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Bilder-Ausstellung: Wie die Heimat vor 75 Jahren aussah

Ab Donnerstag werden Werke von Alfred Kleinknecht (1911-1944) im Alten Rathaus in Maichingen gezeigt

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    Liebevoller Blick zurück: Das Alte Rathaus in Maichingen, gesehen aus der Brühlstraße: Das Aquarell von 1943 hat die Maße 34 mal 27 Zentimeter Foto: Iris Weirich
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    Ein Ausschnitt des Bildes von der Brühlstraße in Maichingen

Akkurat gemalte Bilder aus den 30er und 40er Jahren, die Maichingen, Sindelfingen, Magstadt und Döffingen zeigen - Alfred Kleinknecht hat in seinem kurzen Leben einen ortskulturellen Schatz hinterlassen. Seine Tochter Inge Kleinknecht-Dehmel bewahrt die Bilder auf und hat zum zweiten Mal eine Ausstellung in Maichingen initiiert.

Artikel vom 24. April 2017 - 11:00

MAICHINGEN (red). Bereits 1985 wurde das Alte Rathaus nach der Restaurierung mit einer Ausstellung von Alfred Kleinknecht eingeweiht. Jetzt findet dort wieder eine Präsentation seiner Bilder statt. Unter dem Titel "Heimat" werden Dorfansichten und Landschaftsbilder für dreieinhalb Wochen gezeigt: Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen, aus Maichingen, Magstadt, Döffingen, der Stadt Sindelfingen, dem Schwarzwald, die bis 1943 entstanden sind. Für die Älteren sind die schönen Bilder Erinnerungen. Den später Zugezogenen können sie eine Vorstellung vermitteln, wie die Gegend vor 70 oder 80 Jahren aussah, als das Dorf Maichingen noch 1200 Einwohner hatte.

Alfred Kleinknecht ist 1911 in Magstadt geboren, als viertes Kind des Mechanikers Gottlob Kleinknecht und seiner Frau Katharine, geborene Ruthardt, und dort ist er in die Volksschule gegangen. Malen und Zeichnen waren seine große Leidenschaft. Schon als Schulbub hatte er Zeichenunterricht beim Holzbildhauer Österle, dem Nachbarn in der Oswaldstraße in Magstadt. Als Lithographenlehrling besuchte er Abendkurse an der Kunstgewerbeschule Stuttgart und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. So durfte er bereits im zweiten Lehrjahr die Einladungskarte für das Stiftungsfest des Lithographen-Verbandes, Mitgliedschaft Stuttgart, gestalten.

Obwohl er ein "Einser-Lehrling" war, konnte ihn sein Lehrbetrieb, die Stuttgarter Druckerei und Verlagsanstalt Chr. Belser AG, nach der vierjährigen Lehrzeit nur kurz als Lithographen-Gehilfen weiterbeschäftigen. Auch die nächste Anstellung bei den Graphischen Kunstanstalten Adolf Müller in Göppingen war nur kurz. Dann war er wieder arbeitslos.

Als Magstadts Sportverein verboten wird, geht's nach Maichingen

Alfred Kleinknecht nutzte die Zeiten der Arbeitslosigkeit zwischen 1930 und 1933 zur künstlerischen Weiterbildung an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und vermutlich auch an der Kunstgewerbeschule Stuttgart. Im Winter besuchte er Kurse. Im Sommer 1931 wanderte er an die Nordsee, 1932 durch den Schwarzwald nach Bayern und über die Alpen bis nach Bozen. Unterwegs lebte er von Gelegenheitsarbeiten und vom Verkauf seiner Zeichnungen. Von der Schwarzwald-Wanderung sind Wanderbücher und Aquarelle erhalten; da haben ihm die Schwarzwaldbauern wohl nichts abgekauft.

Nach Maichingen war Alfred Kleinknecht 1933 als Fußballspieler gekommen. Als der Magstadter Arbeitersportverein verboten wurde, traten am 1. Mai 1933 vier Arbeitersportler aus Magstadt in den Turnverein Maichingen ein. Einer von ihnen war Alfred Kleinknecht. Er wurde als Linksaußen der Spielmacher. Im Turnverein Maichingen lernte er auch seine spätere Ehefrau Emma Wolff kennen, die in zweiter Ehe verheiratete Emma Römer.

1934 kam Kleinknecht zu Daimler-Benz ins Werk Sindelfingen, auf das Konstruktionsbüro. Als Technischer Zeichner war er mit dem Anfertigen von Offert-Zeichnungen betraut und mit der Darstellung von Entwürfen neuer Automobil-Modelle. Später, während der Kriegsjahre, mit perspektivischen Konstruktionszeichnungen von Flugzeugen. 1940 ist seine Berufsbezeichnung Konstrukteur. Er arbeitet in der Abteilung "Sonderkonstruktion", die sich an der Entwicklung der "Wunderwaffe V2" beteiligt, und ist "UK" gestellt, also unabkömmlich.

Auch als Berufstätiger besucht Alfred Kleinknecht weiterhin die Abendkurse in Stuttgart. 1939 wird er in die Reichskammer der Bildenden Künste aufgenommen. Die Mitgliedschaft war die Voraussetzung für den "Bezug von Malmaterialien". Und er beteiligt sich an einigen Ausstellungen. So in den Jahren 1940 und 1941 an der "Werk-Kunstausstellung" der Daimler-Benz AG in Sindelfingen. Hier ist sein Ölbild mit der Gesamtansicht von Döffingen gut platziert zu sehen.

Im Dezember 1943 wird Alfred Kleinknecht eingezogen, trotz UK-Stellung. Als Nicht-NSDAP-Mitglied habe man ihn "nicht halten können", berichtete 1985 ein Kollege. Der 32-jährige Rekrut erhält sechs Wochen Schnellausbildung in Ludwigsburg, dann geht es ab nach Frankreich. Am 13. August 1944 stirbt Alfred Kleinknecht in der Normandie, in St. Sauveur de Carrouges, Departement Orne, als französischer Kriegsgefangener auf einer Straßenkreuzung durch Maschinengewehrbeschuss aus Tieffliegern.

Alfred Kleinknecht hinterließ Landschaftsbilder, Dorfansichten, Blumenstillleben, Porträts, Aktzeichnungen und Grafiken. Er liebte den Schwarzwald, hatte später aber nicht mehr viel Zeit für Wanderungen. Dafür gibt es die Dorfansichten aus Döffingen. "Dort fängt der Schwarzwald an", soll Alfred Kleinknecht gesagt haben.

Besonders lieb war ihm das Tal zwischen Maichingen und dem Sindelfinger Eichholz, die Allmendäcker. Davon gibt es elf Bilder. Das liegt wohl auch daran, dass die Allmend nahe der Wohnung im Maichinger Südheim liegt. Wer heute vom Allmendstadion in Richtung Sindelfingen schaut, der kann sich kaum vorstellen, dass hier das "Stille Tal" gewesen sein soll, das einst Wilhelm Ganzhorn in seinem Lied "Im schönsten Wiesengrunde" besungen hat.

 

  Die Ausstellung von Alfred Kleinknecht im Alten Rathaus Maichingen (Eingang auf der Rückseite) ist geöffnet vom 28. April bis 21. Mai - donnerstags und freitags von 14 bis 18 Uhr, samstags, sonntags und am 1. Mai von 14 bis 17 Uhr. Die Eröffnung findet am Donnerstag, 27. April um 17 Uhr statt.
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