Gärtringer Schlachthof: Neues Konzept vorgestellt

Nach dem Schlachthof-Skandal samt Schließung hat nun zum dritten Mal ein Runder Tisch getagt. Präsentiert wurde jetzt ein Konzept für den Neustart. Das Tierwohl soll dabei eine große Rolle spielen.

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    1000 Schweine sollen in Zukunft pro Woche im Gärtringer Schlachthof geschlachtet werden. Die Macher versprechen, dass das Tierwohl dann an erster Stelle stehen wird Foto: Chiara Sterk

Artikel vom 19. Januar 2021 - 17:36

KREIS BÖBLINGEN (red/mis). Landrat Roland Bernhard hat am Montag Vertreter der Schlachthof eG, der Metzger-Innung und des Kreisbauernverbandes zum dritten Mal zu einem Runden Tisch eingeladen. Dabei ginge es um den Neustart des Schlachthofes. "Lange habe ich ein schlüssiges Konzept eingefordert als Voraussetzung für eine Wiederinbetriebnahme des Schlachthofes. Nun hat die Genossenschaft geliefert und ein solches Konzept vorgelegt. Mein erster Eindruck ist gut, hier wurde profunde Planungsarbeit geleistet, auf die man aufbauen kann," schreibt der Böblinger Landrat in einer Pressemitteilung.

Laut Konzept sollen in Zukunft pro Woche 1000 Schweine, 100 Rinder und 100 Lämmer geschlachtet werden. Verbesserungspotenziale gebe es hauptsächlich in baulicher Hinsicht: im Bereich der Ställe, der Rampe, dem Zutrieb zur Betäubungsstation, den Betäubungsstationen, die ersetzt werden müssen, den Entwässerungsanlagen und der Lüftungsanlage. Darüber hinaus soll das zu steile Gefälle ausgeglichen und ein Gussasphaltboden aufgetragen werden, was beim Gehen angenehmer für die Tiere sei. Auch der Geräuschpegel soll durch leisere Anlagenteile gesenkt werden. Das führe zu geringerer Nervosität bei den Tieren, heißt es.

Der Projektleiter der Genossenschaft, Kurt Matthes, ist mit dem Konzept zufrieden: "Wir haben uns bei den Planungen davon leiten lassen, in puncto Tierwohl den Schlachthof auf den neuesten Stand der Wissenschaft zu bringen. Es genügt nicht, nur die gesetzlichen Pflichten zu erfüllen, wir wollen ein Ausrufezeichen setzen und Vorreiter sein", betont er.

Architektin Simone Falkenstein erläutert: "In unserer Arbeit lassen wir moderne Erkenntnisse zur Tierpsychologie und Verhaltensforschung einfließen, die bis vor einigen Jahren nicht bekannt waren. Rinder lassen sich in einem Gang leichter treiben, wenn er in einer Kurve geführt wird anstatt schnurgerade - der kürzeste Weg ist daher nicht der beste. Auch den Spieltrieb und die Neugierde eines Schweines lassen sich für ihren Gang zur Betäubungsstation nutzen. Mit teils einfachen Baudetails können wir die Arbeit des Personals erleichtern und den Tieren unnötige Unsicherheit bis zur Betäubungsstation nehmen."

Zum Personal gibt es noch keine Aussage

Als Vertreter des Kreisbauernverbandes und Genossenschaftsmitglied ist Hans-Georg Schwarz vom Konzept überzeugt, ebenso wie Josef Hecht, Geschäftsführer der Metzgerinnungen Böblingen und Ludwigsburg: "Die gesamte Aufzucht und Haltung der Tiere bis zum Moment der Schlachtung beeinflussen die Qualität des Fleisches. Deshalb und aus Achtung vor dem Lebewesen sind die letzten Stunden eines Tieres bestmöglich zu gestalten. Das nun vorgeschlagene Konzept überzeugt", erklärt er.

Optimistisch stimme auch die Bedarfsabschätzung der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau Baden-Württemberg, zu der auch das Siegel Bioland gehört. Demnach bestehe bei Erzeugern der Bedarf für einen biozertifizierten Schlachthof. Dies bedeute, dass der Gärtringer Schlachthof ökologisch gehaltene Tiere anspruchsvoll schlachtet und weiterverarbeitet. Dazu sieht das jetzt vorgelegte Konzept etwa den Einsatz von mobilen Anlagen, sogenannter Weideschlachtungen, vor.

In einer weiteren Arbeitsgruppe wurde die Bereitschaft abgefragt, unter verschärften Kontroll- und Qualitätsansprüchen Fleisch aus Gärtringen unter der Regionalmarke "Heimat - Nichts schmeckt näher" als Premiumprodukt zu vermarkten, berichtet der Landrat. Nun müsse man aber das Konzept verfeinern und finanzieren. Nach einer ersten Kostenschätzung wäre eine Investition von 4,2 Millionen Euro nötig zuzüglich Steuern und Baunebenkosten. Zudem griffen die Mitglieder des Runden Tisches die Empfehlung auf, sich für eine wissenschaftliche Begleitung einzusetzen und den Schlachthof an betriebsfreien Tagen der Forschung zur Verfügung zu stellen.

Nicht erwähnt werden in der Pressemitteilung die zukünftige personelle Ausstattung des Betriebes sowie die Kontrollmechanismen, die ebenso einen wichtigen Faktor für das Tierwohl darstellen. Landratsamt-Sprecher Benjamin Lutsch bekräftigte, dass eine Videokontrolle der Einrichtung geplant sei. Wie die konkret aussehen werde, sei noch nicht klar. Unklar ist laut Lutsch auch noch, wie die vom Landwirtschaftsministerium zugesagte zusätzliche Veterinär-Stelle für die Schlachthöfe konkret umgesetzt werden könne.

Einen Einfluss auf den Umgang mit den Tieren hat auch die Anzahl und die Qualifikation der beschäftigten Schlachter. Wenn mehr und gut ausgebildetes Personal vorhanden ist, dürfte sich der Zeitdruck vermindern und die Behandlung der Tiere verbessern. Dies sei Sache der Betreiber, sagt Benjamin Lutsch. Ziel sei es jedoch, "den Faktor Mensch" im Schlachthof zurückzudrängen und damit eine Fehlerquelle zu reduzieren. "Wir werden aber höchste Ansprüche an die Qualität des Personals stellen", kündigt er an.

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