Sindelfingen rockt: Stadt bekennt sich zu Erhalt der Konzertreihe

Umfrage: Mehr als 90 Prozent äußern Unverständnis wegen Anwohnerbeschwerden und fordern Erhalt von "Sindelfingen rockt"

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    Festivalstimmung auf dem Marktplatz: Tausende Besucher feiern gemeinsam bei "Sindelfingen rockt" Fotos: Dannecker

Sollte man Verständnis mit Anwohnern haben, die sich im Zusammenhang mit der Konzertreihe "Sindelfingen rockt" auf dem Marktplatz über Lärm beschweren? "Nein, sollte man nicht", sagt eine große Mehrheit in einer Umfrage auf Facebook. Auch die Stadt will alles für die Fortführung des Gratis-Konzertangebots Angebots tun.

Artikel vom 06. September 2018 - 17:30

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. Insgesamt 1246 Menschen haben an der Umfrage auf der Facebook-Seite der Kreiszeitung teilgenommen. Am Ende waren es nur neun Prozent, die angaben, Verständnis für die Lärmbeschwerden der Anwohner zu haben. Die übrigen 91 Prozent stellten sich deutlich gegen die Anwohnerbeschwerden und für den Erhalt von "Sindelfingen rockt" in seiner bisherigen Form.

Damit fällt das Meinungsbild noch deutlicher aus, als bei der gleichlautenden Umfrage über den neuen Whatsapp-Newsletter der Kreiszeitung. Hier äußerten von insgesamt 180 Teilnehmern 30 Abonnenten (16,7 Prozent) Verständnis für die Anwohner, die übrigen 150 Stimmen (83,3 Prozent) antworteten mit Nein.

Viele Facebook-Nutzer machten Gebrauch von der Kommentarfunktion. Alle Meinungsäußerungen gehen hier in eine Richtung. "Es ist lächerlich, dass Anwohner das Leben in der Innenstadt in der Form dominieren können", meint zum Beispiel ein Kommentator, der sich mit dem Profilnamen "Anner Ironie Werner" bei Facebook angemeldet hat. "Aber diese Nummer wird seit Jahren abgezogen, ich kann mich noch sehr gut an den Widerstand der Anwohner in den 80ern gegen Theaterveranstaltungen im Serenadenhof erinnern", schreibt der Nutzer.

"Gleich mal vorneweg: Ich bin 71 Jahre alt und wohne auf dem ruhigen Land", meldet sich Günther Rieple zu Wort. Er ist voll des Lobes für "Sindelfingen rockt" und bedauert sogar, dass der Spaß immer bereits um 22 Uhr zu Ende ist. "Lärm macht krank" sei in diesem Fall kein Argument, findet er, es handle sich hier ja nicht um Dauerlärm. "He, ihr Nörgler, geht raus auf die Straße und feiert mit!", wendet er sich direkt an die klagenden Anwohner.

Facebook-Nutzerin Tine Bruhn ist nach eigenen Angaben selbst Anwohnerin. "Nein, dafür habe ich absolut gar kein Verständnis!", schreibt sie. "Mit solchen Veranstaltungen muss man doch rechnen, wenn man mitten im Zentrum wohnt!", meint sie und verweist ebenfalls darauf, dass ja bereits ab 22 Uhr Nachtruhe gilt.

"Wer in die Innenstadt zieht muss mit ,Lärm' umgehen können, ansonsten sollte man sich eine Wohnung im reinen Wohngebiet suchen", schreibt Bianca Mayer. Der Sindelfinger Marktplatz sei über 90 Prozent des Jahres ausgestorben, "da sollte man froh sein, wenn es einen Veranstalter gibt, der den Mumm hat, so was an fünf Tagen im August (für die Besucher KOSTENLOS) auf die Beine zu stellen!", kommentiert sie.

Zuspruch aus (vermeintlich) unerwarteter Richtung bekommt die Konzertreihe von Rolf Wild, der sich telefonisch zum Thema bei der Kreiszeitung gemeldet hat. "Ironisch" findet Wild es nicht, dass er sich als Aktivist der Bürgerinitiative "Leise A 81" für den Erhalt von "Sindelfingen rockt" einsetzt. "Das eine ist Autobahnlärm, das andere Musik - und die hat mit Lärm nichts zu tun", betont er. Er fordert die Stadt auf, klare Kante zu zeigen und zur Not vor Gericht dafür zu sorgen, dass dieses Angebot für die Bürger erhalten bleibt. "Es wäre jammerschade, wenn das wegen sechs Leuten nicht mehr stattfinden würde", findet der Sindelfinger.

Harry Schubert schlägt in einem wohl eher sarkastisch gemeinten Kommentar vor, die Veranstaltung doch zum Breuninger oder Hofmeister zu verlegen. "Aber dann werden wohl wieder die gleichen jammern, dass die Innenstadt stirbt", vermutet er. Es gebe eben Menschen, denen könne man es nie recht machen - "also warum es erst versuchen, wenn es nichts bringt?", fragt er.

"Gehen diese Anwohner nie auf ein Fest? Oder sind ihnen beim eigenen Feiern die Anwohner egal?", fragt Maren Seher. Auch sie verweist auf den mit 22 Uhr vergleichsweise früh gesetzten Schluss. "Ich verstehe die Stadt Sindelfingen nicht, dass sie überhaupt erwägt, das Ganze zu kippen. Es wird hier keinerlei Gesetz gebrochen", schreibt sie und endet mit der spöttischen Bemerkung, dass man irgendwann noch in Filzpuschen durch die Stadt schleichen müsse.

Noch böser ist ein Kommentar, den wir hier lieber nicht wörtlich zitieren wollen. Nur so viel: Der Schreiber legt den lärmgeplagten Anwohnern als einzig wirklich ruhigen Wohnort einen Friedhof nahe.

Von solchen Attacken ist Johannes Leichtle weit entfernt. Der Leonberger Veranstalter von "Sindelfingen rockt" ärgere sich zwar, dass die Lärm-Thematik seiner Ansicht nach nur wegen der Beschwerden einer Handvoll Anwohner so aufgebauscht worden sei. Grundsätzlich schlägt er aber lieber versöhnliche Töne an: "Die Zusammenarbeit mit der Stadt und allen zuständigen Stellen ist super", betont Leichtle und äußert Verständnis dafür, "dass die versuchen, alle Seiten mit ins Boot zu nehmen".

Seit am vergangenen Mittwoch die letzte Veranstaltung im Rahmen der Konzertreihe über die Bühne ging, habe er noch kein Gespräch mit der Stadt führen können. "Wir werden das Thema aber demnächst gemeinsam auf den Tisch bringen", kündigt er an. Für ihn sei einfach wichtig, möglichst bald Klarheit zu haben. "Ich muss spätestens im November anfangen, zu planen", betont er und hofft, dass die Verwaltung auch rechtzeitig zu einer Entscheidung kommt.

Am nötigen Zuspruch von Seiten der Rathausspitze mangelt es jedenfalls nicht: Am dritten Abend der Konzertreihe war Oberbürgermeister Bernd Vöhringer über den Marktplatz gelaufen. Der Stadtchef zeigte sich sehr zufrieden mit der Veranstaltung und den zahlreichen positiven Rückmeldungen der Besucher. Auch mit Leichtle habe Vöhringer sich an dem Abend länger unterhalten und ihm dabei die Unterstützung der Stadt signalisiert.

Auf KRZ-Nachfrage bekräftigt Sindelfingens Pressesprecherin Nadine Izquierdo, dass man im Sinne der Innenstadtbelebung an "Sindelfingen rockt" festhalten wolle. Allerdings sei man bei der Genehmigung von Veranstaltungen auch an gesetzliche Vorgaben gebunden. Mit Veranstalter Johannes Leichtle habe man bisher gut zusammengearbeitet. "Es gab bei der einen oder anderen Veranstaltung Probleme, diese Punkte werden wir im Nachgang klären", so Izquierdo. Die Stadt sei gerne bereit, Rücksicht auf Anwohner zu nehmen. Man erwarte umgekehrt aber auch, "dass diese akzeptieren, dass wir den rechtlichen Rahmen ausschöpfen", betont die Sprecherin.

Ob es künftig eine "innovative Beschallungstechnik" braucht, wie Izquierdo zuletzt vorgeschlagen hat, kann Leichtle noch nicht beantworten. Das Team seiner Veranstaltungsagentur "Bankett Plus" verwende auf dem Marktplatz bereits entsprechende Technik, die den Lärm möglichst in eine Richtung lenkt. Weitergehende Maßnahmen seien dann eben eine Kostenfrage.

Absage an alternative Standorte

Von verschiedenen Seiten werden bereits alternative Veranstaltungsorte ins Spiel gebracht - darunter der Sommerhofenpark und das Floschenstadion. Johannes Leichtle sperrt sich nach eigener Aussage nicht gegen einen Ortswechsel, will sich mit diesem Thema vor einer Aussprache mit der Stadtverwaltung aber noch nicht beschäftigen. Das Rathaus positioniert sich hier schon deutlicher: Ziel von "Sindelfingen rockt" sei es, die Innenstadt zu beleben und noch attraktiver zu machen, betont Nadine Izquierdo. "Wir werden daher alles daran setzen, auch im kommenden Jahr auf dem Sindelfinger Marktplatz ,Sifi rockt' umzusetzen", so die Pressesprecherin.

Das wird Johannes Leichtle sicher gerne hören. "Nächstes Jahr hätten wir unser Fünfjähriges. Das wäre schon gut, schließlich hat sich hier alles so gut eingespielt", hofft er auf eine baldige Einigung.

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