Sindelfinger Hochhausmord: Spurenlage bleibt diffus

Der Tod einer 81-Jährigen in einem Sindelfinger Hochhaus ist juristisch immer noch unklar

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    Juristisch immer noch nicht geklärt: das Tötungsdelikt im Hochhaus in der Friedrich-Ebert-Straße 9 in Sindelfingen Mitte 2018Foto: SDMG/Archiv

Artikel vom 27. März 2019 - 13:00

Von Bernd S. Winckler

SINDELFINGEN/STUTTGART. Wer hat die 81-jährige Klavierspielerin im Sindelfinger Hochhaus in der Friedrich-Ebert-Straße getötet? Das Stuttgarter Landgericht sucht seit dem 12. Februar dieses Jahres den Mörder. Zwar sitzt eine mutmaßliche Täterin auf der Anklagebank. Doch mehr und mehr tun sich in dem Prozess gegen die Frau tatbezogene Beweislücken auf.

Vom Klavierspiel genervt?

Große Fragezeichen stehen über dem Verfahren gegen die 64-jährige Nachbarin der Getöteten. Die Frau, die wegen vollendeten Totschlags angeklagt ist, beteuert ihre Unschuld. Sie habe mit dem Tod der 81-Jährigen, die so gerne Klavier gespielt hatte, nichts zu tun, lässt sie über ihren Verteidiger vortragen. Dabei geht der Ankläger davon aus, dass sie gerade wegen des Klavierspielens zur Täterin wurde. Sie habe den Musiklärm nicht mehr ertragen und habe deshalb die 81-Jährige umgebracht. Ein Vorwurf, der vor der Stuttgarter Schwurgerichtskammer allerdings noch nicht bewiesen ist.

Da sind nach den Feststellungen der Böblinger Kriminalpolizei zunächst einmal die elf Messerstiche in den Kopf und die Brust der 81-Jährigen, und zwar sehr wuchtig ausgeführt, sodass sogar einige der Stiche bis unter den Schädelknochen eindrangen. Ob die zierliche Angeklagte dazu in der Lage war, damit müssen sich die Richter ebenfalls noch auseinandersetzen. Die Frau erstickte am eingeatmeten Blut. Das große Rätsel dieses Mordfalles jedoch ist die Tatsache, dass offensichtlich der Täter vor dem Verlassen der Tatwohnung im Bad den Wasserhahn öffnete. Die Folge: Die Wohnung im 5. Obergeschoss des Hochhauses wurde nahezu überflutet. Selbst im Flur mussten die Inhaber der Wohnungen daneben mit Besen das eindringende Wasser fernhalten. Welche Absicht hatte der Täter mit dieser Überflutung im Sinn?

Klar ist den Ermittlern, wie auch am gestrigen neunten Verhandlungstag ein Polizeibeamter im Zeugenstand berichtet, dass die 81-Jährige an jenem 29. Juni letzten Jahres die Messerstiche nicht überlebte. Als man zum Tatort gerufen wurde, habe man es bereits mit einer Leiche zu tun gehabt. In akribischer kriminaltechnischer Kleinarbeit habe man dann am Tatort die Spuren festgehalten. Wichtig auch die DNA-Ergebnisse. Erschwert wurde nach seiner Darstellung dann allerdings die Kriminaltechnik durch das Wasser. Überall sei es nass gewesen. Die Verstorbene lag buchstäblich ebenfalls im Wasser, sagt der Ermittler.

Die Staatsanwaltschaft will gerade durch das DNA-Ergebnis eindeutige Tatbeweise gegen die 64-jährige Angeklagte festgestellt haben, wobei allerdings noch nicht klar ist, auf welchem Weg diese Spuren zum Opfer gelangten. Ein Notarzt habe die 81-Jährige untersucht, ob mit oder ohne Handschuhe, ist unklar. Er soll die Angeklagte, die angesichts der auf dem Boden liegenden Getöteten vor ihrer Wohnungstüre einen Schwächeanfall erlitt, durch Anfassen betreut haben. War der Schwächeanfall ein Trick, um die mögliche Spurenlage zu erklären?

Vermüllte Wohnung

Der Ermittler sagt im Zeugenstand, dass man bei der Kriminaltechnik am Tatort sogenannte Ganzkörper-Schutzanzüge trägt, um eben zu vermeiden, dass Spuren unkontrolliert auf Reisen gehen. Gestört wurde allerdings die Kriminaltechnik vor Ort durch einen Hund, der plötzlich aus einer Wohnung in den Flur rannte. Man habe ihn erst einfangen können, sagt der Beamte, und dann weiter gearbeitet.

Seltsam auch die Aussage einer Bewohnerin des Sindelfinger Hochhauses, die das Opfer kannte: Die 81-Jährige habe sehr zurückgezogen gelebt. Etwa ein Jahr vor der Tat habe an ihrer Wohnungstüre außen der Schlüssel gesteckt. Sie sei in die Wohnung gegangen, um irgendwie zu helfen und habe gesehen, dass die betagte Frau auf dem Sofa lag. Überall sei in der Wohnung Müll gewesen. Das Gericht hat weitere Verhandlungstermine bis Ende nächstens Monats angesetzt. Dabei sollen Sachverständige und polizeiliche Ermittler vernommen werden. Nach Einschätzung der Verteidigung muss ein Freispruch verkündet werden.

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