Doch diese Vorstrafe allein war es nicht, warum die Richter sie jetzt wegen Totschlags zu der Freiheitsstrafe von 13 Jahren verurteilten. Vielmehr ist die Kammer aufgrund von zahlreichen Spuren der Angeklagten am Tatort in der Wohnung und an der Kleidung des Opfers von der Täterschaft der 67-Jährigen überzeugt – Spuren, die molekularbiologisch nicht von der Hand zu weisen sind, wenngleich die beiden Verteidiger in dem wochenlangen Prozess immer wieder darauf hingewiesen hatten, dass solche DNA-Spuren auch durch andere Übertragungsmöglichkeiten an die Kleidung der Angeklagten hätten gelangen können.
Besonders hervorgehoben wurde dabei ein Vorfall, der sich unmittelbar nach dem Auffinden der Leiche des Opfers im Flur des Hauses abgespielt hatte: Nachdem der Notarzt die Verstorbene kurz untersucht hatte, war die Angeklagte, die zu dieser Zeit vor ihrer Wohnungstüre stand, zusammengebrochen und benötigte selbst ärztliche Hilfe. Der Notarzt und die Ersthelfer leisteten ihr Beistand. Dabei seien mit Sicherheit molekulargenetische Rückstände von der Leiche an die Kleidung der Angeklagten gelangt, so die Verteidiger. Sie forderten deshalb Freispruch.
Die Richter hielten dagegen, dass noch zahlreiche weitere belastende Spuren festgestellt worden seien. Sie stellten jetzt fest, dass die Angeklagte sich am frühen Vormittag des 29. Juni 2018 über Geräusche aus der Wohnung des 81-Jährigen ärgerte und diese „Ruhestörung“ abstellen wollte. Ob das tatsächlich das Motiv war, ließ das Gericht im Urteil aber offen. „Wir wissen nicht, warum sie tötete, wir wissen nur, dass das Opfer tot ist!“, so der Vorsitzende. Sie habe bei der betagten Nachbarin, die gerne und oft Klavier spielte, geklingelt – und wurde auch eingelassen. Dann jedoch hat es nach den Feststellungen des Gerichts plötzlich heftige Diskussionen zwischen den beiden Frauen gegeben, in deren Verlauf die Angeklagte das Opfer festhielt und ihm zuerst ein Laptop auf den Kopf schlug. Schließlich wurde die 81-Jährige zu Boden geworfen, verlor ihre Brille und war wehrlos.
In diesem Moment habe die Angeklagte den Entschluss gefasst, die 81-Jährige zu töten. Zumindest habe sie deren Tod in Kauf genommen. Sie sei in Rage gewesen, als sie mit dem messerähnlichen spitzen Gegenstand (Schere oder Brieföffner) elfmal auf Hals und Gesicht der Frau einstach, wie schon der Staatsanwalt im Plädoyer ausgeführt hatte. Dazu kamen weitere Stiche in Brust und Körper. Die 81-Jährige verstarb an inneren Blutungen. Auch das Nachtatverhalten kreidete die Schwurgerichtskammer der Angeklagten negativ an: Sie zog die Leiche ins Bad, reinigte sich selbst am Waschbecken, ließ die Wanne und das Waschbecken mit Wasser volllaufen und warf jenen Laptop, mit dem die das Opfer zu Boden geschlagen hatte, ins Wasser. Das messerähnliche Tatwerkzeug ist bis heute verschwunden. All diese Beweise reichten nach Meinung des Gerichts für einen Schuldspruch aus.
Das Gericht war überzeugt, dass die Indizien gegen die Angeklagte zu schwerwiegend seien, als dass man sie für unschuldig halten könnte. Einen gestern noch gestellten Beweisantrag der Verteidiger, das Verfahren auszusetzen, um ein gerade vom Landeskriminalamt eingetroffenes Gutachten über Haaruntersuchungen zu analysieren, wies die Schwurgerichtskammer zurück. Die beiden Verteidiger wollen gegen den Schuldspruch Revision einlegen.

 

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