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Sindelfingen rockt: Fans forden Fortsetzung

Umfrage: Haben Besucher von "Sindelfingen rockt" Verständnis für Lärmbeschwerden der Anwohner rund um den Marktplatz?

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    Mach uns den Freddie: Mercury-Imitator Beppe Maggioni hat die Menge auf dem Marktplatz vom ersten Ton an im Griff Foto: Thoms Bischof

Zum vierten Mal in Folge haben Coverbands an fünf aufeinanderfolgenden Mittwochabenden bei "Sindelfingen rockt" den Marktplatz in eine Open-Air-Arena verwandelt - zur großen Freude tausender Besucher. Mittlerweile mehren sich aber die Beschwerden von Anwohnern. Das Gratis-Konzertangebot steht auf der Kippe.

Artikel vom 31. August 2018

SINDELFINGEN. "Show must go on", singt Beppe Maggioni, der mit seiner Queen-Coverband The Vipers den letzten Abend der Konzertreihe "Sindelfingen rockt" bestreitet. "SHOW MUST GO ON!" schallt es vom Marktplatz als tausendfaches Echo zurück. Für die begeisterten Besucher ist klar: Dieses Angebot muss weiter bestehen.

Dieses Stimmungsbild spiegelt sich auch in einer Umfrage der Kreiszeitung am Konzertabend auf dem Marktplatz wider: "Nein, für die Lärmbeschwerden der Anwohner habe ich kein Verständnis", sagt zum Beispiel Ursula Strätz aus Böblingen. "Man kann auch mal ein bisschen tolerant sein", findet die 55-Jährige. So sieht das auch Marlis Schneider aus Magstadt. Wer in der Innenstadt lebt, müsse so etwas in Kauf nehmen - zumal die Konzertreihe eine wirkliche Bereicherung für Sindelfingen sei. "Außerdem ist es doch nur eine kurze Phase", sagt die 70-Jährige. Ebenfalls bereits 70 Jahre alt ist Margit Teschke. "Ja, ich habe Verständnis für die Anwohner", meint die Maichingerin. Sie findet aber auch, dass die Konzertreihe für den überschaubaren Zeitraum eines Monats keine allzu große Zumutung sei.

Dem widerspricht Gisela Dobler. Die 74-Jährige wohnt in der Ziegelstraße, rund 300 Meter Luftlinie vom Marktplatz entfernt. "Wenn das nur fünfmal im Jahr wäre, dann würde ich ja gar nichts sagen", meint sie. Aber dabei bleibe es ja nicht: Auf dem Marktplatz sei doch immer "Remmidemmi" verweist sie auf Schlemmermarkt, Internationales Straßenfest und andere Veranstaltungen. Vom Straßenfest sei sie besonders genervt: "Da komme ich vier Tage lang nicht mit meinem Auto aus der Tiefgarage." Dieses Problem hat sie hier zwar nicht, aber dafür sei ihr die Musik definitiv zu laut. Am schlimmsten sei es bei dem AC/DC-Cover-Konzert in der Vorwoche gewesen. "Warum kann man das denn nicht zum Beispiel im Sommerhofenpark machen?", fragt sie. Stellt sich nur die Frage, warum sie diesen Abend dennoch auf dem Marktplatz verbringt? "Wenn ich bei dem Lärm zu Hause bleibe, bekomme ich einen Vogel", erklärt sie.

Der Laufsport-Veranstalter und Fachhändler Axel Stahl kann über die Anwohnerbeschwerden nur den Kopf schütteln. "Nein, ich habe dafür kein Verständnis", sagt der Sindelfinger. Wer keinen Lärm wolle, der dürfe eben nicht in die Innenstadt ziehen, findet er. Es könne doch nicht sein, dass die Beschwerden von ein paar wenigen Anwohnern eine Veranstaltung verhindern, bei der Woche für Woche 5000 Leute ihren Spaß haben. "Und außerdem: Das ist Rockmusik - die muss laut sein", sagt 54-Jährige.

"Fünftausend Leute gegen wie viele?", fragt Ken Hudson aus Sindelfingen und wackelt zur Verdeutlichung des Zahlenverhältnisses mit den Fingern einer Hand. Der gebürtige Amerikaner ist regelmäßig bei "Sindelfingen rockt". Er schätzt das Angebot und die tolle Atomsphäre. Ein anderer Amerikaner, der neben ihm steht, ist beeindruckt, wie friedlich hier alles abläuft und dass jeder aus Gläsern oder Flaschen trinkt. "Bei uns zu Hause in Texas würden alle ,Bier-Muskeln' bekommen", spielt er auf alkoholbedingte Schlägereien an.

Darüber, ob man Verständnis für die Anwohner haben sollte, ist sich das Sindelfinger Ehepaar Eva (62) und Jörg Bauer (69) etwas uneinig. Während die Ehefrau den Unmut durchaus nachvollziehen kann, winkt ihr Mann nur ab. "Genau das braucht der Marktplatz", findet er, dass der einst schöne Stadtmittelpunkt heute viel zu industrialisiert wirke. Die Konzertreihe sorge da für dringend notwendige Belebung.

Mike Siegel kann über die Lärmdebatte nur lächeln. Der Magstadter kommt gerade zurück von seinen Zweitwohnsitz in München. "Dort ist überall was los in der Stadt", erzählt er. Warum man sich wegen fünf Live-Konzertabenden so aufregen muss, kann er nicht nachvollziehen. "Zumal die Veranstaltung doch immer schon um 22 Uhr zu Ende ist", betont er. "Die Musik ist zu leise", findet der 49-Jährige, dass der Veranstalter sogar ruhig noch etwas aufdrehen könnte.

Damit spricht er Johannes Leichtle wohl aus der Seele. Der Leonberger Veranstalter, der seine Gratis-Coverrock-Konzerte auch in Kornwestheim und Eislingen an der Fils auf die Bühne bringt, ist mittlerweile nur noch genervt vom Streit über vermeintlich zu hohe Dezibelwerte. "Es kann einfach nicht sein, dass einige wenige das Ganze beherrschen", ärgert er sich, dass während der Konzerte permanent das Ordnungsamt mit Lärmmessgeräten neben der Bühne stehe und bei jedem Song darauf achte, dass der Dezibelhöchstwert nicht überschritten wird. "Natürlich wollen wir es nicht übertreiben, Richtwerte müssen eingehalten werden", betont er. Der rechtliche Richtwert für diese Art von Veranstaltung liege bei 90 Dezibel. Ginge es nach einigen Anwohnern, wären 75 gerade noch erträglich - das entspricht in etwa dem Lärm in einem Großraumbüro. "Dann kann man es aber auch gleich lassen", findet Leichtle, der mittlerweile darüber nachdenkt, bei "Sindelfingen rockt" ganz den Stecker zu ziehen. "Die Stadt muss endlich Klarheit schaffen", fordert er die Verwaltung auf, zur Not vor Gericht eine Einigung mit den Anwohnern zu erzielen. Das sollte wohl möglichst bald passieren: "Im Oktober müssen wir eine Entscheidung haben, dann fangen die Planungen für 2019 an."

Die Stadt Sindelfingen gibt auf Nachfrage an, dass man die Lärmwerte am Mittwoch regelmäßig überprüft habe. "Kurz vor Veranstaltungsende wurden die Werte seitens des Veranstalters eigenmächtig überschritten", teilt die Stadt mit. Zugunsten eines friedlichen Veranstaltungsabschlusses sei das Ordnungsamt aber nicht eingeschritten.

Beschwerden gab es laut Rathaus keine. Die Frage, ob es mit "Sindelfingen rockt" nächstes Jahr weitergeht, beantwortet Pressesprecherin Nadine Izquierdo diplomatisch: Das Format habe sich zu einer beliebten Veranstaltung etabliert und trage in hohem Maße zur Belebung und Attraktivität der Innenstadt bei. Als Stadt sei man aber auch verpflichtet, rechtliche Vorgaben zu wahren und teilweise unterschiedliche Interessenlagen der Bürgerschaft ernst zu nehmen. "Im Dialog mit allen Beteiligten möchten wir eine Lösung finden, wie wir den unterschiedlichen Interessen Rechnung tragen können", formuliert Izquierdo und verweist zum Beispiel auf "innovative technische Beschallungstechnik", mit denen Veranstalter in anderen Städten "ein optimales Konzerterlebnis für die Besucher und zugleich den Schallschutz für die Anwohner" gewährleisten könnten.

Im Böblinger Rathaus schaut man indes interessiert, aber ohne Neid in die Nachbarstadt. Zwar habe Leichtle seinerzeit auch in Böblingen angefragt, am Ende habe der sich jedoch für Sindelfingen als Veranstaltungsort entschieden. Mit 60 bis 80 Veranstaltungen beim "Sommer am See" habe man laut Pressesprecher Fabian Strauch aber bereits sehr erfolgreiche Formate, die bei der Bevölkerung gut ankommen. Zudem gebe es immer wieder Überlegungen für Sommerveranstaltungen auf dem Marktplatz. "An einer Kopie von ,Sindelfingen rockt' oder ähnlichen Coverband-Formaten wird bei uns aber nicht gearbeitet", versichert Strauch.

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