Experte: "Home Office braucht eine klare Struktur"

Universitätsprofessor Ansgar Thiel beleuchtet im Interview die psychosozialen Folgen der Arbeit im Home-Office. Er rät zu einer klaren Struktur des Tages. Je nach Persönlichkeit komme man unterschiedlich mit der Herausforderung zurecht.

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    Worauf zu achten ist, damit die Arbeit im Home Office nicht krank macht, erklärt Sportwissenschaftler Ansgar Thiel im Interview. Foto: Mahdavi

Von Chiara Sterk

Artikel vom 27. Januar 2021 - 15:03

Von Chiara Sterk

KREIS BÖBLINGEN. Ansgar Thiel ist Professor für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen, sein Schwerpunkt liegt auf den sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Fragen zu Sport, Gesundheit und Körper. Im Gespräch erzählt Prof. Thiel welche Vor- und Nachteile das Home-Office für die Psyche mit sich bringt und wer sich im Home-Office leichter tut.

Corona hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Wer kann, arbeitet nun im Home-Office. Was macht das mit der Psyche, Herr Thiel?

Das ist verschieden, nicht alle Menschen reagieren gleich aufs Home-Office. Manche profitieren tatsächlich, die einen relativ strukturierten Arbeitsablauf, einen klaren Tagesplan haben oder kreativ und selbstbestimmt arbeiten. Bei diesen Gruppen steigt die Zufriedenheit mit dem Arbeitsalltag, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und insgesamt auch die Leistung. Allerdings gibt es auch einen nicht unbeträchtlichen Anteil an Menschen, die unter dem Home-Office leiden. Vor allem diejenigen, die nicht an Arbeiten im Home-Office gewöhnt sind, bei denen der Tag nicht klar strukturiert ist oder bei denen die Abgrenzung zwischen Arbeit und Familie nicht klar geregelt ist. Das Risiko für Erschöpfung steigt, sie werden nervös oder reizbar. Denn man darf auch nicht vergessen, dass für viele das Büro so etwas wie ein arbeitsbezogener Identifikationsraum ist, sie identifizieren sich mit dem Gebäude, den Menschen um sich herum, mit der sozialen Umgebung. Das ins Home-Office zu übertragen ist für viele schwierig.

Eine Studie der AOK aus 2019 kam genau zu dem Ergebnis, dass Arbeiter im Home-Office öfter von Erschöpfungszuständen berichten. Woran liegt das?

Für viele Menschen ist das Home-Office etwas Neues. Wir kommunizieren digital anders als in der analogen Welt, über den Bildschirm sieht man sich als ganze Person in 3D, anders als in der analogen Welt. Dort kann man auch mal aufstehen, mal ein Schwätzchen halten. Einfach mal weggehen vom Bildschirm geht dagegen nicht, das würde als unhöflich oder unaufmerksam wirken. Gerade das, was nebenher passiert und den Arbeitsalltag zwischendurch mal entspannt, fällt weg und das führt zu Erschöpfung, weil es natürlich anstrengt.

Ergeben sich durch die Arbeit zu Hause denn auch Vorteile, gerade Stichwort Stressfaktor Großraumbüros oder, dass man zuhause produktiver arbeiten kann?

Ja, auf jeden Fall. Vor allem diejenigen, die unterschiedliche Aufgaben bewältigen müssen, zum Beispiel wenn jemand, der kreativ arbeitet, zwischendurch verwaltungstechnische Aufgaben erledigen muss und in seinem schöpferischen Prozess immer wieder durch andere gestört wird. Wenn man sich im Home-Office auf eine bestimmte Aufgabe konzentrieren, diese selbstständig ausführen kann und wenn klar ist, wann was gemacht werden muss, kann das von Vorteil sein und die Leistung steigern.

Daheim kann es schwerer fallen, abzuschalten, wenn der Arbeitsplatz auch der Raum ist, in dem man den Feierabend verbringt. Wie lässt sich das leichter trennen?

Ich denke es ist ganz wichtig zu strukturieren. Es braucht einen klaren Anfang, ein klares Ende und dazwischen geregelte Pausen. Wenn man zuhause arbeitet, verschwimmen leicht die Grenzen. Die Wohnumgebung spielt dabei eine maßgebliche Rolle. Gerade wer sich keine große Wohnung leisten kann, in der man sich ein eigenes Büro einrichten kann, dem gelingt die Abgrenzung zwischen Arbeit und Familie schwerer. Aber auch für die, die in hohem Maße selbstständig arbeiten, stellt sich die Frage - wann hört man auf zu arbeiten? Früher haben die meisten aufgehört, wenn sie nach Hause gegangen sind. Diese Zäsuren gibt es im Home-Office nicht mehr, wenn zuhause die Arbeit ist, muss man die Zäsur also selbst setzen.

Was kann helfen, abends runterzukommen?

Als Sport- und Gesundheitswissenschaftler empfehle ich gerne Sport und Bewegung als strukturierende Elemente. Dass wir etwa den Tag mit einem kleinen Workout beginnen und den Arbeitstag mit einer anderen etwa entspannenden Bewegungsaktivität beenden. Wenn es um die Strukturierung des Tages geht, kann auch eine Belohnung am Feierabend helfen. Das kann eine schöne Serie sein, ein Glas Wein oder Bier oder der gemeinsame Sport mit anderen. Denn sobald man etwas anderes wie zum Beispiel Sport macht, ist man nicht mehr im Arbeitsalltag drin.

Sie haben vorher bereits Erschöpfung als Symptom erwähnt. Was sind denn weitere Anzeichen?

Ich denke Erschöpfung ist das erste. In der Forschung wird von "zoom fatigue" gesprochen, dass man sich durch die Konzentration auf den Bildschirm und die wenige Abwechslung abgeschlagen und lustlos fühlt. Aber auch Nervosität, Reizbarkeit und Schlafstörungen sind solche Symptome.
 


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Woran erkennt man, dass das nicht nur vorübergehend ist?

Wenn sich Burn-Out-Symptome einstellen, die länger andauern, zeigt das, dass es in Richtung einer Chronifizierung geht. In der Forschung wird aber auch das Gegenteil als Warnsignal genannt, das Bore-Out, das mit Lustlosigkeit und mangelnden Zielen etwa einhergeht.

Was empfehlen sie dann?

Auch hier empfehle ich präventiv, Bewegung in den Alltag zu integrieren, also nicht nur nach der Arbeit zum Sport zu gehen, sondern Bewegung in den Arbeitsalltag einzubinden, bewegte Pausen machen. Denn die Sitzzeit erhöht sich durch das Home-Office enorm und das wirkt sich nicht nur auf das körperliche Wohlbefinden aus, sondern auch auf die Psyche. Durch körperliche Aktivierung kompensiert man die negativen Folgewirkungen des langen Sitzens, was dann zu einem besseren Wohlbefinden führt.

Wird über die psychosozialen Folgen von der Arbeit im Home-Office genug gesprochen?

Ja, inzwischen sind zu diesem Thema viele Studien im Internet zu finden und viele Wissenschaftler/innen forschen dazu. Das Thema ist auch in der Öffentlichkeit präsenter. Das liegt auch daran, dass der zweite Lockdown anders wahrgenommen wird. Während im ersten Lockdown noch vielerorts von einer Entschleunigung berichtet wurde, man euphorisch war, dass das mit Corona bald durch sein würde, ist im zweiten Lockdown eine gewisse Frustration da. Die negativen Folgewirkungen des Home-Office stellen sich nun vermehrt dar. Man sieht erste Tendenzen, dass die psychosozialen Folgen stärker sind als sie es im Frühjahr waren.

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