Sindelfinger vor Gericht: Notwehr oder versuchter Totschlag?

52-Jähriger ist aus Eifersucht gegen Nebenbuhler gewalttätig geworden - Prozess am Landgericht

Artikel vom 29. April 2019 - 17:42

Von Bernd S. Winckler

SINDELFINGEN. Seit acht Monaten läuft die Verhandlung am Stuttgarter Landgericht gegen einen 52-Jährigen aus Sindelfingen. Er soll im Januar 2018 versucht haben, an einem Waldparkplatz nahe der A-81-Autobahnabfahrt Sindelfingen-Ost seinen Nebenbuhler zu töten. Doch Zeugen widersprechen sich, und der Angeklagte macht Notwehr geltend. Jetzt ist der Prozess bis Ende September ausgeweitet worden.

Warum dieser Fall die Stuttgarter Richter bereits seit vielen Monaten beschäftigt, liegt zum Teil auch an der Überlastung der Justiz - und daran, dass in diesem Verfahren bislang zahlreiche Zeugen gehört, aber auch unterschiedliche Angaben gemacht wurden. Der 52-jährige Angeklagte, dem der Staatsanwalt versuchten Totschlag aus Eifersucht gegen seine Ehefrau und gegen den 29 Jahre alten Nebenbuhler vorwirft, ist Mitglied in einem Sindelfinger Schützenverein und besitzt zwei legale Waffen, die allerdings nichts mit der Tat zu tun haben.

Es geht um einen Akt, der sich am Abend des 7. Januar 2018 an einem Waldparkplatz ereignet hatte. Seine 36-jährige Ehefrau, die getrennt von ihm lebte, traf sich dort mit einem Freund. Der Angeklagte bekam das mit, weil er in ihr Auto heimlich einen Peilsender eingebaut hatte. Er habe ich angeschlichen und dann ein Messer zuerst gegen die Frau, dann gegen den 29-Jährigen geführt. Die Stiche verletzten den Mann schwer am Hals, am Arm und am Kopf. Die Frau blieb unverletzt.

Wer hat auf dem Waldparkplatz wen zuerst angegriffen?

Notwehr - ja oder nein? Darüber diskutiert das Gericht mit dem Angeklagten nunmehr seit September. Der 52-Jährige streitet eine Tötungsbilligung vehement ab. Er sagt immer und immer wieder, dass es der Nebenbuhler gewesen sei, der ihn zuerst angegriffen und am Hals kräftig gewürgt habe, bis ihm schwarz vor Augen geworden sei. Erst danach will der Angeklagte sich mit seinem mitgebrachten Messer gegen diesen Angriff gewehrt haben. Diese Version wiederholt er im Stuttgarter Gerichtssaal immer wieder. Direkte Tatzeugen gibt es nicht. Die Ehefrau belastet ihn hingegen schwer, von einem Würgen ihres neuen Partners weiß sie nichts.

Für die Ankläger ist nach nunmehr achtmonatiger Hauptverhandlung der Fall eines versuchten Tötungsdelikts in zwei Fällen klar, doch das Gericht sträubt sich. Die Aufklärungspflicht des Gerichtsverfassungsgesetzes und einer revisionssicheren Entscheidung stehen im Wege. So hat die Schwurgerichtskammer die Beweisaufnahme jetzt ausgedehnt - und Verhandlungstermine bis Ende September dieses Jahres angesetzt, um durch weitere Erhebungen und Zeugenvernehmungen aus dem Umfeld des Ehepaares festzustellen, was wirklich geschah und wer die Wahrheit sagt. Bei einer Verurteilung wegen versuchter Tötung droht dem Mann eine Haftstrafe bis zu 15 Jahren. Das Gericht peilt eine Urteilsverkündung für den 30. September an.

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