Dem Geheimnis des Venusbergs auf der Spur

Nicht nur die Aidlinger erlebten ihren beliebtesten Platz im Heckengäu bei kurzweiligem Kultur- und Bürgerabend aus den verschiedensten Blickwinkeln

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    Damit sich der unkundige Wanderer auf dem Venusberg nicht verirrt und vom Lehenweiler Nachtkrabb behelligt wird, gibt es auch Wegweiser im Retrolook
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    Siegrid Krülle vom Heimat- und Geschichtsverein steuerte Anekdoten und ein Gemälde bei
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    Über 100 Freunde des Venusbergs ließen sich im katholischen Gemeindehaus fast drei Stunden mitnehmen auf den Aidlinger Hausberg, um den sich auch so manche Mythen ranken, aber auch viele Gewissheiten Fotos: Weigert
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    Die Hecken und Magerwiesen sind typisch für den Aidlinger Venusberg Foto: Archiv
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    Auf dem Venusberg hat die Schafbeweidung über die Jahrhunderte eine Kulturlandschaft geschaffen Fotos: Bischof/Archiv
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    Beweidung und Pflegemaßnahmen schaffen auf dem Magerrasen ganz eigene Biotopstrukturen
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    Der Venusberg hat auch eine militärische Seite: die Ruine der Drehfunkfeueranlage

Wer im Heckengäu Ruhe sucht und Kraft schöpfen will, geht auf den Berg, den Venusberg. Im Vergleich zu stattlicheren Erhebungen andernorts ist er eigentlich eher ein Hügel oder eine Kuppe. Doch das stört die Liebhaber des schönsten Platzes im Heckengäu nicht. Sie huldigten ihrem Hausberg jetzt mit einem Heimatabend.

Artikel vom 10. Oktober 2018 - 17:30

Von Matthias Weigert

Viele Gesichter: Wildkräuter und Schafe, Wanderwege und Pilgerwege, Naherholung und Naturschutz, archaische Steinskulpturen und moderne Kunstwerke, Sonnwendfeier und Osterwiese, Friedenslinde und Kriegsbauten - der Venusberg hat schließlich vielerlei zu bieten, auch allerlei Kontraste. Und der Name sorgt noch dazu für Mythen und Mutmaßungen. Nicht umsonst führt der Venusberg die Beliebtheitsskala an in der aktuell veröffentlichen Bürgerbefragung im Rahmen der Fortschreibung des Aidlinger Gemeindeentwicklungsplans.

 

Großes Interesse: Exakt 110 Gäste strömten am Montagabend ins katholische Gemeindehaus. So viele Striche kamen auf dem Plakat im Foyer zusammen, auf dem nicht nur das Motto des Abends prangte, sondern auch die Herkunft der Besucher vermerkte, die naturgemäß vor allem aus Aidlingen kamen. Aber auch eine erkleckliche Zahl von Dagersheimern und Lehenweilern hatte sich eingefunden, um einen kurzweiligen Abend zu erleben.

 

Interessengemeinschaft Venusberg: Dafür sorgte die erst im Jahr 2016 gegründete Interessengemeinschaft Venusberg. Alexander Heinze, Heidi Mornhinweg, Ludig Röschl, Stefan Ulrich und Berthold Winkler hatten in Zusammenarbeit mit Naturführerin, Heimatdichter, Militärforscher und Ortshistorikern ein gleichermaßen interessantes wie unterhaltsames Programm auf die Beine gestellt, durch das Berthold Winkler führte. Der ehemalige Leiter des Katholischen Bildungswerks im Kreis Böblingen versprach Geschichten zum Anfassen und bezog auch das Publikum mit ein.

 

Natur- und Kulturraum: Den Reigen um den Venusberg eröffnete die Heckengäu-Naturführerin Barbara Rommel, die den Naturraum wie ihre Westentasche kennt und schon unzählige Führungen geleitet hat durch das 115 Hektar große Naturschutzgebiet: "Mit umgerechnet 160 Fußballfeldern ein Schutzgebiet, das einen hohen Stellenwert für Flora und Fauna hat. Denn wo sonst Wald wäre, hat über die Jahrhunderte der Mensch und das Schaf eine Kulturlandschaft geschaffen und erhalten, die mit seinen Magerrasen viele Arten eine Heimat bietet, die auf fetten Milchviehweiden keine Chance hätten", betonte die Naturführerin und illustrierte dies mit bunten Bildern. Denn auf und um den Venusberg gibt es Silberdistel, Thymian, Glockenblume, Kartäusernelke, Wacholder. "Im Herbst zeigt sich die Natur besonders prächtig mit Beeren und Früchten", freute sich Rommel, während sie aktuelle Beerenaufnahmen von Schlehe und Weißdorn zeigte.

 

Leckere Kostproben: Früchteaufstriche aus dem Heckengäu hatte Birgit Breitling im Gemeindehaus auf die Tische gestellt: "Zwetschge, Birne und Holunder sind aber außerhalb des Naturschutzgebietes geerntet", betonte die emsige Früchteverwerterin.

 

Hege und Pflege: Namensvetterin Melanie Breitling hat auf dem Venusberg dagegen allerhand Aufgaben und Pflichten, weil ihre Familie Ländereien auf dem Venusberg besitzt. Als Jägerin muss sie deshalb die Wildtiere und den Wald hegen und pflegen. Und dazu gehört auch der Schuss aus der Büchse.

 

Vermessungskarten und Venusbilder: Auf die Spur der Namensgebung des Aidlinger Hausbergs hatte sich auftragsgemäß der Heimatgeschichtsverein Aidlingen gemacht. Und Siegrid Krülle berichtete der großen Runde über Vermessungskarten Mitte des 18. Jahrhunderts, die bereits die Erhebung als Venusberg vermerkt hatten. Und sie hielt auch nicht hinter dem Berg mit kulturhistorischen Beispielen, die ebenfalls die Venus im Namen tragen und mit zahlreichen Bräuchen und Gestalten in Verbindung gebracht werden, die von Osterwiesen und Sonnwendfeiern bis zu frivolen Phantasien reichen, der sie auch mit einem mitgebrachten Kunstwerk Ausdruck verlieh, das die Hügelrücken im Heckengäu im Auge manches Betrachters zu weiblichen Schenkeln werden lässt. Aber auch das wirkliche Leben zeigte Krülle auf: "Während die Leute schwere Steine schleppten und wie ihre Vorfahren von ihren Äckern entfernten, kamen im Weltkrieg die Flieger und man versteckte sich in Hecken oder den aufgeschichteten Steinhügeln." Einen Gutteil ihres Beitrags widemte Krülle auch den Lehenweilern, die vor gut 300 Jahren als ehemalige Soldaten nahe des Venusbergs siedelten und deren Nachfahren die Mär von dem Nachtkrabb erzählten - eine Kinderschreckfigur.

 

Gedichte vom Berg: Ergreifend trug anschließend Dieter Geiger seine selbstverfassten Gedichte über den Venusberg vor. Sie handelten von steinigen Äckern und "Stoariegeln", die schon Urahnen mühselig zusammengetragen haben. Der Lehenweiler hatte für den Kulturabend sein Krankenbett verlassen, um mit viel Pathos und unter viel Beifall seine Strophen vorzutragen.

 

Kraftplatz der Erholung: Götter, Gräber und Gelehrte bemühte Stefan Ulrich, um mithilfe von Namen und Geometrie den Venusberg als germanischen Kraftplatz der Erholung zu verorten "Das überall wiederkehrende Sechseck der Germanen hat die Stätten des Todes im Westen und die Stätten des Heilens im Osten. In unserem Fall sind es die Hügelgräber in Althengstett und der Kraftplatz Venusberg".

 

Geschichte zum Anfassen: Während Stefan Ulrich keine steinerne Zeugen seiner Hypothese auf dem Venusberg präsentieren konnte, hat es da der Stuttgarter Norbert Prothmann von der Forschungsgruppe Untertage leichter, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Geschichte zum Anfassen zu präsentieren. Sehr konkret befassen sich die Militärforscher um Prothmann auf dem Venusberg mit den Resten einer Funkanlage aus dem Zweiten Weltkrieg: "Die im südwestdeutschen Raum einzigartige Bernhard-Anlage gehörte zu einem weitverzweigten Netz von monumentalen Funkstationen, die Nachtjagdgeschwader zu ihren Zielen leiten sollten." Im fahlen Licht des Waldes ist noch heute der Betonkranz mit einem Durchmesser zu erkennen. "Darauf war ein 120 Tonnen schweres Monstrum aus Gebäuden und Metallgittern montiert, das mithilfe von Elektrolokomotiven im Kreis rotierte und elektrische Signale an einen entfernt stehenden Diodenmast aussandte, der mit einer Reichweite von 400 Kilometern Funksignale im Ultrakurzwellenbereich aussandte", erklärte Prothmann. Die Anlage hatte im April 1945 gerade den Probebetrieb aufgenommen, als sie wegen anrückenden Franzosen gesprengt wurde.

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