Hip-Hop-Song verbindet Sindelfingen mit anderen Städten

"Get Connected - Stay United": David Ratzel vom Sindelfinger Jugendhaus "Süd" startet mit Tübinger Kollegen landesweites Musikprojekt. Digitale Vernetzung bringt mehr als zehn Rap-Künstler zusammen. Aktion will Jugendlichen eine Stimme geben.

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    "Hip-Hop ist Sozialarbeit": Aus dieser Überzeugung heraus hat der Sindelfinger Jugendhausmitarbeiter David Ratzel sein digitales Song-Projekt gestartet Symbolbild: Unsplash

Artikel vom 29. August 2020 - 12:00

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. "Hey Leute, hier ist eine Wespe in meinem Zimmer!", sagt der junge Mann mit den Wuschellocken. Unter dem Namen Yannis, aka N5ture, liefert der Sindelfinger sich Rap-Battles im Internet, in denen er vor der Kamera in typischer Hip-Hop-Manier mit coolen Hand- und Fingergesten auf Schulsportplätzen und vor Graffiti-Wänden posiert. Jetzt im Moment wirken seine Handbewegungen allerdings nicht ganz so cool. Schließlich muss er sich mit einem lästigen Insekt in den eigenen vier Wänden herumplagen. So eine Zoom-Konferenz ist eben immer für eine Überraschung gut.

Besagte Video-Schalte fand vor einigen Tagen statt. Barbara Mohr vom Stadtjugendring Sindelfingen hatte dazu eingeladen, um ein bemerkenswertes Musikprojekt vorzustellen. Neben dem Sindelfinger Battle-Rapper mit dem kurzfristigen Wespen-Problem sind noch weitere Teilnehmer am Start - einer davon ist David Ratzel. Der Mitarbeiter im Sindelfinger Jugendhaus "Süd" hat seine Musikleidenschaft in gewisser Weise zum Beruf gemacht. Allerdings nicht als MC oder DJ, sondern als Sozialpädagoge und Sozialarbeiter.

Was Hip-Hop mit Sozialarbeit zu tun hat? "Hip-Hop ist Sozialarbeit", betont David Ratzel. Der Bartträger mit dem Basecap ist ein echter Überzeugungstäter, wenn es um die vielfältige Subkultur rund ums Reimen, Sprayen und Beatboxen geht. Unter dem Namen Colossus MC ist der gebürtige Karlsruher seit 2003 selbst in der Rap-Musik-Szene aktiv. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat er in der Zeit der strengen Corona-Einschränkungen im Frühjahr gemit einem Tübinger Kollegen ein Projekt gestartet, das junge Menschen in sechs baden-württembergischen Städten zusammenbringt.

"Get connected - Stay united" (Verbindet euch miteinander, bleibt vereint) - so heißt der "Collabo-Track", bei dem Hip-Hopper aus Sindelfingen, Tübingen, Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe und Kehl in den letzten Monaten jeweils ihren Teil zu einem musikalisch-lyrischen Ganzen beigetragen haben. Mehr als zehn Rap-Künstler (darunter immerhin auch eine junge Frau) haben jeweils acht eigene Zeilen beigesteuert. Per Videokonferenz und mit anderen Online-Tools haben die Beteiligten sich zusammengeschlossen, ausgetauscht und so gemeinsam ein alle miteinander verbindendes Musikstück geschaffen. Ende dieses Monats soll der Song veröffentlicht werden.

Großen Wert legt Ratzel dabei auf die Feststellung, dass es sich hier nicht um einen "Corona-Song" handle. Zwar sei das Projekt unter dem Eindruck der strengen Pandemie-Einschränkungen und der damit verbundenen Isolation im Frühjahr entstanden. Zentrales Thema sollte aber nicht die Virus-Krise sein. Stattdessen waren alle aufgefordert, sich selbst und ihre jeweilige Stadt zu "representen", wie das so im Hip-Hop-Jargon heißt.

Jugendhaus "Süd" ist Keimzelle für Hip-Hop im Kreis Böblingen

Dass die Federführung für das Projekt bei dem Jugendhaus in der Sindelfinger Schwertstraße lag, ist kein Zufall. Immerhin ist das "Süd" schon seit vielen Jahren eine Art "Keimzelle" für Hip-Hop im Kreis Böblingen. Neben dem alljährlichen Sommer-Event "Cypher Soulution" hat sich vor allem der bereits im Jahr 2007 von der vormaligen Darmsheimer Jugendhausleiterin Madeleine Nitsche initiierte Nachwuchswettbewerb "Jam it" fest in der regionalen Rap-Szene etabliert. Über "Jam it" ist auch der Sindelfinger Yannis/N5ture zu dem Song-Projekt gekommen.

Hinzu kommt die digitale Kompetenz im Jugendhaus, die besonders während des "Lockdowns" dazu beigetragen hat, dass Jugendliche "connected" bleiben konnten. Zum Online-Angebot im "Süd" zählen neben Rap-Teaching-Videos und Skype-Schalten mit David Ratzel auch eine "digitale Werkstatt", die Jugendhausmitarbeiterin Eva Burghard über den eigens eingerichteten Discord Server eingerichtet hat. Hier können Technik- und Gaming-Begeisterte in Kontakt kommen, Ideen austauschen und eigene Projekte vorantreiben.

Eins dieser Projekte war zuletzt die von Ratzel als "Solidaritätssong" bezeichnete Produktion namens "Get Connected - Stay United". Die Idee hat der Sindelfinger Sozialarbeiter und Sozialpädagoge im April in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Dirk Ridder vom Jugendhaus Paula in Tübingen entwickelt. Ursprünglich sollte ein virtueller Song-Wettbewerb daraus werden. Diese Idee verwarfen die beiden aber schnell, weil sie die Teilnehmer nicht in Gewinner und Verlierer aufteilen wollten. "Wir wollten lieber etwas machen, was die Leute zusammenbringt", erklärt Ratzel. "Wir geben damit Jugendlichen eine Stimme", ergänzt Barbara Mohr. Genau das habe gefehlt während der strengen Pandemie-Maßnahmen, findet die Fachbereichsleiterin Jugend beim Stadtjugendring.

Die Jugendhausmitarbeiter Ratzel und Ridder nutzten ihre Kontakte als Künstler und Sozialarbeiter. Beide sind gut vernetzt und so holten sie sich das Soundcheck Studio des Jugendhilfswerks Freiburg, das Musikmobil Soundtruck vom Stadtjugendausschuss Karlsruhe, das Cann Jugendhaus-Studio der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH sowie das Juke-St. Nepomuk in Kehl mit an Bord. Auf diesem Wege kamen schnell mehr als zehn Rap-Künstler im Alter zwischen 14 und 28 Jahren für das Projekt zusammen.

Snowgoons aus Karlsruhe steuern Beat zu dem Song bei

Den Beat, zu dem die Projektteilnehmer ihre Reime rappen, steuerten die Snowgoons aus Karlsruhe bei. Die Crew ist schon seit 1999 im Geschäft und hat unter anderem für Hip-Hop-Größen wie Onyx den Klangteppich unter deren Songs gelegt. David Ratzel kennt Gründungsmitglied DJ Illegal alias Manuel Rückert persönlich. Schon als Teenager sei er bei diesem in seinem Karlsruher Plattenladen abgehangen.

Die Snowgoons haben im Zusammenhang mit der Corona-Krise bereits ein caritatives Projekt auf die Beine gestellt, mit dem sie Krankenhäuser und Pflegeheime mit medizinischen Mund- und Nasenmasken versorgen wollen. Die Einnahmen aus dem Song-Projekt "Get connected - Stay united" sollen ebenfalls in dieses Projekt fließen.

Für den letzten Schliff überließ Ratzel die Aufnahme zuletzt dem Freiburger Musikproduzenten Max Büttner zum "Mastern". Demnächst soll der Song dann auf gängigen Musikportalen wie Spotify veröffentlicht werden. Während der Live-Schaltung des Tracks ist in Tübingen eine im Zeitraffer-Format gefilmte Graffiti-Aktion geplant. Der Clip ist als Musikvideo für den Song gedacht - als Zeichen nicht nur an alle junge Menschen da draußen, dass man mit Kreativität und Gemeinschaftsgefühl durch jede Krise kommen kann.

 

  Mehr Infos zu dem Projekt auf der Jugendhaus-Homepage (http://www.dassüd.de) sowie beim Stadtjugendring Sindelfingen (http://www.sjr-sifi.de).
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