Sindelfinger Pat(inn)en helfen Geflüchteten: "Das ist ein Geben und Nehmen"

Patenschaften helfen Geflüchteten bei den täglichen Herausforderungen in einem neuen Lebensumfeld

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    Patin Marlit Veiel-Fritzenschaft mit (von links) Bayan, Omar, Sali, Nagham und Alma Alhouri Foto: red

Seit mehr als zweieinhalb Jahren lebt Familie Alhouri nun in Deutschland. Doch der Anfang in ihrer neuen Heimat Sindelfingen war nicht immer einfach. Unterstützung fand die Familie vor allem in ihren Paten. Sie griffen den Alhouris bei sämtlichen alltäglichen Herausforderungen unter die Arme.

Artikel vom 21. September 2018 - 16:06

SINDELFINGEN (red). Aus einer anfänglichen Patenschaft, bei der zwei komplett verschiedene Kulturen aufeinanderprallten, wurde inzwischen eine Freundschaft.

Familie Alhouri, die aus Vater Omar, Mutter Bayan sowie den Töchtern Nagham, Alma und Sali besteht, kommt ursprünglich aus Damaskus. Von Damaskus aus führte ihre Flucht über den Libanon, die Türkei, Italien und Österreich letztlich nach Deutschland. Im Libanon verbrachten die Alhouris zwei Jahre, in der Türkei ein ganzes Jahr. Die gesamte Familie der Mutter lebt noch in Syrien, die des Vaters wohnt dagegen teilweise in Deutschland. Bevor die Alhouris nach Sindelfingen kamen, war ihre erste Station Ellwangen und anschließend Herrenberg. Wenn man die Familie kennenlernt, lässt sich nur erahnen, welche Strapazen und schlimmen Erfahrungen hinter ihr liegt.

Heute fühlen sich die Alhouris in Sindelfingen wohl. Ausschlaggebend dafür ist insbesondere die Patenschaft mit Marlit Veiel-Fritzenschaft und Rainer Dittrich-Ebenhöch. Das erste Kennenlernen mit ihren Paten fand damals im Café International im CVJM-Haus in Sindelfingen statt. Mit dieser Begegnung begann eine intensive Zeit für alle Beteiligten. Bei der dringenden Suche nach einer passenden Wohnung entpuppte sich Marlit Veiel-Fritzenschaft als tatkräftige Unterstützung der Familie. Trotz Schwierigkeiten wurde eine über die Martinskirchengemeinde angemietete Vier-Zimmer-Wohnung das neue Zuhause der Alhouris. Diese Schwierigkeiten konnten nur durch die Unterstützung der Paten bewältigt werden. "Der Mietvertrag hatte zehn Seiten. Ich habe nichts verstanden, aber ich habe Marlit einfach mal vertraut", erzählt Omar. Die Möbel erhielten sie teilweise über die Caritas.

Vater Omar Alhouri möchte in seinem erlernten Beruf arbeiten

Vor allem die deutsche Sprache bereitete Omar und seiner Frau anfangs große Probleme. Doch inzwischen machen alle große Fortschritte. Omar absolvierte einige Deutsche-Kurse und Bayan nimmt seit mehreren Monaten ebenfalls an einem Deutsch-Kurs teil. Auch die beiden älteren Töchter beherrschen die deutsche Sprache sehr gut. Anfangs besuchten sie die VKL-Klasse an der Grundschule Sommerhofen. Doch es dauerte nicht sehr lange, bis sie am Regelunterricht teilnehmen konnten. Die älteste Tochter Nagham wird nach den Sommerferien die Realschule am Klostergarten besuchen. Omar, der in Syrien 17 Jahre lang den Beruf des Heizungs- und Klimaanlagentechnikers ausübte, möchte in Kürze auch in Deutschland in seinem Beruf arbeiten.

Marlit Veiel-Fritzenschaft unterstützte als Patin die Familie im Alltag bei allen möglichen Aufgaben und Problemen. Als die jüngste Tochter der Alhouris im Böblinger Krankenhaus auf die Welt kam, begleitete Marlit Veiel-Fritzenschaft Bayan im Vorfeld der Geburt regelmäßig nach Calw zu einer arabisch sprechenden Gynäkologin und engagierte später für sie eine Hebamme. Rainer Dittrich-Ebenhöch war vor allem bei technischen Fragen eine große Hilfe - beispielsweise bei Problemen rund um das Thema Internet. Ohne Paten wäre die Familie am Anfang auf sich allein gestellt und somit ziemlich hilflos gewesen.

Als Pate kann man einer neu angekommenen Familie bei vielen Aufgaben wie Arztbesuchen, Ämtergängen, Verträgen helfen. Beispielsweise mussten die drei Töchter der Alhouris zu Beginn zahlreiche Zahnarzttermine wahrnehmen, da ihre Zähne in einem sehr schlechten Zustand waren. Mit der Zeit reduzieren sich jedoch die Aufgaben. Inzwischen besucht Marlit Veiel-Fritzenschaft noch einmal pro Woche die

"Die Integration ist in vollem Gang, ohne die eigene Kultur zu vergessen"

Alhouris. Öfter treffen sie sich auch im Café International, der Ort, an dem die gemeinsame Geschichte begann. "Die Integration der Familie Alhouri ist in vollem Gange, ohne dabei die eigene Kultur zu vergessen", heißt es in einer Pressemitteilung des AK Asyl Sindelfingen. "Inzwischen sind die Paten und die Alhouris zu Freunden geworden. Man hilft sich, man vertraut sich und lädt sich gegenseitig zu Festen und Feiern ein. Als Pate profitiert man auch davon, in andere Kulturen einzutauchen."

Eine Patenschaft bedeute im Umkehrschluss aber nicht, sich rund um die Uhr neuen Problemen und Herausforderungen zu stellen. Oft geht es auch nur um die kleinen Dinge des Alltags. Die Angst, alles alleine bewältigen zu müssen, sei unbegründet. Die Betreuung einer Familie oder einer Einzelperson kann beispielsweise mit anderen Paten geteilt werden. Auch der AK Asyl Sindelfingen steht bei Fragen und Problemen den Paten zur Seite.

 

  Wer Interesse an einer Patenschaft hat oder Geflüchtete kurz- oder langfristig bei alltäglichen Aufgaben unterstützen möchte, kann sich unter info@ak-asyl-sindelfingen.de melden oder sich auf http://www.ak-asyl-sindelfingen.de informieren.
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