Frauen mit Drohungen und Prügel gefügig gemacht

45-Jähriger zwingt Rumäninnen zur Prostitution in Böblingen und Stuttgart - Auch wegen Kinderporno-Material angeklagt

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Artikel vom 29. Mai 2020 - 17:30

Von Bernd S. Winckler

BÖBLINGEN/STUTTGART. Seelenruhig hörte sich der 45-jährige Kosovo-Albaner die dicke Anklageschrift der Staatsanwältin an, lachte dazu in Richtung seiner Freunde im Zuhörerbereich des Gerichtssaales. Doch das Lachen dürfte ihm bald vergehen.

Der Mann soll vor zwei Jahren junge Frauen aus Rumänien unter Liebesvorspiegelungen in einen Böblinger Sex-Club auf der Hulb und in Bordelle in Stuttgart gebracht, durch Schläge und Drohungen zur Prostitution gezwungen und ihnen insgesamt 120 000 Euro abgenommen haben.

Jetzt sitzt der smarte 45-Jährige auf der Anklagebank der 19. Großen Strafkammer am Stuttgarter Landgericht. Die Anklage ist gewaltig: Besonders schwere Fälle der Zwangsprostitution mit zahlreichen Fällen der ausbeuterischen Zuhälterei, mehrfache vorsätzliche gefährliche Körperverletzung, Raub, versuchte räuberische Erpressung, Bedrohung - und Besitz kinderpornografischer Dateien.

Fast zwei Jahre lang hat die Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung der Zwangsprostitution gegen den Kosovaren, der in Deutschland geboren ist, ermittelt. Die jungen Rumäninnen hatten lange Zeit aus Angst keine Anzeige erstattet, bis schließlich eine 19-Jährige im Oktober letzten Jahres doch zur Polizei ging - und kurz danach vom Angeklagten in massiver Weise bedroht worden sein soll, bis er schließlich am 10. Dezember festgenommen wurde. Dabei wurden in seiner Wohnung laut Anklage eine ganze Menge kinderpornografischer Schriften und Bilder sichergestellt.

Doppelkopf-Adler tätowiert als Zeichen des Eigentums

Der Angeklagte soll den jungen Frauen Liebe vorgetäuscht haben, so die Anklage, sich als "Lover-Boy" das Vertrauen erschlichen und den Frauen vorgegaukelt, er werde ihren Familien finanziell helfen, wenn sie für ihn in Deutschland arbeiten würden. Dadurch, so die Anklage weiter, habe er sie von sich abhängig gemacht. Als Zeichen der Abhängigkeit und dass die Frauen sein Eigentum seien, habe er ihnen jeweils auf den Oberschenkel den albanischen Doppelkopf-Adler tätowiert. In der Szene bedeutet dies wohl, dass andere Zuhälter keinen Zugriff auf die Frauen haben dürfen.

Er habe jeweils einen täglichen Mindestumsatz vorgeschrieben, und dies mit Drohungen, er werde sie "kaputt machen und umbringen" sowie Schlägen bekräftigt. Durch Hiebe in das Gesicht seien mindestens drei der Prostituierten erheblich verletzt worden. Meist habe er den Frauen, die nicht gewillt waren, die vorgegebenen Umsätze zu erwirtschaften, Fotos gezeigt, auf denen durch Misshandlungen entstellte Gesichter anderer Frauen zu sehen sind - zur Abschreckung.

Neun Fälle hat die Staatsanwältin zusammengefasst. Die Frauen durften ohne ihn nicht auf die Straße, er nahm ihnen den Lohn ab, den sie in den Bordellen in Böblingen und Stuttgart erhalten hatten, und ließ ihnen täglich nur zwölf Euro für Zigaretten. Er habe vorgegeben, wie lange sie arbeiten mussten und vor allem welche sexuellen Praktiken sie von den Freiern erdulden mussten. Dabei auch Praktiken, die die Frauen abgelehnt hatten. Das soll der Angeklagte peinlich genau kontrolliert haben. Zwei der Frauen, die schwanger waren, soll er ebenfalls durch Schläge zur Weiterarbeit angehalten haben. Einer 19-Jährigen habe er 90 000 Euro, einer anderen Frau 30 000 Euro Verdienst abgenommen.

Am ersten Verhandlungstag am Freitag machte der 45-Jährige von seinem Recht des Schweigens Gebrauch. Sein Anwalt jedoch gab bekannt, dass der Mandant sich im Laufe des Prozesses noch äußern werde. Insgesamt hat die Stuttgarter Strafkammer Verhandlungstermine bis weit in den September dieses Jahres eingeplant. Dem Mann droht eine empfindliche Strafe. Einen Kollegen des Angeklagten hat dieselbe Strafkammer im Jahre 2016 wegen Zuhälterei zu über sechs Jahren Haft verurteilt.

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