Hochhaus-Totschlagsprozess: Elf Stiche auf ein wehrloses Opfer

Prozess um Totschlag in Sindelfingen: Am Landgericht hat das Verfahren gegen eine 64-jährige Angeklagte begonnen

  • img
    Rettungsfahrzeuge vor dem Hochhaus in der Friedrich-Ebert-Straße, in dem am 29. Juni 2018 die Leiche einer 81-jährigen Frau gefunden wurde Foto: SDMG/Archiv

Artikel vom 12. Februar 2019 - 17:18

Von Bernd Winckler

SINDELFINGEN/STUTTGART. Mit juristischer Verzögerung hat gestern vor dem Stuttgarter Landgericht der Prozess im sogenannten Sindelfinger Hochhaus-Mord begonnen. Zuerst musste ein Schöffe ausgetauscht werden. Dann rügte einer der Verteidiger die Befangenheit des Gutachters. Die 64-jährige Angeklagte soll am 29. Juni letzten Jahres im Hochhaus in der Friedrich-Ebert-Straße in Sindelfingen eine 81-Jährige Bewohnerin erstochen haben.

Obwohl schon vor Verlesung der Anklageschrift vor der Stuttgarter Schwurgerichtskammer von Seiten der beiden Verteidiger die Unschuld ihrer Mandantin mitgeteilt wurde, ist der Staatsanwalt überzeugt, dass die schreckliche Tat nur von der 64-jährigen Angeklagten begangen worden sein kann. Sie soll um die Mittagszeit des 29. Juni vergangenen Jahres in das fünfte Obergeschoss des Hochhauses, in dem auch sie wohnte, gegangen sein und sich bei der dort wohnhaften 81-Jährigen über angeblichen Lärm beschwert haben. Als das Opfer die Türe öffnete, sei es zu einem Streit gekommen, in dessen Verlauf die Angeklagte die 81-Jährige hart am Arm ergriff und festhielt.

Leichenfund, weil am Tag nach der Tat Wasser aus der Wohnung lief

Zunächst soll die Beschuldigte dann die betagte Frau an die Wand gedrückt und ihr Schläge mit einem Laptop auf den Kopf und das Gesicht verabreicht haben. Danach, so die Anklage weiter, soll sie einen im Flur liegenden spitzen Gegenstand ergriffen und damit mehrmals auf das jetzt wehrlose Opfer eingestochen haben. Die Ärzte im Sindelfinger Krankenhaus zählten insgesamt elf Einstiche am ganzen Körper der 81-Jährigen; darunter am Kehlkopf, vier Mal in den Hals, sieben Mal in die Brust. Ein Stich habe die Zunge des Opfers durchschnitten. Dazu erlitt die 81-Jährige Nasenbeinbrüche und zahlreiche Hämatome am Körper und dem Kopf.

Der Tod sei danach durch Einatmen des Blutes verursacht worden. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Verbrechen des vollendeten Totschlags aus. Die Spurenlage deute klar auf die Angeklagte als Täterin hin. Gefunden wurde die Leiche der 81-Jährigen am Tag danach, weil aus ihrer Wohnung Wasser in den Flur floss. In der Wohnung war ein Wasserventil geöffnet. Das mögliche Tatwerkzeug ist bis heute verschwunden.

Nach der gestrigen Anklageverlesung überraschte einer der beiden Verteidiger das Gericht mit dem Antrag, den für die zur Tatzeit der Angeklagten festzustellenden psychischen Zustand beauftragten psychiatrischen Gutachter als befangen zu erklären und aus dem Verfahren zu entfernen. Der Sachverständige habe entgegen dem Willen der Mandantin eine Exploration in der Haftzelle vorgenommen - und dadurch seine Kompetenzen überschritten. Zudem habe der Sachverständige die Angeklagte bereits in einem anderen Strafverfahren vor 16 Jahren begutachtet und diese Ergebnisse jetzt mit in sein neues Gutachten eingebaut, was nicht statthaft sei. Der Befangenheitsantrag wurde als unbegründet zurückgewiesen. Der Gutachter, so das Gericht, habe das Recht, Informationen nach eigener Regie zu beschaffen.

14 Verhandlungstermine sind angesetzt

Zum Vorwurf der Tötung will die Angeklagte derzeit vor Gericht keine Angaben machen. Was ihre Herkunft betrifft, schildert sie sich als ausgebildete Innenarchitektin und dann als anerkannte Asylantin aus dem Iran, arbeitete nach ihrer Einreise über die Schweiz nach Deutschland in Böblingen 1,5 Jahre bei einem Computerkonzern auf der Hulb und dann als selbständige Altenpflegerin. Im Jahr 2007 sei sie wegen einer anderen Strafsache aus der Haft entlassen worden. Sie habe einen 33-jährigen Sohn und eine neunjährige Enkelin.

Die Schwurgerichtskammer hat zur Aufklärung des Falles 14 Verhandlungstermine bis in den April hinein angesetzt. Nachdem die Verteidiger mitteilten, dass ihre Mandantin unschuldig sei, ist eine umfangreiche Beweisaufnahme nötig. Festgenommen wurde die Frau am 16. Juli 2018. Die Böblinger Mordkommission habe hinreichende Täterbeweise und vor allem tatrelevante eindeutige Spuren bei ihr sichern können, heißt es in den Ermittlungsunterlagen.

Verwandte Artikel