Sindelfinger Mordfall: Schwere Pannen bei den Ermittlungen?

Zum Prozessauftakt um einen Mordfall in Sindelfingen von 1995 beklagt die Familie der getöteten Brigitta J. die Ermittlungsarbeit.

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    Der Angeklagte im Gericht F: Leif Piechowski

Artikel vom 23. September 2020 - 18:58

Von Wolf-Dieter Obst

STUTTGART/SINDELFINGEN. Die Angehörigen der vor 25 Jahren ermordeten Brigitta J. werfen der Polizei schwere Ermittlungspannen vor. Das hat am Mittwoch der Anwalt der als Nebenkläger auftretenden Familie am Rande des Mordprozesses im Stuttgarter Landgericht erklärt. Der heute 70 Jahre alte Angeklagte hätte womöglich von einem weiteren Tötungsdelikt im Jahr 2001 abgehalten werden können, wenn die damalige Sonderkommission gründlicher gearbeitet hätte. Die Staatsanwaltschaft wirft in ihrer Anklage Hartmut M. vor, die 35-jährige Brigitta J. am 14. Juli 1995 nachts in Sindelfingen heimtückisch ermordet zu haben.

Tatsächlich wird das Verfahren bei der 19. Strafkammer um den Vorsitzenden Richter Norbert Winkelmann reichlich Irrungen und Wirrungen parat halten. Denn die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage von ganz anderen Tatumständen aus, die mehr als zehn Jahre eine zentrale Bedeutung bei den Ermittlungen gespielt hatten. Das markante gelbliche Handwerkerauto, mit dem Tatzeugen den mutmaßlichen Mörder flüchten sahen, hat für die Ankläger womöglich gar nicht existiert. "Es wurde nie geklärt, ob da tatsächlich zwei unterschiedliche Fahrzeuge am Tatort waren", so die Staatsanwaltschaft vor dem Prozessauftakt.

Der Beschuldigte Hartmut M. fuhr damals einen dunklen Honda CRX, der wiederum von anderen Zeugen gesehen wurde. Können sich Tatzeugen so schwer täuschen - und einen gelben Lieferwagen nicht von einem dunklen Sportwagen unterscheiden? Oder heißt das, dass sich zwei Täter am Tatort aufgehalten hatten? Fragen wie diese sind vorerst aufgeschoben. Am Mittwoch beschränkt sich Staatsanwältin Isabelle Schmid auf eine kurze Anklageverlesung: "Der Angeklagte passte die ihm unbekannte Frau ab, stach dann unvermittelt auf ihren Brustkorb ein", sagt sie. Das Opfer habe nicht mit dem Angriff gerechnet. Vorwurf: Mord durch Heimtücke.

Wie gut wurde 1995 das Alibi von Hartmut M. überhaupt überprüft?

Hartmut M. schweigt. Verborgen unter dunkelroter Kapuzenjacke, Maske und Zeitung wird er zur Anklagebank geführt. Später sitzt der 70-Jährige mit vollen, hellbraunen Haaren und leicht blauen Lippen da und sagt, dass er nichts sagt. Auch nicht zur Person, wie seine Verteidigerin Amely Schweizer ausführt. Einzig auf die Frage des Richters, ob er Alkohol- oder Drogenprobleme habe, sagt er: "Nicht vorhanden."

Richter Winkelmann verliest den Lebenslauf des Angeklagten aus zurückliegenden Urteilen und aus Schriftstücken, die bei seiner Festnahme im Februar 2020 in Hamburg sichergestellt wurden. Daraus geht hervor, dass der Mann drei Kinder aus zwei geschiedenen Ehen hat, dass er sich vom mittelmäßigen Realschüler bis in die Vorstandsetagen diverser Konzerne als Finanzverantwortlicher hocharbeitete, dass er über ein Millionenvermögen verfügte, dann aber mit eigenen Firmen in der Türkei und Ungarn Schiffbruch erlitt.

Dass er auf der Anklagebank sitzt, liegt an einem DNA-Treffer im Januar 2020. Neue Abgleiche mit den am Opfer gesicherten DNA-Spuren passen zu auftypisierten DNA-Merkmalen des 70-Jährigen. Hartmut M. war 2007 zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden: Im September 2001 hatte er eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Schwäbisch Hall als Anhalterin aufgegabelt und am Rande der A 70 im oberfränkischen Kreis Kulmbach umgebracht. 2004 hatte er den Shell-Konzern um Millionen erpresst. Das alles hätte schon gar nicht mehr passieren dürfen, sagt der Berliner Anwalt der Opferfamilie.

Mario Seydel beklagt, dass bei den damaligen Ermittlungen teilweise ziemlich oberflächlich gearbeitet worden sei. Denn die Fahnder waren schon 1995 an Hartmut M. wegen seines Honda CRX dran gewesen. Es heißt aber, dass sein Alibi eher schlampig überprüft worden sei - jedenfalls hätte man ganz leicht auf falsche Angaben stoßen und so Verdacht schöpfen können.

Und dass der sogenannte Cold Case, der erkaltete Ermittlungsfall, überhaupt noch einmal aufgenommen worden sei - "das wäre ohne die Initiative meiner Mandanten nie passiert", sagt Seydel. Vor zwei Jahren habe er Akteneinsicht gefordert, "dann ist die Polizei wach geworden". Für die Familie sei die Tat "noch so präsent, als ob es gestern passiert wäre". Immerhin: Dass am Ende dann doch ein Verdächtiger gefunden wurde, so Seydel, "das hat auch uns überrascht". Der Prozess ist bis Februar 2021 terminiert.

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