Kultur im Freien in Sindelfingen: Künstler fiebern Auftritt entgegen

Künstler und Veranstaltungsbranche leiden massiv unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Die Open-Air-Reihe "Kultur im Freien" bietet zumindest manchen die Möglichkeit, wieder einmal vor Publikum aufzutreten. Hier erzählen einige ihre Geschichten.

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    Elvis-Imitator Nils Strassburg tritt am Freitag bei Kultur im Freien auf. Foto: edi

Artikel vom 22. September 2020

SINDELFINGEN (red/edi). Ulrike Unger leitet die Dußlinger Agentur "Kulturmanagement & Künstlermarketing". Sie vertritt gleich mehrere Künstler, die allesamt am kommenden Wochenende bei der Reihe "Kultur im Freien" am Glaspalast auftreten.

"Sänger, Musiker, Kabarettisten, Comedians, Zauberer - sie alle brauchen die Bühne wie die Deutsche Elf den Ball am Fuß", beschreibt Unger, wie sich das durch die Pandemie verursachte Quasi-Arbeitsverbot für die von ihr betreuten Künstler ausgewirkt hat. Hier dokumentiert sie ihre Gespräche mit einigen von ihnen.

Da wäre zum Beispiel der in Altdorf aufgewachsene Nils Strassburg. Der Elvis-Imitator rockt mit seiner zehnköpfigen Band normalerweise vor bis zu 2000 Zuschauern. Jetzt fiebert der Mann, der vom Medienkonzern Time Warner zum "besten Elvis-Interpreten Deutschlands" gekürt wurde, gemeinsam mit seinen Roll Agents dem Auftritt am kommenden Freitag, 25. September, um 20 Uhr in Sindelfingen entgegen.

 

Hier spricht Nils Strassburg über die vergangenen sechs Monate, in denen er und seine Band unter anderem Konzerte im Autokino-Format gegeben hat:

"Als Live-Band vor Autos zu singen, ist nicht gerade das, was man sich je hätte träumen lassen. Alles, was einen Live-Auftritt ausmacht, geht verloren. Wir hatten dennoch einen Riesenspaß.

Künstler sind per se Überlebens-Künstler. Die Musik ist unsere Motivation. Jeder Live-Auftritt ist eine Art Befreiung. Darum freuen wir uns besonders, in Sindelfingen überhaupt wieder auf die Bühne zu kommen - und das direkt vor Menschen und nicht vor Autos. Gemeinsam mit den Zuschauern vergessen wir für zwei bis drei Stunden die aktuelle Situation. Wenn auch mit Ab- und Anstand: Es ist ein Stück Normalität und Spaß!"

 

Die Frage, ob die Krise sich bei ihm auf die Motivation auswirkt, beantwortet er so:

"Dass wir einer Art Berufsverbot unterliegen, schlägt auf das Gemüt. Je länger dieser Zustand dauert, desto kritischer wird es für jeden Einzelnen. Existenzangst kann auch lähmen. Man spricht viel miteinander und versucht, sich gegenseitig zu unterstützen. Wir nutzen diese Phase auch kreativ und arbeiten jetzt an unserem ersten Album.

Nils Strassburg: "Es fehlt an Wertschätzung aus der Politik."

Ich hoffe natürlich, dass dies alles bald vorbei ist. Ich bin froh, als etablierter Künstler in die Krise geraten zu sein und nicht als Newcomer. Denn als solcher muss man sich um so mehr fragen, inwieweit das alles sinnig ist, was wir hier tun. Und die großenteils fehlende Wertschätzung aus der Politik macht einen ja nahezu zum Hampelmann der Gesellschaft."

 

Und wie sieht Nils Strassburg die Zukunft seines Musik-Projekts?

"Wir waren nie ganz weg von der Bühne. Im August haben wir auf dem Elvis Festival gespielt zum Todestag des King, es gab die Autokonzerte, jetzt in Sindelfingen das Open-Air. Dann kommt tatsächlich eine größere Pause, denn die gesamte Herbst- und Wintershow mussten wir auf nächstes Jahr verschieben. Vielleicht fühlt sich das 2021 dann als eine Art Comeback an.

Es liegt jetzt sehr viel an den Zuschauern, dass sich alles wieder ein Stück weit in Richtung Normalität entwickelt. Wir sind froh über unsere Fans. Unsere Fans sind die besten, die man sich wünschen kann. Sie machen sich große Gedanken um uns, und wenn wir zumindest ab und an im kleinen Rahmen auftreten können, können wir mit ihnen in Kontakt bleiben. Es ist eine Art familiäres Verhältnis. Kein Live-Stream oder Autokonzert kann dies ersetzen. Wir hoffen, bald wieder öfter gemeinsam feiern zu können - in Sindelfingen fangen wir damit an.

 

Einen Tag später, am Samstag, 26. September, um 20 Uhr tritt Hiss am Glaspalast auf. In ihrem Jubiläumsjahr will die Band einen Querschnitt durch 25 Schaffensjahre zeigen. So äußert sich Bandleader Stefan Hiss zu dem bevorstehenden Gastspiel:

"Unsere Band spielte am 7. März den letzten Auftritt vor dem Corona-Lockdown, dann wieder eine Handvoll Auftritte mit den bekannten Abstands- und Hygieneregeln vor kleinem Publikum Ende Juli, Anfang August. Wir sind also wie nahezu allen anderen freien Kulturschaffenden von der Krise sehr betroffen. Das Konzert in Sindelfingen ist das erste, bei dem wir wieder ein ,normal großes' Publikum erwarten.

Wir blicken verhalten optimistisch in die Zukunft, bisher ist die Terminlage in der jetzt beginnenden Spielzeit nicht schlecht. Allerdings rechnen wir mit deutlich niedrigeren Einnahmen pro Veranstaltung. Außerdem werden wir sicher einzelne Termine verschieben müssen."

Auftritt in Sindelfingen gibt Musikern ihren Lebenssinn zurück

Am Sonntag, 27. September, um 18 Uhr erwartet Comedy- und Musik-Fans ein besonderes Zusammenspiel: Die SWR Bigband will gemeinsam mit Sängerin Fola Dada und Kabarettist Bernd Kohlhepp "Swinging Comedy" in Sindelfingen präsentieren.

 

Agentur-Chefin Ulrike Unger hat sich dazu mit den beiden Künstlern sowie mit Hans-Peter Zachary, seit zwölf Jahren Manager der SWR Bigband, unterhalten.

Hans-Peter Zachary: "Erst konnten wir es nicht glauben. Wir haben fast nicht mehr damit gerechnet, in dieser Saison vor großem Publikum live spielen zu dürfen. Die Musiker haben die letzten Monate, wie wir alle, wirklich gelitten. Auch wenn die Musik ihre Beruf ist - vor allem ist es eine Berufung! Diesen großartigen Musiker gibt man mit dem Auftritt in Sindelfingen ihren Lebenssinn zurück. Nun dürfen sie das tun, was sie am besten können: Musik machen. Und gemeinsam mit dem Publikum Freude daran haben.

Mit Fola Dada und Bernd Kohlhepp gibt es eine mehr als zehnjährige Zusammenarbeit. Darum habe ich auch gleich, nachdem die Terminanfrage an mich kam, mit viel Vorfreude die Band und diese beiden Freunde zusammengetrommelt für die Swinging Comedy. Diese Mischung aus Swing, Bigband-Sound und schwäbischer Comedy gibt es nur bei uns im Südwesten. Und mit Fola haben wir eine Sängerin, die nicht nur eine grandiose Stimme besitzt, sondern deren tolle Bühnenpräsenz jedermann ansteckt."

Bernd Kohlhepp: "Corona ist eine Zerreißprobe für die Gesellschaft."

Bernd Kohlhepp verdient seinen Lebensunterhalt für sich und die Familie auf der Bühne. Seit mehr als 20 Jahren ist er mit der Figur des Schwaben Herr Hämmerle im Südwesten erfolgreich unterwegs. Das sagt er zur aktuellen Situation:

"Jeder einzelne Auftritt ist derzeit ein Highlight! Ich freue mich sehr auf Sindelfingen. Ich habe die letzten Monate unter dem Strich erstaunlich viele verschiedene Vorstellungen gespielt. Vom Auftritt im Autokino, in einem Fußballstadion bis hin zur Waldlichtung. Es hat also nie so ganz aufgehört. Die Bindung zu meinen Fans ist in jedem Fall stärker geworden.

Corona ist eine Zerreißprobe für die Gesellschaft, sozusagen ein Stress-Test. Ich sehe keine Alternative zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. Das wird es auf lange Sicht in jedem Fall geben, warum also nicht gleich? Und ich hoffe, dass Künstler sich zusammenschließen und stärker gemeinsam engagieren.

Künstler und Kulturschaffende geben alles, Kultur zu erhalten. Nun hängt es von den Zuschauern ab."

 

Auch für Sängerin Fola Dada hat die Krise gravierende Auswirkungen. Hier erzählt sie, worauf sie in diesen Zeiten hofft - und was sie sich ganz dringend wünscht:

"Meine Hoffnung ist, dass die vielen lange gewachsenen Strukturen wie Jazzclubs, Vereine, Chöre, Konzerthäuser, freien Orchester und die einzelnen Künstler die Krise überstehen und unser Land auch in der Zukunft bereichern. Die Liste der Gründe, warum Musik so wichtig ist, ist lang.

Mein dringender Wunsch ist, dass verstanden und anerkannt wird, wie wichtig die Kultur für unsere Gesellschaft ist. Und sie genauso, wenn nicht sogar noch mehr, unterstützt werden muss. Das Land Baden-Württemberg ist bei der Unterstützung der Künstler ein Vorbild und leider eine der wenigen Ausnahmen.

Das Publikum kann ich nur bitten, zu den Konzerten, auch drinnen, zu kommen, denn die Veranstalter scheuen keine Mühen, um den Konzertgenuss sicher zu machen."

 

  Ausführliche Infos und Vorverkauf unter http://www.kulturimfreien.de im Netz.
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