"Ein Corona-Patient litt unter starken Albträumen"

Walter Wedl arbeitet seit Februar als katholischer Klinikseelsorger in Sindelfingen. Im Interview berichtet er von den ersten Monaten.

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    Walter Wedl an seinem neuen Arbeitsplatz im Sindelfinger Krankenhaus / Foto: red

Artikel vom 03. August 2020 - 17:12

KREIS BÖBLINGEN (red). 18 Jahre lang war er als katholischer Betriebsseelsorger in Böblingen tätig, im Februar wagte Walter Wedl die berufliche Veränderung, trat den Dienst als Klinikseelsorger in Sindelfingen an und hatte in dieser Funktion gleich einmal intensiv mit der Corona-Krise zu tun.

Hallo Herr Wedl, was zeichnet - abgesehen von Corona - ihre neue Arbeit aus?

Jedes Klopfen und jedes Öffnen der Zimmertür ist wie ein Überraschungs-Ei: Bin ich willkommen oder nicht willkommen? Entspringt ein kürzeres oder längeres Gespräch? Manche wünschen sich einen Segen oder ein Lied. Oder die Krankenkommunion oder das Abendmahl. Manche wünschen sich eine Geschichte, manche ein Gedicht. Ab und zu wünscht sich auch jemand eine aufheiternde Geschichte oder einen Witz. Bei manchen bin ich eine halbe Stunde im Zimmer, bei anderen nur 15 Sekunden.

Was ist für Sie ganz neu?

Die Rufbereitschaft in der Nacht und am Wochenende war für mich neu, doch meine Kollegen haben mich über die Abläufe und Details gut informiert. Es ist immer aufregend, wenn das Handy klingelt. Der Adrenalinspiegel schießt in die Höhe - man weiß nicht genau, was auf einen zukommt. So kann ich beispielsweise auf die Intensivstation nach einem schweren Unfall mit Todesfolge gerufen werden, oder aber am Sterbebett den Angehörigen Beistand leisten. Das sind einschneidende und bewegende Momente, in denen wir als Seelsorger überaus willkommen sind und gleichzeitig viel Anerkennung erhalten.

Inwiefern hat das Corona-Virus die Arbeit tiefgreifend verändert?

Bislang hatte ich nur den Februar im normalen Betrieb. Besonders im März und April herrschte Corona-Ausnahmesituation, Mai und Juni verliefen immerhin etwas normaler. Ab Mitte März wurde Angehörigen der Zutritt ins Klinikum verwehrt, sodass die seelsorgerische Begleitung für diesen Personenkreis weitgehend zurückging, gleichzeitig schnellte die Begleitung für die Beschäftigten im Haus in die Höhe. Die Erkenntnis, dass es kein Gegenmittel für das Corona-Virus gibt und sich Ärzte, Pflegende und Therapeuten anstecken können, erhöhte die Dramatik und Belastung enorm.

Gab es eine Geschichte die Sie in der Corona-Zeit besonders bewegt hat?

Es gab einen Corona-Patienten, der auf der Intensivstation lag und beatmet wurde. Nachdem sich sein Gesundheitszustand verbessert hatte und er nicht mehr infiziert war, habe ich ihn wochenlang begleitet. Der Mann wurde schließlich als gesund entlassen. Wir hatten einen intensiven Austausch über seine Erfahrungen in der Zeit, als er beatmet wurde, denn er litt unter starken Albträumen. Er wollte keinesfalls seine Familie damit belasten, sondern er wollte es mit mir, einem Seelsorger, teilen.

Vermissen Sie die Betriebsseelsorge?

Die Betriebsseelsorge war ein Bereich, in dem ich viel Segensreiches tun konnte. Umso mehr bewegt es mich gerade, dass die Zeitungen voll von betrieblichen Krisen sind und die Begriffe Kurzarbeit, Entlassungswellen und Schließungen die Arbeitnehmer in Angst versetzen. Vor allem sind es Betriebe, die ich gekannt und betreut habe. Persönlich schockiert mich, dass ein großer Anteil der Bevölkerung wenig gespart hat oder sparen konnten - somit wird die Krise zu einer subtilen Verarmung führen.

Die Krankenhaus-Landschaft wird sich verändern - Stichwort: Flugfeldklinik. Wie gehen Sie damit um?

In einigen Jahren steht der Umzug auf das Flugfeld an, der für mich eine große Herausforderung sein wird. Doch ich hoffe, dass ich mit meiner bis dahin erworbenen Routine den Umzug der Stationen und Abteilungen vollziehen und fördern kann.

Haben Sie Ziele für Ihre persönliche Entwicklung als Klinikseelsorger?

Wenn man einen Seelsorger in Ruhe arbeiten lässt, wird er jedes Jahr besser. In dieser Zeit erfährt er nicht nur mehr über sich und seine Mitmenschen, sondern seine Arbeit ist auch geprägt durch Anregungen von Kollegen. Die Kunst ist es, als Seelsorger im Umgang mit den Menschen geschickter und gerecht zu werden. Somit ist die Seelsorge ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess, auf den ich gespannt bin und mich freue.

 

  Für die Seelsorge in den Kliniken Böblingen/Sindelfingen sind neben Walter Wedl noch Frank Kühn (beide katholisch) sowie Ursula Schmitz-Böhmig und Heidi Abe (beide evangelisch) zuständig.
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