Brisanter Politkrimi spielt zum Teil in Böblingen

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    Ein Blick in einen der Flure der Bundespolizeidirektion in Böblingen. Hier arbeitet im Roman die Oberkommissarin Patrizia Merhoff Foto: Bischof

Artikel vom 09. Januar 2021 - 14:00

LUDWIGSBURG/BÖBLINGEN (red/edi). Gibt es in Deutschland einen "Tiefen Staat", einen Staat im Staate? Gibt es geheime Verbindungen zwischen Bundeswehr, Geheimdiensten und Politik? Gab oder gibt es "Stay-behind-Organisationen", paramilitärische Einsatzgruppen, die im Falle einer feindlichen Besetzung Deutschlands im Verborgenen Widerstand geleistet hätten oder immer noch leisten würden?

Diesen Fragen geht Arne Schumacher, Reserveoffizier der Bundeswehr, in seinem ersten Roman "Die Schattenarmee" nach. Erschienen ist das Buch beim Ludwigsburger Verlag Ungeheuer + Ulmer.

Wer denkt, er bekäme hier wilde Verschwörungstheorien serviert, wie sie die Anhänger von Donald Trump und anderen Populisten auf Facebook verbreiten, der wird schnell und nachhaltig eines Besseren belehrt. Stattdessen konstruiert der Autor einen sorgfältig recherchierten Politthriller mit historischen Anknüpfungspunkten und aktuellem Bezug zu brisanten Themen der Gegenwart.

Zum Inhalt: Fritz Kurrle, der 96-jährige ehemalige Gastwirt des Exportbier-Brauereigasthofs Körner in Ludwigsburg, stirbt und hinterlässt seiner jungen und attraktiven Nichte, Oberkommissarin Patrizia Merhoff, ein brisantes Erbe. Es stellt sich heraus, dass der Onkel Teil eines Netzwerks unter dem Namen "Schnez-Truppe" war. Dahinter verbirgt sich eine aus der Wehrmacht hervorgegangene geheime militärischen Truppe, die ab 1948 existierte. Die Einheit sollte im Falle einer möglichen russischen Invasion zur Abwehr eingesetzt werden. Die Fäden im Hintergrund zog dabei unter anderem das US-Militär.

Unterdessen ist Patrizia Merhoff, die bei der Bundespolizeidirektion in Böblingen arbeitet, auch in die Ermittlungen zweier Mordfälle involviert - innerhalb kurzer Zeit werden zwei Männer hinterrücks mit einem Wehrmachts-Karabiner 98k erschossen. Dem ersten Anschein nach handelt es sich um syrische Asylbewerber. Aus den Ermittlungen der jungen Polizistin ergeben sich aber schon bald erstaunliche Erkenntnisse: Die Opfer kannten Anis Amri, den Terroristen vom Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin im Jahr 2016.

Buch verknüpft zwei Zeitebenen zu einer spannenden Erzählung

Beide Geschichten fügen sich bald zu einem Ganzen zusammen, als Merhoff im Keller des geerbten Gasthofs geheime Räume entdeckt und einen Waffenschrank mit hervorragend erhaltenen Karabiner 98k. Im Dickicht von Netzwerken "alter Kameraden" und deren Nachkommen kommt sie schließlich zur Erkenntnis, dass es heute wieder - oder immer noch - Organisationen aus der Zeit des Kalten Krieges geben muss.

Im Zuge ihrer Ermittlungen erfährt Patrizia Merhoff, dass Anis Amri in Mailand nicht nur verhaftet, sondern schlicht hingerichtet werden sollte. Gemeinsam mit dem Militärhistoriker und Journalisten Dr. Klaus-Martin Holtmann, der bei dem Fall als Berater hinzugezogen wird, deckt sie Schicht um Schicht ein Geheimnis auf, das wohl nicht nur in Deutschland ein politisches Beben auslösen würde.

Das Buch verknüpft zwei Zeitebenen miteinander zu einer spannenden Erzählung: Neben den Ereignissen in der Gegenwart handelt der andere Handlungsstrang davon, wie ehemalige Wehrmachtsoffiziere unter der Führung von Albert Schnez eine 40 000 Mann starke Truppe zur Verteidigung der noch jungen Bundesrepublik formieren - eine Begebenheit, die wohl nicht sehr vielen Menschen bekannt sein dürfte. Tatsächlich ist Albert Schnez eine historische Persönlichkeit - unter anderem war er im Führungsstab der Bundeswehr aktiv und gehörte zum engeren Umfeld des Verteidigungsministers Franz Josef Strauß.

Das Expertenwissen des Autors ist durchaus beeindruckend. Die Lektüre macht dies jedoch nicht immer unbedingt leichter. Immer wieder lohnt sich daher der Blick ins Glossar, um Abkürzungen und Jargon wie DivKdr (Divisionskommandeur), AuM (Alarmierung der und Mobilmachung) oder STAN (Stärke- und Ausrüstungsnachweisung) nachzuschlagen.

Überhaupt dauert es einige Zeit, bis man den Zugang zu diesem Buch findet. Vor allem in den Rückblicken auf die Gründung der "Schattenarmee" erschweren lange Sätze und eine eher sperrige Sprache den Lesefluss. Das ändert sich jedoch, wenn im zeitaktuellen Erzählstrang die Ermittler von Bundesinnenministerium, Landeskriminalamt und der Polizeidirektion Böblingen auf der Bildfläche erscheinen und dem brisanten Fall mit Scharfsinn und trockenem Humor auf den Grund gehen.

Viel Lokalkolorit wie das in Regiokrimis der Fall ist, sollten sich die Leser hier übrigens nicht erhoffen - auch wenn die Handlung neben Ludwigsburg, Bad Cannstatt und dem Landkreis Calw zum Teil auch in der Böblinger Wildermuthkaserne spielt, wo der Autor in jungen Jahren als Bundeswehrsoldat gedient hat. Darum geht es hier aber auch nicht. Stattdessen entfaltet sich für jeden, der es durch den eher zähen Anfang schafft, eine spannende, lohnende und lehrreiche Lektüre über eine Seite deutscher (Zeit-)Geschichte, die trotz aller Fiktionalität und erzählerischer Freiheiten womöglich mehr als ein hochbrisantes Fünkchen Wahrheit enthalten könnte.

 

Info: Arne Schumacher: "Die Schattenarmee". Paperback, 392 Seiten. 14,90 Euro. Erschienen beim Verlag Ungeheuer + Ulmer in Ludwigsburg im Jahr 2020. Über den Autor: Arne Schumacher wurde 1963 in Stuttgart geboren. Nach seiner aktiven Bundeswehrzeit in Böblingen mit der Ausbildung zum Reserveoffizier studierte er in Pforzheim und in Kaiserslautern. Als Diplombetriebswirt und mit M. A. in Sozialwissenschaften ausgestattet, ist er seit 1993 als Unternehmer und Unternehmensberater selbstständig tätig. Ehrenamtlich in vielen Fach- und Führungsfunktionen und in mehreren Organisationen engagiert, war es vor allem die Bundeswehr, durch die er sich viele interessante Kenntnisse durch Tätigkeiten im Truppen- und Stabsdienst auf allen Ebenen aneignen konnte und in der er noch immer im Dienstgrad Oberst der Reserve aktiv ist. Nachdem er lange Jahre im Landkreis Ludwigsburg wohnte, zog es ihn vor einigen Jahren in die Nähe von Baden-Baden. (red)

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