Einblicke in eine gestörte Familie

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Artikel vom 22. Januar 2021 - 16:36

Von Roland Häcker

In Familien wird gern gestritten, in der von Bergljot ist der Streit besonders heftig. Zu ihrer Familie gehören ein zu Wohlstand gekommener Vater, eine Mutter, die einen anderen Mann liebt, und vier Kinder, drei Mädchen und ein Junge. Bergljot ist die Älteste. Alle Kinder sind längst erwachsen und haben selbst Familie. Bergljots Bruder Bard fühlt sich von den Eltern benachteiligt. Sie haben den beiden jüngeren Schwestern Astrid und Asa die zwei Sommerhäuser vererbt, in denen auch er gerne mit seiner Familie Urlaub machen würde.

Ich-Erzählerin Bergljot hat schon vor Jahren mit der Familie gebrochen. Sie wurde vom Vater als Kind missbraucht. Das behauptet sie jedenfalls. Aber der Vater leugnet es entschieden, auch die Mutter und die Schwestern behaupten, Bergljot habe sich das nur ausgedacht. An und für sich führt sie ein normales Leben; sie ist eine Größe im Literaturbetrieb, aber sie leidet an der ungelösten Missbrauchsfrage. Sie ist geschieden, ihre Kinder erwachsen. Weder Alkohol noch Männer helfen. Auf ein Eingeständnis des Vaters kann sie nicht mehr hoffen; er ist unerwartet verstorben. Nur Bard zeigt Verständnis. Der Streit schwelt über Jahre und vergiftet das familiäre Miteinander. Die Schwester Astrid, eine gelernte Mediatorin, will vermitteln - ohne Erfolg.

Vigdis Hjorths Roman, der auf eigenen Erlebnissen beruht, hat in Norwegen zu einer heftigen Debatte geführt. Ihre Schwester Helga reagierte mit einem "Gegenroman". Es ist besser, man liest Hjorths ausgezeichneten Roman nicht als biografischen Text, sondern als gnadenlose Analyse gestörter Beziehungen in einer nur äußerlich normalen Familie.

Vigdis Hjorth: "Bergljots Familie". Osburg Verlag, 2017.
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