Vielgelobtes Debüt mit kleinen Schwächen

Buch-Tipp

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Artikel vom 19. Februar 2021 - 16:30

Von Roland Häcker

Erst am Ende wird klar, wer die "Unverhofften" sind: ein flüchtiger Sozialist, Dilliger, ein homosexueller Krämer, Gerhard Schatzschneider, und Maria, seine Frau, eine aus Eisenstein im Bayerischen Wald geflohene und in Böhmen gestrandete Brandstifterin, die eigentlich nach Amerika auswandern wollte. Zuvor hatte sie die Hufnagel'sche Glasfabrik abgefackelt, ihre Rache am Gutsherrn, der sie vergewaltigt hatte.

Der Roman beginnt 1900 mit Marias Untat und reicht bis ins Jahr 2019. Marias Tochter Erna flieht 1945 aus Böhmen Richtung Eisenstein. In der Heimat ihrer Mutter will sie den Krieg überleben. Auf der Flucht begegnet sie einem jüdischen KZ-Flüchtling, der sie schwängert. In Eisenstein ist sie nicht willkommen; man hat dort was gegen Flüchtlinge. Aber Erna schafft es, dem nunmehrigen Gutsherrn, Joseph Hufnagel, die Vaterschaft für ihren Sohn Georg anzuhängen. Joseph sorgt dafür, dass sie bleiben darf.

Georg Schatzschneider wird im Wirtschaftswunder-Deutschland zu einem skrupellosen und daher erfolgreichen Unternehmer. Als Jüngling hat er Josephs richtige Tochter Gerlinde geliebt, doch eine dauerhafte Verbindung scheitert an der (bekanntlich unbegründeten) Inzest-Angst Josephs. Erna hätte die Wahrheit über Georgs Herkunft offenbaren können, unterlässt es aber. Damit ist sie mitverantwortlich für das unglücklich verlaufende Leben Gerlindes und Georgs. Der Autor lässt in den 120 Jahren (zu) viele Personen auftreten, deren Leben er miteinander zu verknüpfen sucht. Auf manchen wirtschaftspolitischen Kommentar des sich allwissend gebenden Erzählers würde man gerne verzichten.

Nußbaumeder, ein erfolgreicher Stückeschreiber, hat ein ausuferndes Familienepos vorgelegt, das sich süffig liest. Stilistische und orthografische Schnitzer ("Brandwein" statt "Branntwein") beeinträchtigen die Qualität dieses allseits gelobten Debütromans.

Christoph Nußbaumeder: "Die Unverhofften". Verlag Suhrkamp, 2020.