Kann der Mann, der im November in Sindelfingen seine Frau erstochen hat, als normal gelten?

Psychiatrischer Gutachter soll beurteilen, ob der Mann als normal gelten kann, der in der Goldmühlestraße seine Frau erstochen hat

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Artikel vom 25. Juni 2019 - 18:00

Von Bernd Winckler

SINDELFINGEN/STUTTGART. Akribisch genau hat der 60-Jährige, der in Sindelfingen auf offener Straße seine Ehefrau erstochen hat, seinen Kindern mitgeteilt, wie sie mit seinem Vermögen umgehen sollen, wenn er in Haft ist. Die erstochene Ehefrau bezeichnet er in seinen Briefen an die Kinder nur als "Miststück". Bei der Polizei sagte er, die Bezeichnung "Miststück" tue ihm leid, aber die Tötung der Frau sei unumgänglich gewesen. Die Schriftstücke wurden am Dienstag vor der Schwurgerichtskammer des Stuttgarter Landgerichts verlesen.

Der Mordprozess gegen den 60-jährigen Mann, der eigens aus Australien nach Sindelfingen gereist war, um die Ehefrau zu töten, wie er sagt, ist am Dienstag vor dem Landgericht fortgesetzt worden. Der Beschuldigte soll die Ehefrau am frühen Morgen des 5. November 2018 in der Goldmühlestraße mit zahlreichen Messerstichen in Hals, Gesicht und Brust getötet haben. Als Motiv gibt er "finanzielle Notwehr" an, weil die Frau im Scheidungskrieg ihren Anteil an seinem Vermögen gefordert habe.

Tatmesser im Handgepäck

Nach seiner Festnahme durch Polizeibeamte hatte man ihn auch gefragt, woher er das Messer mit der 20 Zentimeter langen Klinge habe. Ein Ermittler hat sich über die Angabe gewundert, der Angeklagte habe diese gefährliche Waffe unbeanstandet auf dem Flug von Australien über Frankfurt nach Stuttgart in seinem Handkoffer transportiert. Damit war er auf die Frau zugegangen, als sie gerade in ihr Fahrzeug einsteigen wollte.

Der Angeklagte hat in einem Schreiben, das ein Bekannter seinen in Australien lebenden Kindern geben sollte, verfügt, was während seiner Strafvollstreckung mit seinem Vermögen zu geschehen hat. Selbst über seinen Tod hinaus gab er Anweisungen: Die Leiche solle an eine Universität gespendet werden. 1,5 Millionen Dollar habe er eingefroren. Er rechne aber damit, bald wieder frei zu sein: "Es wäre gut, wenn ich 2020 wieder herauskäme." Den Kindern erlaubt er, dass sie jährlich aus dem Vermögen 260 000 Dollar entnehmen. Er gab ihnen die PIN-Nummern der Bank und der Schließfächer. Alle finanziellen Unterlagen würden im Kofferraum seines Fahrzeugs liegen. Selbst um die Fortsetzung der Zahlungen an seine Krankenkasse sollten sich die Kinder kümmern. Das Schreiben erreichte die Adressaten nicht. Nach der Tat hat die Polizei in Australien alles sichergestellt.

Ist der Mann noch normal? Die Schwurgerichtskammer hat zur Beantwortung dieser Frage den weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten psychiatrischen forensischen Sachverständigen Dr. Peter Winckler beauftragt. Allein schon, dass der Angeklagte seine Notwehr damit begründet, dass die getötete Noch-Ehefrau in einem Scheidungsverfahren Teile seines Vermögens beansprucht habe, ist für seinen Verteidiger so weit weg von allen Notwehrversionen, dass er selbst an der Gesundheit seines Mandanten zweifelt. Der Psychiater soll am nächsten Prozesstag zu Wort kommen.

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