"Deifrenger send halt Schnegga"

750 Jahre Deufringen: Wie sind eigentlich die Deufringer zu ihrem Ortnecknamen gekommen?

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    Die beiden kunstvoll gestalteten Schneckenköniginnen zieren derzeit die Blumenwiese vor Deufringen Foto: Ruchay-Chiodi

Deufringen feiert Ortsjubiläum und ein Autorenteam sorgte für die ansprechende und informative Festschrift. Der Ortschronist Andreas Wolf ging etwa der Frage nach, wie die Deufringer zu ihrem Ortsnecknamen gekommen sind.

Artikel vom 18. August 2018 - 16:00

DEUFRINGEN (red). Durch das jüngst entstandene "Schnegga-Feschd" wurde in der Deufringer Bevölkerung der Ortsneckname wieder mehr ins Bewusstsein gehoben. Eher stolz als beschämt sagen die Einheimischen: "Mir send halt Deifrenger Schnegga" und deuten lächelnd auf die fast zwei Meter lange Schneckenplastik am Rande des Schlosshoffestes hinüber.

Doch in früheren Zeiten war dem gar nicht so. Hier wurde vor allem durch die Bürger der umliegenden Nachbarorte Dachtel, Gechingen und Aidlingen gespottet, gewitzelt und geschimpft, wann immer sich Gelegenheiten dazu boten. Stellt man sich eine Weinbergschnecke einmal vor, dann denkt man an ein langsam und träg dahin kriechendes Tier. Mit seinen seltsam wirkenden Augenstielpaar und dem Häuschen auf dem Rücken, hinterlässt es auf dem Weg eine lange Schleimspur. So mancher Nicht-Deufringer hat schon behauptet, man könne durchaus Parallelen vom Charakter eines Deufringers zu dem wundersamen Tier feststellen. Die älteren Dachteler erzählen sich noch heute, wie einst beim Dachteler Großbrand 1967 die Deufringer Feuerwehr wegen Bauarbeiten vor ihrem Spritzenhaus nicht mit ihrem Feuerwehrauto herausfahren konnte und deshalb zu Fuß gen Dachtel mit ihren Gerätschaften zum Löschen laufen musste. Dadurch kamen sie natürlich wesentlich später als die umliegenden Wehren am Brandherd an. Eine Begebenheit, die noch lange Nahrung des Spotts für die langsamen Schnecken bot.

Arbeitsstil oder Wendeltreppe

Die Deufringer sind mit ihrem Necknamen jedoch nicht alleine. Etliche Orte im weiten Umkreis werden als "Schnecken" bezeichnet. Wie die Deufringer zu ihrem Necknamen gekommen sind, ist jedoch nicht genau bekannt. Der Autor Dr. Wolfgang Wulz des bekannten Buches "Schwäbische Ortsnecknamen rund um Böblingen, Sindelfingen und Leonberg" tastet sich hier mit seinem Aufsatz über die Deufringer Schnecken an den Ursprung heran und vermutet die Fluren des "Wengertweg" und den dort befindlichen Weinbergschnecken als namensgebend.

Eine Theorie zur Entstehung des Deufringer Ortsnecknamens "der Schnecken" wurde von ihm jedoch nicht bedacht. Das Deufringer Schloss aus dem Jahr 1592 mit seinem mächtigen vorgeschobenen und prägnanten runden Turm zählt zum Wahrzeichen von Deufringen. Es ist weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt. Im Inneren des Turmes befindet sich eine Wendeltreppe, die in der schwäbischen Mundart auch als "Schnegg" bezeichnet wird. Schließlich sieht so eine Wendeltreppe ähnlich dem Inneren eines Schneckenhauses aus. Da sich in den umliegenden Nachbardörfern kein vergleichsweise anderes Gebäude mit solch einem Treppenturm, sprich mit einem "Schnegg", befindet, ist es durchaus denkbar, dass dieses charakteristische und einzigartige Gebäudeteil schnell zum spöttischen Synonym der Außenstehenden für die einheimische Bevölkerung wurde. Damit wäre als Namensgeber für den Necknamen nicht das wirbellose Tierchen, sondern das imposante historische Gebäude verantwortlich.

Während einst die Orte um Deufringen württembergisch waren, hatte Deufringen mit seiner Ortsherrschaft, den Freiherren von Gültlingen, eine gesonderte Stellung eingenommen. Die Deufringer Einwohner mussten für den Deufringer Ortsherren extra Fron- und Arbeitsdienste leisten. Diese unliebsamen Arbeiten wurden sicherlich langsamer und unmotivierter ausgeführt. Dieser Umstand wiederum war für die betriebsamen Nachbarn ein gefundenes Fressen. Sie ließen es die Deufringer mit der "Schnecken"-Betitelung für ihre Langsamkeit durchaus auch spüren.

Heute jedoch sind die Deufringer stolz auf ihr schönes Schloss und ihre besondere Ortsgeschichte und feiern gerne in dem geschichtsträchtigen Gebäude ihre Feste. Seit kurzem können sogar Trauungen in dem ehrwürdigen Gemäuer abgehalten werden.

Den "Schnecken" sei dank, denn so mancher Mitbürger der näheren Umgebung ist heute froh über eine Feiermöglichkeit in edlem und historischem Ambiente. Wer also das nächste Mal die Schloss-Wendeltreppe empor steigt, darf darüber sinnieren, warum die Deufringer heute noch als "Schnecken" bezeichnet werden.

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