Altenpflege: Sozialstationen brauchen Nachwuchs

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    Bahar Ofluoglu, Birgit Häberle und Manuela Pley (von links) haben über Umwege zur Alten- beziehungsweise Familienpflege gefunden Foto: Bischof

40 Menschen machen bei den Diakonie- und Sozialstationen im Kreis eine Ausbildung in der Alten- oder Familienpflege. Viele der Azubis sind Quereinsteiger. Rolf Schneider und Annegret Spengler, die Ansprechpartner des Netzwerks "PflegePlus", wollen noch mehr Menschen Lust auf diesen Beruf machen.

Artikel vom 12. Juni 2018 - 12:36

Von Werner Held

SINDELFINGEN/KREIS BÖBLINGEN. Manuela Pley ist über die Nachbarschaftshilfe zur Sozialstation Böblinger Kirchengemeinden gGmbH gekommen. Bald schon legten die Vorgesetzten der alleinerziehenden Mutter von zwei Söhnen ans Herz, sich in Richtung Familienpflege weiterzuqualifizieren. 2016 machte sie ihren Abschluss. Die 42-Jährige springt immer dann ein, wenn eine Familie durch Krankheit, Entbindung, Überlastung oder bei psychosozialen Problemen aus dem Tritt zu geraten droht. Sie betreut und versorgt die Kinder, führt den Haushalt und hält das Alltagsleben aufrecht. Die meisten Einsätze hat sie in Böblingen. Da aber nicht alle 16 Diakonie- und Sozialstationen, die im Netzwerk "PflegePlus" zusammengeschlossen sind, Familienpflege anbieten, ist sie auch mal in Weissach im Einsatz. "Wir fangen Familien in Zeiten auf, in denen Netzwerke in der Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis immer mehr wegbrechen", beschreibt Manuela Pley ihre Aufgabe. Da jede Familie anders tickt, müsse die Familienpflegerin "sehr feine Antennen haben, um Stimmungen wahrnehmen zu können".

Birgit Häberle steht kurz vor dem Examen als Altenpflegerin. Die 50-Jährige hat Hotelfachfrau gelernt, ehe sie fünf Kinder groß gezogen hat. Je mehr Kinder flügge wurden, desto mehr andere Beschäftigungen suchte sie sich: in der Kirche, im Verein, in der Kommunalpolitik. 2013 begann sie in der Seniorenbetreuung als geringfügig Beschäftigte. Die Aufgabe machte ihr Spaß. Als ihre jüngste Tochter aufs Abi zuging, entschloss sie sich, eine Ausbildung als Altenpflegerin zu machen. In der Berufsschule sitzt sie mit Teens in einer Klasse. Doch die meisten ihrer Klassenkamerad(inn)en seien zwischen 25 und 35 Jahre alt, erzählt sie. Den praktischen Teil ihrer Ausbildung absolviert Birgit Häberle im Pflegeteam Maichingen/Darmsheim der Ökumenischen Sozialstation Sindelfingen gGmbH. "Vor zehn Jahren", erzählt die angehenden Altenpflegerin, "hätte ich es noch weit von mir gewiesen, dass ich mal in der Pflege arbeiten würde. Doch dann habe ich im Lauf der Zeit meine eigenen Fähigkeiten und die Möglichkeiten, die in diesem Beruf stecken, entdeckt." Als Altenpflegerin sei sie nicht nur als Arbeitskraft gefragt, sondern "ich kann als Mensch wirken".

"Arbeit mit älteren Menschen tut mir richtig gut"

Manuela Pley und Birgit Häberle sind in den Augen von Rolf Schneider, dem Geschäftsführer der Ökumenischen Sozialstation Sindelfingen und Ansprechpartner für "PflegePlus", "richtig schöne Beispiele" dafür, wie Menschen in einen Beruf hineinschnuppern, immer mehr in die Tiefe gehen und dessen Vielfalt entdecken und schließlich eine einschlägige Ausbildung beginnen.

Deutlich jünger als ihre Kolleginnen ist Bahar Ofluoglu. Doch auch die 27-Jährige hat schon eine Ausbildung hinter sich - als Hotelfachfrau. Da sie sie in der Türkei absolviert hat, wird sie hierzulande nicht anerkannt. "Ich musste mir was Neues suchen", sagt sie. Der Job in der Tankstelle, den sie hatte, sollte das nicht auf Dauer sein. Aber er brachte sie in Kontakt mit dem Fahrer einer Sozialstation. "Er hat mich dazu ermuntert, dass ich mich für eine Altenpflege-Ausbildung beworben habe", berichtet sie. Und sie hat schnell gemerkt: "Die Arbeit mit älteren Menschen macht nicht nur Spaß, sie tut mir richtig gut."

Birgit Häberle hat bereits verschiedene Facetten der Altenbetreuung ausprobiert. Sie hat die Erkenntnis gewonnen, dass sie nicht in einem Heim arbeiten möchte: "Mein Ding ist die ambulante Pflege", sagt sie. Und dieser Zweig braucht immer mehr Arbeitskräfte. "Immer mehr Menschen leben bis ins hohe Alter zu Hause, bedürfen aber der Unterstützung durch ambulante Dienste", skizziert Annegret Spengler, die Geschäftsführerin der Sozialstation Böblinger Kirchengemeinden, die Entwicklung. "Wir sind immer auf der Suche nach Leuten."

In den 16 Diakonie- und Sozialstationen, die dem Netzwerk "PflegePlus" angeschlossen sind, arbeiten laut Rolf Schneider etwa 1300 Menschen in Beschäftigungsverhältnissen unterschiedlichen Umfangs. Die 1300 Köpfe entsprechen 530 Vollzeitstellen. Schneider hebt nicht nur die Vielfalt der Aufgaben hervor. Die Möglichkeit, den Beschäftigungsumfang der eigenen Familiensituation anpassen zu können, mache eine Tätigkeit bei den Sozialstationen, die Pflege, Betreuung, Nachbarschaftshilfe, Essen auf Rädern und andere Dienste anbieten, zusätzlich attraktiv. 40 Ausbildungsstellen bieten die Netzwerk-Mitglieder. "Wir würden auch mehr Auszubildende einstellen", lässt Schneider anklingen, dass nicht der Stellenplan der Sozialstationen der limitierende Faktor ist.

    Vom Strohgäu bis ins Obere Gäu: das Netzwerk "PflegePlus"
  Das Netzwerk "PflegePlus" ist unter der zentralen Hotline (01 80) 5 24 63 78 zu erreichen. Ihm gehören folgende Diakonie- und Sozialstationen an:
 
    Sozialstation Weissach
    Sozialstation Rutesheim
    Sozialstation Leonberg
    Sozialstation Gerlingen
    Sozialstation Renningen
    Sozialstation Weil der Stadt gem. GmbH
    Ökumenische Sozialstation Sindelfingen gGmbH
    Sozialstation Grafenau gGmbH
    Diakoniestation Aidlingen
    Diakoniestation Dagersheim gGmbH
    Sozialstation Böblinger Kirchengemeinden gGmbH
    Diakonie- und Sozialstation Schönbuch (in Schönaich)
    Diakonie- und Sozialstation Schönbuchlichtung (in Holzgerlingen)
    Diakoniestation Gärtringen
    Diakoniestation Herrenberg
    Zweckverband Sozial-Diakoniestation Oberes Gäu (in Jettingen)

 

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