Sindelfinger Messermord wird vor Gericht verhandelt

60-jähriger Deutsch-Australier hat die Tötung seiner Ehefrau am 5. November in der Sindelfinger Goldmühlestraße gezielt geplant

  • img
    5. November 2018 in der Sindelfinger Goldmühlestraße, ein Montagmorgen. Ein 60-Jähriger lauert seiner Ehefrau auf und richtet ein regelrechtes Blutbad an - teils vor den Augen der Polizei und anderer unbeteiligter Zeugen Foto: SDMG/Archiv

Artikel vom 13. Mai 2019 - 19:06

Von Bernd S. Winckler

SINDELFINGEN. Es sind bewegende und aufrüttelnde Szenen eines vorsätzlichen Mordes mitten auf der Goldmühlestraße in Sindelfingen, über die Augenzeugen berichten. Im Verfahren gegen einen 60-jährigen Deutsch-Australier vor dem Stuttgarter Landgericht wegen Habgier-Mord an seiner Ehefrau sind am gestrigen zweiten Verhandlungstag die Einzelheiten der Bluttat geschildert worden. Eine Frau bricht nach der Detailschilderung der Bluttat zusammen.

Was die Schwurgerichtskammer erzeit verhandelt, ist ein aufrüttelndes Tötungsdelikt. Die Richter hören aus dem Mund des Angeklagten, dass er die Tötung seiner Ehefrau am Goldberg genauestens geplant und dann auch so ausgeführt hat. Er hatte sich in seiner Wahlheimat Australien ein Messer besorgt, in Sindelfingen eine Faschings-Perücke und fuhr am frühen Morgen des 5. November letzten Jahres in die Goldmühle-Straße, um die Tat "zu vollenden". "Aus Notwehr", um sein Vermögen vor der Frau zu retten, wie er sagt (die KRZ berichtete).

Zahlreise Messerstiche in den Hals und in das Gesicht

"Es waren zahlreiche Messerstiche in den Hals und in das Gesicht", erzählte ein Augenzeuge den Richtern das grausige Geschehen vom 5. November. Der 43-jährige Mann fuhr kurz vor 9 Uhr mit seinem Fahrzeug von der Leipziger Straße kommend in Richtung Tatort. Er habe zuerst daran gedacht, dass hier gerade eine Filmsequenz gedreht werde, nachdem er fürchterliche Schreie hörte und den Angeklagten sah, wie er mit einem Messer auf eine Frau einstach. Dann sei ihm aber schnell klar geworden, dass diese Szene nicht zu einem Film-Dreh passt. Er stieg aus und wollte dem Opfer helfen. "Ich habe ein blutverschmiertes Gesicht gesehen", sagt er. Der Täter habe ihn kurz angeschaut, dann sein Werk fortgesetzt. Er schildert den Mann als einen Menschen, "der unbedingt etwas zu Ende führen muss", während der Zeuge überlegte, wie er ihn daran hätte hindern können. Er konnte es leider nicht. Stattdessen sah er, wie der Täter extra die Jacke der Frau am Hals wegschob, um zielgenau zustechen zu können. Auch ihre Hände, die die Frau zur Abwehr vors Gesicht hielt, nahm er zielgenau zur Seite, um weiter zustechen zu können. "Kein Zweifel, der will diese Tötung zu Ende bringen", sei es ihm, dem Zeugen, durch den Kopf gegangen.

In diesem Moment sei die Frau am Boden gelegen, der Angeklagte kniete auf ihr und stach immer weiter auf sie ein. Die Frau sei durch den Messereinsatz im Gesicht und dem Hals bereits schwerstens verletzt gewesen. Er habe so etwas noch nie erlebt, obwohl er schon bei vielen Verkehrsunfällen Verletzte sah, sagt der Zeuge. Ihm sei klar gewesen, dass diese Frau bereits tot gewesen sei. Zuvor habe sie vor Schmerzen geschrien und den Zeugen hilfesuchend angeschaut. Da habe er ihre Todesangst gesehen.

Umstehende trauten sich nicht, einzugreifen

Auf die Frage der Richter, wie tief der Mann zugestochen habe, hat der Zeuge eine deutliche Antwort: "Ganz drin, bis zum Heft." Nachdem die Polizei den Täter schließlich wegzerren konnte, sei die Frau ruhig gewesen. Ein Arm sei auf den Boden gesunken. Ihm sei klar gewesen, dass sie jetzt tot gewesen sei. Tatsächlich überlebte das Opfer die schweren Verletzungen nicht. Drei Tage danach starb das 57-jährige Opfer im Sindelfinger Klinikum.

Zuhörer, die dem Prozess beiwohnen, sind entsetzt, als sie diese Schilderungen hören. Eine Frau bricht vor dem Gerichtssaal zusammen und wird von Ersthelfern des Justizzentrums versorgt. Währenddessen berichtet ein 25-jähriger Zeuge seine Beobachtungen am Tatort. Er war zu Fuß unterwegs und hat den Messerstecher ebenfalls gesehen. Er war mutig, stellte sich dem Mann und wollte ihn von der Frau wegzerren. Dann habe er das Messer gesehen, sagt er. Er habe versucht, die Umstehenden zum Mithelfen zu bewegen. Doch sie hätten sich nicht getraut.

Dann versuchte er, den Angeklagten mit Worten von der Fortführung der Tat abzulenken. Tatsächlich habe der Mann kurz inne gehalten, dann aber wieder weiter auf die am Boden liegende Frau eingestochen, bis schließlich ein Polizeibeamter mit gezogener Maschinenpistole vor ihm stand. Die Faschingsperücke lag auf dem Boden.

Eine 27-jährige Zeugin hatte die Polizei alarmiert, als sie das grausige Geschehen gesehen hatte. Sie hörte ebenfalls die Schmerzensschreie der Frau. Der Angeklagte habe sie zuvor aus ihrem Auto gerissen. Sie sah, wie der Mann auf ihr kniete und zustach. Passanten hätten ihn angeschrien, er solle aufhören. Doch darauf habe der Täter überhaupt nicht reagiert.

Der Prozess ist zunächst bis Mitte Juli terminiert. Ein psychiatrischer Gutachter soll über die Schuldfähigkeit des Angeklagten berichten, ob möglicherweise eine Affekt-Tat vorliegt. Dies verneint der Angeklagte selbst; er hat den Sachverständigen abgelehnt, brauche kein Gutachten, sagt er. Die Verhandlung geht am 23. Mai weiter.

Verwandte Artikel