Populismus und Pandemie: Drosten-Song verursacht Schnappatmung

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    Immer schön den Volkszorn füttern: AfD-Demo in Sindelfingen

Artikel vom 25. Juli 2020 - 09:24

KREIS BÖBLINGEN/BERLIN (edi). Was macht eigentlich Markus Frohnmaier in diesen bewegten Corona-Zeiten? Klopft er sich voller Stolz auf das Lorbeerkranz-Tattoo auf seiner Brust, weil Deutschland sich im Vergleich zu anderen Ländern im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus so gut schlägt?
Nicht so ganz. Auf seiner Facebook-Seite empört der AfD-Bundestagsabgeordnete des Böblinger Wahlkreises sich stattdessen lieber über den Virologen Christian Drosten. Dem hat die Punkband ZSK zuletzt ein Lied namens „Ich habe Besseres zu tun“ gewidmet (der Titel spielt auf die Reaktion des Forschers auf die im Mai hochgekochte „Bild“-Kampagne gegen ihn an). „Der oberste Experte der Corona-Hysteriker“ posiere hier lächelnd mit einem Mitglied der „linksextremen Band“, muss Frohnmaier vor lauter Schnappatmung schon fast ans Beatmungsgerät. Für den AfD-Mann ist damit alles klar: Christian Drosten offenbare „mindestens eine gefährliche Gleichgültigkeit bis hin zu einer möglichen Zustimmung zur linksextremen Gesinnung von ZSK.“
Wie zu erwarten, stürzen die AfD-Anhänger sich auf den Post wie die Fliegen auf den Hundehaufen. Auf seiner Facebook-Seite erntet Frohnmaier für diese steile These aber auch deutlichen Widerspruch – angefangen mit dem Hinweis, dass die Band nirgendwo als „linksextrem“ eingestuft werde, bis hin zu einem Foto, das Frohnmaier freudig strahlend an der Seite von Martin Sellner (Sprecher der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich) zeigt. Damit, so die smarte Retourkutsche, offenbare sich ja „mindestens eine gefährliche Gleichgültigkeit bis hin zu einer möglichen Zustimmung zu rechtsextremer Gesinnung“.
Vielleicht will das Frisuren-Modell für „Flügel“-Männer mit solchen nach Flatulenz riechenden Luftnummern aus dem AfD-Skandal-Baukasten ja auch nur von den eigenen Parteiproblemen ablenken. Schließlich konnten Fraktionschefin Alice Weidel, für die er seit 2017 als Pressesprecher tätig ist, noch im März die Maßnahmen gegen eine Ausbreitung von COVID-19 gar nicht scharf genug sein. Dummerweise teilte man diese Ansicht mit „Volksverräterin“ Angela Merkel und den „Systemhuren“ von der „Lügenpresse“. Das ging natürlich gar nicht, weswegen Weidel und Co. kurz darauf die schon an anderer Stelle geforderte „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ vollzogen und von ihrem Geschwätz von gestern nichts mehr wissen wollten.
Wir übrigens auch nicht – und deshalb genug „Airplay“ für die AfD und ihre ausgeleierten Populismus-Platten. Sagen wir es mit Christian Drosten: „Wir haben Besseres zu tun.“

► Diese Glosse ist aus unserer heutigen Samstagskolumne ("Bonbons").

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